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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 27.12.2011

Der nette Hacker von nebenan

Programmieren für den guten Zweck

Von Wolfgang Noelke

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Bei "Random Hack of Kindness" stellen die Teilnehmer ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache. (Stock.XCHNG / Müjde Yavuz)
Bei "Random Hack of Kindness" stellen die Teilnehmer ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache. (Stock.XCHNG / Müjde Yavuz)

Jedes halbe Jahr wetteifern Programmierer und Computerfreaks weltweit um das beste Programm, das Menschen weiterhilft. Beim Wettbewerb "Random Hack of Kindness" opfern sie ihre Freizeit, um z.B. barrierefreie Angebote zu entwickeln. Eine Gruppe aus Berlin entwarf eine Website, die Behinderte vor defekten Fahrstühlen warnt.

So jubeln Hacker. Nur noch ihre übermüdeten Augen verraten etwas von den anstrengenden vergangenen 32 Stunden. Neben leeren Tee- und Kaffeebechern sowie den in Hackerkreisen üblichen, szenetypischen Getränkeflaschen suchte man Berge leerer Pizzakartons vergebens im Kreuzberger Beta-Haus. Doch mehr als an den dargebotenen Speisen interessierten sich die 60 Computerfreaks für Bildschirm-Menüs der verschiedenen Programme, die sie innerhalb von zwei Tagen gemeinsam konstruieren, oder, wie eine der Organisatorinnen, Jeanette Gusko, korrigiert, hacken wollen: neue Programme für einen guten Zweck.

"Vielleicht findet man hier die Gut-Hacker. Um beispielsweise für Menschen mit Gehbehinderungen darstellen zu können, wo und an welcher Stelle denn Fahrstühle funktionieren und wo eben nicht - dies visualisieren zu können, für Leute, die sozusagen barrierefrei einfach solche Technologien nutzen."

Diese Software hilft Menschen mit Behinderungen oder schwerem Gepäck, auch die nächste Haltestelle mit funktionierendem Fahrstuhl zu finden.

Eine andere Anwendung hilft der Organisation "Reporter ohne Grenzen": Journalisten und Bloggern, die aus Diktaturen berichten, soll sie eine gewisse Sicherheit bieten. Dabei handelt es sich um ein Meldesystem, das ständig Kontakt zur Organisation "Reporter ohne Grenzen" hält, die nach verschwundenen Journalisten sucht, sollte der Kontakt abbrechen.

Auch die Wünsche anderer Hilfsorganisationen erfüllten die freundlichen Hacker:

"Wir machen einen Like-Button, wie man ihn vielleicht von Facebook kennt oder Google+, und machen den offline: Zum Beispiel möchte man mehr Fahrradständer für einen Kindergarten haben, dann hängt ein Plakat mit 'Wir möchten mehr Fahrradständer'. Da ist ein Code und den kann man mit dem Handy einscannen - und dann kommt man auf eine Seite und kann sagen 'Ja, möchte ich auch', einfach um zu zeigen, ich bin auch dabei, meine Stimme abzugeben - und das setzen wir jetzt um."

Die junge Designerin Milena Glimbovski hat noch nie programmiert, aber sie weiß, wie eine Webseite aussehen soll, damit sie leicht bedient werden kann:

"Ich machte nur das Konzept für die Gestaltung. Techniker können ihre Wünsche nicht in Worte fassen, was das Design angeht."

Milena kann das offensichtlich sehr gut. Sie ist die zentrale Vermittlungsstelle des achtköpfigen Programmierer-Teams und sorgt dafür, dass die späteren Anwender das neue Programm verstehen und leicht bedienen können. Einer der Programmierer ist Klaas, der als hauptberuflicher Softwareentwickler für den guten Zweck gern auf sein freies Wochenende verzichtete:

"Der auslösende Faktor ist einfach, dass ich die Idee super finde, meine Möglichkeiten als Entwickler für einen guten Zweck einzusetzen, dass ich halt Spaß habe mit anderen Entwicklern und auch Nicht-Entwickler kennenzulernen, um mit denen mal zusammenzuarbeiten. Dann lernt man natürlich auch immer mal wieder neue Technologien kennen, tauscht sich aus und eigentlich bringt das extrem viel Spaß und wir tun auch noch was Gutes dabei."

Dies ist die Motivation der freundlichen Hacker, für die gute Sache Freizeit zu opfern. Für die in München lebende gebürtige Amerikanerin Lori Grosland, war das ebenfalls ein Grund, nach Berlin zu reisen, in die einzige deutsche von 23 internationalen Städten, in denen der Wettbewerb "Random Hack of Kindness" alle halbe Jahre gleichzeitig stattfindet:

"Die Idee finde ich super spannend, dass man kommt zusammen und programmiert für einen guten Zweck und dann natürlich auch mit anderen Leuten, die auch gern programmieren, zusammenzukommen, Networking zu machen und was Gutes zu tun."

Holger Dieterich will mit seinen Teammitgliedern, die er erst bei der Veranstaltung kennenlernte, weiter zusammenarbeiten. Sie gewannen den zweiten Preis für das kleine Programm, das im weltweiten U-Bahnlinien-Netz Rollstuhlfahrer vor kaputten Fahrstühlen warnen soll:

"Ich bin guten Mutes, dass wir das Projekt, das jetzt sozusagen als Beta-Version online ist, noch weiter vervollständigen können, damit es einen echten Nutzen hat. Zum einen für die Menschen, die selbst betroffen sind, aber eben auch, dass die Verkehrsbetriebe jetzt bei diesem Projekt 'Broken Lifts' selbst sehen können, wie sie sich selber noch verbessern können."

Die Gelegenheit zum "freundlichen Hacken" gibt es bereits wieder im nächsten Juni. Die Idee zu dem gemeinsamen Programmieren für einen guten Zweck entstand spontan während eines Kongresses großer Software- und Internetunternehmen, erinnert sich Anke Domscheit-Berg, Organisatorin des Berliner Hacker-Marathons:

"Das waren Menschen, die von Google kamen, von Microsoft kamen, von Yahoo kamen, aber auch Organisationen wie die Nasa und die Weltbank sind im Prinzip von Anfang an dabei. Eine der allerersten Lösungen, die auf einem Random Hacks entwickelt worden ist, ist zum Beispiel der People Finder. Nach einer großen Katastrophe, wie zum Beispiel das Erdbeben in Japan in der Gegend von Fukushima hat es nur anderthalb Stunden gedauert, bis genau für diese Bedürfnisse so ein People Finder - so ein Menschen-Wiederfinder - installiert gewesen war und programmiert und funktioniert, mit japanischen Zeichen, mit allem Drum und Dran."

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