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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.02.2011

Der Mythenschöpfer

H.P. Lovecraft: "Grusel-Box", Eichborn 2011, 4 CDs

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Dichte Wälder gehören zu den Schauplätzen in den Erzählungen von H.P. Lovecraft. (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)
Dichte Wälder gehören zu den Schauplätzen in den Erzählungen von H.P. Lovecraft. (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)

Howard Phillips Lovecraft (1890 – 1937) führte das Leben eines Sonderlings und wohnte überwiegend in seiner Geburtsstadt Providence, Rhode Island. Heute gehört er mit Edgar Allan Poe und Ambroce Bierce zu den Meistern der amerikanischen Gruselgeschichte.

Howard Philipps Lovecrafts Meisterwerke entstanden in den letzten zehn Jahren seines Lebens – nach einem gescheiterten Aufenthalt in New York; Michel Houellebecq schrieb in einem Essay über Lovecraft: "1926 war sein Leben im eigentlichen Sinne zu Ende, sein eigentliches Werk lag noch vor ihm."

Lovecrafts Bedeutung liegt stilistisch in seinen penibel realistischen Beschreibungen übernatürlicher Phänomene und inhaltlich in seiner Erschaffung schwarzer, böser Mythen. Im Haupttext der vorliegenden Kassette, der Meistererzählung "Die Farbe aus dem All", läuft der Mythenschöpfer Lovecraft von Anfang an zu großer Form auf. Da soll ein vermaledeites Tal geflutet werden, in dem Jahre zuvor ein Meteorit niedergegangen war:

"Dann werden die dunklen Wälder gefällt sein und die verfluchte Heide wird tief unter blauen Wassern schlummern, deren Oberfläche den Himmel widerspiegeln und sich im Sonnenlicht leicht kräuseln wird. Und die Geheimnisse der seltsamen Tage werden eins sein mit den Geheimnissen der Tiefe; eins mit den verborgenen Sagen des Ozeans und allen Mysterien der vorzeitlichen Erde."

"Die Farbe aus dem All" von 1927 bedeutet einen ersten künstlerischen Höhepunkt in Lovecrafts Schaffen, die Interpretation der Erzählung ist durchweg gelungen, weil der Text immer im Vordergrund steht. Simon Jäger liest ihn ruhig, aber nicht monoton, kaum merkbar moduliert er Klang und Stimme, wenn sich die Atmosphäre der Handlung ändert. Auch die musikalische Untermalung durch das Orchester der Schatten hält sich angenehm zurück, illustriert sinnreich unheilverkündende Erscheinungen, kann aber auch schweigen, wo es geboten ist, zum Beispiel bei scheinbar rationalen, wissenschaftlich begründeten Passagen.

"Während sich die anderen Beobachter auf dem sturmumtosten Hügel bereits teilnahmslos der Straße zugewandt hatten, schaute Ammi noch für einen Augenblick zurück in das finstere Tal der Verwüstung, in dem noch vor so kurzer Zeit sein unglückseliger Freund gelebt hatte. Und von diesem heimgesuchten, weit entfernten Ort sah er etwas schwach aufsteigen und gleich darauf auf die Stelle zurücksinken, von der aus der formlose Schrecken in den Himmel geschossen war. Es handelte sich dabei nur um eine Farbe – allerdings um keine Farbe von dieser Welt."

Eindringlich schildert Lovecraft den unaufhaltsamen Verfall der Vegetation und das Dahinsterben aller Lebewesen, ebenso eindringlich ist die Lesung: einerseits bedächtig, andererseits immer beunruhigend. Und großartig die lange Sequenz, in der Simon Jäger als sterbender Bauer seine letzten Worte haucht, mal pfeifend, mal tonlos, mal heiser-gequetscht, am Schluss nur noch röchelnd.

Neben der "Farbe aus dem All" werden uns drei frühere Geschichten vorgestellt, darunter "Das Bild im Haus". Ein junger Mann findet in einem heruntergekommenen Holzhaus ein Buch des Weltreisenden Antonio Pigafetta, darin die Abbildung eines kannibalischen Metzgerladens. Panisch fragt sich der Erzähler, ob der alte Mann, der hier haust, etwa ähnliche Neigungen hegt, denn dieser macht keinen Hehl aus seiner Faszination für das Bild.

"Beim Allmächtigen, junger Mann, erzählen Sie niemandem davon, aber ich schwöre bei Gott, dieses Bild machte mir Appetit auf Speisen, die ich weder züchten noch kaufen konnte – aber bleiben Sie doch ruhig sitzen, was haben Sie denn? – Ich habe doch nichts getan, ich fragte mich nur, wie es wäre, wenn ich es täte – Man sagt, Fleisch bildet Blut und Fleisch und gibt einem neues Leben, also fragte ich mich, ob ein Mensch nicht länger und länger leben könnte, wenn das Fleisch mehr von gleicher Art wäre –"

Vielleicht wäre der Effekt noch gruseliger gewesen, wenn der Sprecher Torsten Sense dem seltsamen Alten eine kleine Portion Selbstzweifel oder gar Verzweiflung über seinen speziellen Geschmack mitgegeben hätte.

Die Namen der Übersetzer sind übrigens nirgendwo genannt. Das ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht, aber bei Hörbuchverlagen leider weit verbreitet.

Davon abgesehen ist die Kassette eine schöne Einführung in das makabre Denken des Gruselmeisters Lovecraft, die Sprecher verleihen dem jeweiligen Erzähler glaubwürdig das passende Gefühl: seine Angst, seine Resignation, seinen Abscheu, und zugleich verdeutlichen sie uns die Anziehungskraft einer unbegreifbaren Welt.

Besprochen von Peter Urban-Halle

H.P. Lovecraft: Grusel-Box. Dunkle Geschichten. Wälder der Finsternis
Aus dem Englischen von Susanne Althoetmar-Smarczyk, Anke Püttmann und Matthias Manzke
Gelesen von Simon Jäger, Simon Newby und Torsten Sense
Musik: Das Orchester der Schatten
Produktion: Matthias Manzke
Eichborn Hörbuch, Frankfurt/Main 2011
4 CDs, 240 Minuten, 14,95 Euro

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