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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 11.08.2017

Der mutige ägyptische Arzt Mohamed HelmyEin Muslim als Judenretter

Von Jens Rosbach

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Eine jüdische Familie flüchtet unter dem Gelächter von Wehrmachtssoldaten (picture alliance / dpa / UPI)
Eine jüdische Familie flüchtet unter dem Gelächter von Wehrmachtssoldaten (picture alliance / dpa / UPI)

Für seine jüdischen Patienten war der Ägypter Mohamed Helmy mehr als ein Arzt: Er war ein Freund. In der NS-Zeit rettete der Araber mehreren Juden in Berlin das Leben – und zeigte sich dabei äußerst erfindungsreich.

Berlin, Ende der 1930er, Anfang der 1940er Jahre. In der Reichshauptstadt betreibt die Jüdin Cecilie Rudnik einen Obstgroßhandel am Alexanderplatz – bis sie von den Nationalsozialisten enteignet wird. Schließlich droht die Deportation. In ihrer Not sucht die Familie Hilfe bei Mohamed Helmy. Der Ägypter ist seit Jahren ihr Hausarzt – und ein guter Freund, erklärt Igal Avidan:

"Sie waren seine Patienten. Und er hat sie behandelt in einer Zeit, wo eigentlich arische Ärzte – sogenannte arische Ärzte, deutsche Ärzte – nicht mehr jüdische Patienten behandeln wollten. Und so entstand diese Beziehung, die mehr war als eine Beziehung zwischen Arzt und Patienten, es wurde zu einer Freundschaft."

Igal Avidan hat drei Jahre lang die ungewöhnliche Geschichte recherchiert. Der israelische Autor, der in Berlin lebt, hat dutzende Zeitzeugen befragt und historische Dokumente gelesen über den muslimischen Judenretter.

"Helmy war nicht jemand, der privilegiert war, der eine bequeme Position hatte. Helmy war selbst Opfer der Nazis. Helmy wurde interniert, er durfte seine deutsche Verlobte nicht heiraten, weil wer kein Arier war. Also er hat schon genug gelitten – und trotzdem hat er dieses Risiko auf sich genommen und hat geholfen."

Rassistische Sprüche am Arbeitsplatz

Wer war dieser selbstlose Arzt? Mohamed Helmy, der sich später Mod Helmy nannte, wird 1901 in einer wohlsituierten ägyptischen Familie geboren. Er wächst in Kairo auf und kommt 1922 nach Berlin, um hier Medizin zu studieren. Doch mit der Machtergreifung der Nazis bekommt Helmy Probleme: An seinem Berliner Krankenhaus, wo er sich ausbilden lässt, werden viele Stellen mit NS-Medizinern besetzt. Die Ärzte machen rassistische Sprüche über den dunkelhäutigen Kollegen. Sprüche wie:

"Es ist unerhört und beleidigt unsere Rassengefühle, wenn ein Schwarzer, noch dazu als Urologe, blonde Frauen behandeln darf."

Gefangener der Nazis

Helmy darf schließlich nicht weiter am Universitäts-Krankenhaus arbeiten und muss eine Privatpraxis bei sich zu Hause eröffnen. Doch dann wird er verhaftet. Denn im Oktober 1939 trifft er auf der Straße Alfred Heß, den Bruder von Rudolf Heß – Hitlers Stellvertreter. Alfred Heß war kurzzeitig von der britischen Kontrollmacht in Ägypten interniert worden als "feindlicher Ausländer". Nun ärgert sich der glühende Nazi, wie denn "ein unverschämter Orientale" wie Helmy auf den Straßen Berlins frei herumlaufen dürfe. Heß veranlasst die Inhaftierung von Helmy und von dutzenden weiteren Arabern: Geiseln für einen geplanten Gefangenenaustausch mit den Briten. Nach Angaben von Autor Avidan wurde der muslimische Arzt damals von der großen, internationalen Politik benutzt:

"Er war ein Spielball zwischen den Großmächten."

Notlügen im Gefängnis

Mehr als zwei Monate sitzt Mod Helmy in der Berliner Haft, bis er für 30 Tage frei kommt. Um nicht erneut eingesperrt zu werden, taktiert der Arzt  und lügt die NS-Behörden an. Er versichert:

"Ich bin Deutsch-Ägypter, englischer Gegner!"

Helmy schreibt, er wolle dem deutschen Volk "treu und gewissenhaft" dienen. Unter seinem Brief steht: "Heil Hitler!"

Doch die Ergebenheitsadressen nützen nichts. 1940 wandert Helmy erneut ins Gefängnis, diesmal für neun Monate. Erst der Ärztemangel des kriegstreibenden Landes führt zu seiner Freilassung. Helmy darf wieder eine Praxis betreiben.

Wie Helmy die Nazis austrickste

Nun, in Freiheit, kann er auch wieder die befreundete jüdische Familie unterstützen. Er hilft mit Ratschlägen und mit Geld. Da die Familie rumänische Wurzeln hat und nichtjüdische deutsche Männer eingeheiratet haben, bleiben die jüdischen Frauen vorerst von der Deportation verschont.

