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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2009

Der wichtigste Chefredakteur der Weimarer Republik

"Ich will mir gern die Finger verbrennen" - Theodor-Wolff-Ausstellung in Berlin

Von Vladimir Balzer

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Theodor Wolff war Chefredakteur des  "Berliner Tageblatts" (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)
Theodor Wolff war Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" (Stock.XCHNG / Natalie Souprounovich)

Theodor Wolff hatte als Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" großen politischen und gesellschaftlichen Einfluss. Die Nazis trieben ihn aus dem Land. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin erinnert nun an den großen Journalisten.

Bernd Sösemann ist regelmäßig dabei, wenn der angesehene Theodor-Wolff-Preis für Zeitungsjournalisten vergeben wird. Und jedes Mal nimmt ihn ein Preisträger kurz vor dem Festessen zur Seite und fragt: Der Preis ist ja schön, aber wer bitte war Theodor Wolff? Das ist der Moment für den Wissenschaftler von der FU Berlin etwas nostalgisch zu werden.

"Ich habe einen Lehrstuhl für Presse-, Medien- und Kommunikationsgeschichte. Also ich finde die älteren Zeitungen sind oftmals interessanter als die aktuellen."

Bei solchen Sätzen schauen jüngere Preisträger etwas mitleidig, aber Bernd Sösemann reagiert nie pikiert auf die Frage nach Theodor Wolff - dem wichtigsten Chefredakteur, den Deutschland zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Nazizeit hatte. Ein Mann, der mit seinem "Berliner Tageblatt" das politische Leben prägte, der Wahlen beeinflusste. Jedoch auch ein Mann, der heute im Schatten seines Theaterredakteurs Alfred Kerr steht. Kerr wird noch verlegt, Wolff nicht. Auch wenn er inhaltlich brillant war - sein Stil war einfach zu ausschweifend und umständlich.

"Das sind Essays, politische Essays."

Theodor Wolff war in seinem früheren Leben Schriftsteller und das konnte er auch als Leitartikler nicht vergessen machen. Er muss anders erinnert werden, meint sein Biograf Bernd Sösemann: weniger als Stilist, sondern eher als ein prominenter Journalist, der für ein liberales, demokratisches Deutschland kämpfte, als viele seiner Kollegen und auch einige Intellektuelle schon nach der Diktatur riefen.

"Er hat sehr anschaulich gesagt: Man kann eine drohende Diktatur nur bekämpfen, so lange sie nicht etabliert ist. Man kann den Schneeball aufhalten, aber nicht eine Lawine. Ob der linke oder der rechte Fuß eines Diktators mir im Nacken steht – ich will da nichts spüren!"

Als Ende Juli 1932 Reichstagswahlen anstanden, war die Ausgabe des Berliner Tageblattes, die auch in der Ausstellung hängt, mit riesigen Lettern überschrieben. Die 300.000 Leser sahen den Satz: "Gegen Diktatur – für Freiheit!" Und darunter: "Am Entscheidungstag darf niemand an der Urne fehlen." - Links darunter der Leitartikel, überschrieben mit "Um Alles!", gezeichnet mit T.W. – dem Chefredakteur.
Er macht den Wählern klar, es könnte ihre letzte Möglichkeit sein, überhaupt zu wählen. Sie sollten sie nutzen.

"Leitartikel waren kleine Abhandlungen, es ist unvorstellbar heute in diesem Stil zu kommentieren, das bedeutete, dass so ein Leitartikel zwei drittel der ersten Seite einnahm und dann noch auf der zweiten Seite, ein-, zweispaltig weiterlief.
Da muss der normale Zeitungsleser in jeder zehnten Zeil nachschlagen, welcher Begriff das wohl ist. Wolff sprach fließend französisch und hatte dann französische und auch lateinische Zitate oder Wendungen, obwohl er nie Abitur gemacht hatte."

Das "Berliner Tageblatt" und auch andere Qualitätszeitungen jener Zeit – die "Vossische" oder die "Frankfurter Zeitung" – waren viel meinungsfreudiger als heutige Blätter. Das Radio war noch nicht verbreitet, das Fernsehen sowieso nicht, das Kino war unpolitisch. Also wurden die Debatten in der Zeitung geführt. Theodor Wolff war ein Begründer des modernen Feuilletons – erst später unterlag es dem Primat der Politik in einer Zeitung.

Wolff holte nicht nur besagten Alfred Kerr in seine Redaktion. Bei ihm schrieben auch Tucholsky und Joseph Roth. Regelmäßig.

Die kleine Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin kann nur vereinzelte Originalobjekte aus dem Nachlass von Theodor Wolff zeigen. Das Meiste hütet das Bundesarchiv und gibt es nicht heraus, zu wertvoll fürs Reisen, heißt es dort. Immerhin sind in den Vitrinen einige seiner Briefe zu finden, oder auch Wolffs ambitionierte Schülerzeitung von 1886. Fotos sind in dieser Ausstellung zu sehen, auf denen man die Geliebten des Chefredakteurs erkennt, vor allem Schauspielerinnen. Seine Liebe zum Theater hatte aber auch andere Facetten. Er förderte früh Gerhart Hauptmann, als ihn noch niemand kannte. Und verstieß ihn, als der sich den Nazis anbiederte. Aber auch Wolffs Austrittschreiben aus der von ihm begründeten "Deutschen Demokratischen Partei" ist zu sehen. Er hatte sie als liberale Partei gegründet, aber eines Tages stimmte sie einem Zensurgesetz zu. Der Chefredakteur des "Berliner Tageblattes" zögerte nicht lange und schrieb dem Parteichef an dessen Privatadresse: Ich trete aus.

So war er, dieser Theodor Wolff: unabhängig im Geist. Als der deutsche Jude Wolff ins Exil gedrängt wurde, verstummte er als Journalist, 1943 starb er elend im unterversorgten Jüdischen Krankenhaus von Berlin. Seine Krankheit wäre ohne Weiteres behandelbar gewesen.

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