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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 11.05.2012

Der Schlächter von Lyon

Vor 25 Jahren: Prozess gegen ehemaligen Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie

Von Frank Kempe

Lyons Ex-Gestapochef Klaus Barbie beim Prozessauftakt in Lyon (AP Archiv)
Lyons Ex-Gestapochef Klaus Barbie beim Prozessauftakt in Lyon (AP Archiv)

Der ehemalige Gestapo-Chef der französischen Stadt Lyon, Klaus Barbie, wurde wegen seiner Grausamkeit auch als "Schlächter" bezeichnet. Der Fall Barbie war für Frankreich von ähnlich symbolischer Bedeutung wie der Eichmann-Prozess für Israel.

Um Punkt ein Uhr mittags am 11. Mai 1987 betritt ein kleiner, schmächtiger Mann den überfüllten Gerichtssaal. Das Gesicht blass und verhärmt, die wenigen Haare weiß. Zwei Polizisten führen Klaus Barbie in Handschellen zur Anklagebank.
Mit 73 Jahren muss sich der sogenannte Schlächter von Lyon doch noch vor Gericht verantworten – Genugtuung für die Angehörigen der Ermordeten, aber auch für die Journalistin Beate Klarsfeld, die den ehemaligen SS-Offizier 15 Jahre zuvor in Bolivien aufspürte.

"Ich glaube, wenn ein Mann wie Barbie, der jahrelang unbestraft in Südamerika leben konnte und sich auch nicht schämte vor Presseleuten stolz auf seine Vergangenheit zu sein, dass der eines Tages vor Gericht gestellt wird, ich meine, das gibt Hoffnung in Gerechtigkeit."

700 Journalisten aus aller Welt verfolgen in Lyon den Prozess. Sie erleben einen Angeklagten, der einsilbig darauf beharrt, "Klaus Altmann" zu sein - unter diesem Falschnamen hat Barbie jahrzehntelang in La Paz gelebt. Mit besten Kontakten zur herrschenden Junta. Sogar Präsidentenberater war er, bis ihn die erste demokratisch gewählte Regierung Boliviens auslieferte – darüber beschwert er sich im Prozess.

"Den Richtern und Geschworenen des Gerichtshofes von Lyon teile ich mit, dass ich illegal hier bin als Opfer einer Entführung, mit der sich zur Zeit das Oberste Gericht in Bolivien befasst."

Barbie wurde in den 50er-Jahren in Frankreich bereits zwei Mal in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Taten sind 1987 verjährt. Jetzt werden ihm Verbrechen gegen die Menschheit vorgeworfen. Es ist der erste Prozess dieser Art überhaupt in Frankreich.

"In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische Kinderheim in Izieu ausgehoben. Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren festgenommen. Der Abtransport nach Drancy erfolgt am 7.4.44. Gezeichnet: Barbie, SS-Obersturmführer."

Die Kinder wurden später in Auschwitz ermordet. Das Fernschreiben über ihre Verhaftung ist eines der zentralen Beweisstücke aus 23.000 Seiten Ermittlungsakten. Sie zeichnen das Bild eines fanatischen Handlangers der Nazi-Ideologie, auf dessen Befehl tausende französische Widerstandskämpfer und Juden verfolgt und ermordet werden.

Klaus Barbie, 1913 in Bad Godesberg als Sohn eines Lehrer-Ehepaars geboren, wird schon als Abiturient Mitglied der NSDAP. 1935 Eintritt in die SS: Im Zweiten Weltkrieg jagt er zunächst in Amsterdam Juden und Widerstandskämpfer. Dann 1942 die Beförderung zum Gestapo-Chef von Lyon: "Ich bin gekommen, um zu töten", soll Barbie bei seiner Ankunft gesagt haben.

Vor Gericht erinnern sich Zeugen an einen Mann, der Menschen mit Vergnügen quälte:

"Er drehte die Köpfe der am Boden liegenden Gefangenen um, Männer wie Frauen, und zertrat sie mit dem Stiefel, wenn er glaubte es handele sich um Juden. Jude – er zischte bei dem Wort wie eine Schlange."

Jean Moulin – den Anführer der Résistance – soll Barbie eigenhändig zu Tode gefoltert haben. Durch Verrat war Moulin in Barbies Hände geraten – zwar ist der Fall nicht Gegenstand der Anklage. Dennoch löst der Prozess in Frankreich eine scharfe Kontroverse über die Kollaboration mit den Deutschen aus.

Dass der US-Geheimdienst CIC Barbie nach dem Krieg zur Flucht verhalf, ist beim Prozess in Lyon allenfalls am Rande ein Thema. Überhaupt nicht bekannt ist damals die Rolle des deutschen Bundesnachrichtendienstes. Erst im vergangenen Jahr enthüllte der junge Historiker Peter Hammerschmidt, dass auch der BND und der deutsche Verfassungsschutz in engem Kontakt zu Barbie alias Altmann standen – belegt durch Dokumente anderer Geheimdienste.

"Dieses Aktenmaterial legt die Vermutung nahe, dass Barbie eben bei seinen Reisen, die nachweislich bis 1980 in die Bundesrepublik durchgeführt wurden, eben auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz protektiert wurde – zu einem Zeitpunkt, als Barbie identifiziert war, und – so zeigt das Aktenmaterial – offenbar hat Barbie in Deutschland eben auch neofaschistische Organisationen aufgebaut und hat eben auch dort Waffendeals abgewickelt."

Am 4. Juli 1987 wird Klaus Barbie in Lyon schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Jahre später stirbt er im Gefängnis an Leukämie – ein Wort der Reue kam nie über seine Lippen.

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