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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.12.2010

Der "richtige“ Daniil Charms

Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg (Hg.): "Daniil Charms. Werke", Verlag Galiani Berlin

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"Daniil Charms. Werke" zeigt unterschiedliche literarische Genres des russischen Wortakrobatens (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
"Daniil Charms. Werke" zeigt unterschiedliche literarische Genres des russischen Wortakrobatens (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Der Grund für die neue Daniil Charms-Edition war die Unzufriedenheit der Herausgeber mit den bislang vorliegenden Charms-Ausgaben. Alexander Nitzberg und Vladimir Glozer liefern zwei von vier Bänden mit Werken des Pioniers des russischen Dadaismus.

Nun kommt der "richtige" Daniil Charms! Einer, den sie aus seiner akademischen Sperrholz-Verpackungskiste befreit haben, dem sie die Holzwollfäden von den nicht sehr vornehmen Sachen gepustet haben (oder so drapiert, dass es lustig aussieht) und der eine ganz und gar überzeugende Figur macht, wie er, auf seinem Schrank sitzend, Gedichte rezitiert oder diese schrägen Prosastücke, über die man sich halb kranklacht, ohne recht zu wissen, warum!

Wie das geht? Zunächst einmal mit viel Unzufriedenheit. Denn der (gebürtige Moskauer) Herausgeber und Nachdichter Alexander Nitzberg breitet in seinen Nachworten sein Unbehagen an den bislang vorliegenden Charms-Ausgaben ohne falsche Scheu vor harter Kollegen-Kritik aus. Und er begründet und verteidigt seine Versionen beziehungsweise die Beate Rauschs im Fall der Prosa einleuchtend. Dies wie auch die unbekümmert am Fuß vieler Seiten erscheinenden Erklärungen machen diese Ausgabe zu wirklichen Arbeitsbüchern. Wer mit Fragen des literarischen Übersetzens oder des Nachdichtens befasst ist oder sich dafür interessiert, wird hier Anregungen finden.

Nitzberg begreift (und zitiert) Charms als den Performer, der er war. Und ein Charms-Satz wie: "Die Kraft, die im Wort steckt, muss befreit werden." hat für ihn eine sehr konkrete Folge. Es geht um Klanglichkeit, um den Vortrag, um das Gedicht als Ereignis, nicht nur als Text. Daraus erwachsen strenge Kriterien, auch wenn deren Ziel das höchste Maß an Verspieltheit, an Nonsens, an Sprachkomik und Albernheit manchmal, sein mag. Fragen des Metrums und des Reimschemas sind da keine Nebensachen, über die man sich zur Not mit interlinearer Prosa hinwegmogeln kann. Wer durch die unerbittliche Schule Puschkins gegangen ist, der weiß sehr genau, was es mit der Musikalität von Versen auf sich hat. Der sieht aber auch, wenn diese Musikalität bewusst durchbrochen oder geradezu durchschossen wird wie bei Charms und geht darauf ein.

Es lässt sich Ähnliches von der Prosa sagen. Manches an ihr wird verständlicher, klarer. Vor allem aber wirkt sie entschlackt und auf den Punkt gebracht, jeder Schnipsel aus einem zum Teil wüsten Konvolut von Fragmenten oder Kurztexten ernst genommen und verdichtet bis zu seiner größten Schlagkraft, die oft strotzt vor schwarzem Humor.

Der "richtige" Charms ist da! Es fehlen nur noch zwei Bände dieser wundervollen Ausgabe!

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg (Hg.): Daniil Charms. Werke

Band 1: Trinken Sie Essig, meine Herren (Prosa)
Aus dem Russischen von Beate Rausch
270 Seiten, 24,95 Euro

Band 2: Sieben Zehntel eines Kopfs (Gedichte)
Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg
320 Seiten, 24,95 Euro
Verlag Galiani Berlin, Berlin 2010

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