Doch ab 1942 nehmen die Nazis keine Rücksicht mehr. So besorgt Helmy der enteigneten Unternehmerin Cecilie Rudnik eine Adresse, wo sie untertauchen kann. Dann wird es auch für Rudniks Enkelin Anna brenzlig: Die Gestapo fordert sie auf, das rumänische Konsulat aufzusuchen und auszureisen. Jahrzehnte später erinnert sich Anna an einen ungewöhnlich ehrlichen Konsularbeamten:

"Der Beamte riet mir beim Stempeln des Passes, auf keinen Fall nach Rumänien zu reisen, denn ich würde niemals dort ankommen und der Tod wäre mir gewiss."

Rumänien ließ zu jener Zeit viele Juden nach Osten deportieren, wo sie von rumänischen oder deutschen Besatzungstruppen ermordet wurden oder verhungerten. Anna tauchte also – ähnlich wie ihre Großmutter –  in Berlin unter. Für sie greift Helmy zu einer riskanten List: Er versteckt die 15-Jährige nicht heimlich, sondern stellt die Jüdin als angebliche ägyptische Arzthelferin in seiner Praxis ein. Fortan wird sie den Patienten Theater vorführen, erklärt Igal Avidan:

"Vielleicht konnten sie sich nicht vorstellen und die Gestapo auch nicht, das ausgerechnet ein Araber eine Jüdin unterstützt und versteckt."

Der Berliner Buchautor Igal Avidan resümiert: Mediziner Mod Helmy – und auch seine deutsche Verlobte Emmy Ernst – riskieren mit der Hilfsaktion ihr Leben.

"Er konnte auch nicht anders. Er kannte diese Leute, das waren seine Patienten – und da konnte er sie nicht im Stich lassen, in einer Situation, wo sie verfolgt wurden und wo sie eine Zuflucht suchten."

Ein abenteuerlicher Rettungsplan

Helmy weiß: Das Versteckspiel in der Reichshauptstadt kann jeden Tag auffliegen. Deshalb will er Anna außer Landes zu bringen. Dafür entwickelt er einen weiteren abenteuerlichen Plan. Die Jüdin soll einen Moslem heiraten. Dafür muss sie pro forma zum Islam übertreten und einen Ägypter zum Mann nehmen, erklärt Igal Avidan:

"Was ich inzwischen rausfinden konnte ist, dass damals die Frau in den ägyptischen Pässen in den Pässen des Mannes eingetragen wurde. Deswegen wäre es eine gewisse Hilfe und ein gewisser Schutz für Anna, wenn sie mit einem muslimischen Ägypter verheiratet ist – dann kann sie praktisch mit seinem Pass Deutschland verlassen. Ich glaube, das war die Idee."

In dem Dokument, das Helmy trickreich und mit Hilfe mehrerer Unterstützer  samt Briefkopf des Islamischen Zentralinstituts in Berlin erhält, steht dann auch schwarz auf weiß:

"Mit dem Übertritt von Fräulein Annie Boros zur islamischen Religion ist sie nun Muslimin geworden. Sie kann infolgedessen nach den religiösen Bestimmungen des Islam eine Ehe mit einem Mohammedaner eingehen."

Aus Anna, die Jüdin, wird Nadja, die Muslimin

1943 wird die 17-jährige Jüdin mit einem 36-jährigen Ägypter verheiratet. Doch das zuständige Berliner Standesamt verweigert die Anerkennung. Die Lage in Helmys Haus wird für Anna immer brenzliger, auch wenn sie sich jetzt Nadja nennt. Das berichtet der Berliner Journalist Ronen Steinke im kürzlich vorgestellten Dokumentarfilm "Mohamed and Anna":

"Nadja hat vom zweiten Stock aus regelmäßig beobachten müssen, wie die Bewohner ihres Hauses von der Gestapo abgeholt wurden morgens um sechs Uhr. Sie wird gesehen haben, wie Freunde und Nachbarn deportiert wurden in Konzentrationslager. Die Familie Konitzer zum Beispiel, die gleich rechts von den Helmys wohnte, wurde von ihrer Wohnung nach Auschwitz verschleppt."

Hier einige Eindrücke aus dem genannten Dokumentarfilm:

Versteck in einer Laube

Ronen Steinke hat gerade ein Buch über den ägyptischen Judenretter veröffentlicht – unter  dem Titel "Der Muslim und die Jüdin". Darin beschreibt er, wie das jüdische Mädchen in einer Laube im Norden Berlins lebt, auch um sich vor den zunehmenden Bombenangriffen auf Berlin zu schützen.

Anfang 1945 steigt die Verhaftungsgefahr, als Annas Mutter – die mit einem Deutschen verheiratet ist – kurzzeitig gefangen genommen wird und das Versteck ihrer Tochter verrät. Doch Helmy schafft es, weitere Helfer zu finden und Anna vor der Gestapo zu schützen. Bis zum Kriegsende, sagt Ronen Steinke im Dokumentarfilm.

"Als sie sicher waren, dass die Gestapo kein Interesse mehr an einer Verfolgung hatte, nahm sie ihre Tasche und am 21. April befreiten die Russen den Berliner Stadtteil Buch. Und an diesem Tag konnte Anna zum ersten Mal ihren Hijab abnehmen und stolz und frei sagen, dass sie kein arabisches Mädchen war, sondern dass sie ein jüdisches Mädchen ist, das untertauchen musste, und dass sie gerettet wurde von Dr. Helmy."

Eine Ehren-Medaille aus Israel

Nach 1945 muss der muslimische Held allerdings jahrzehntelang für eine Entschädigungszahlung und für gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Anna jedoch, die nach dem Krieg in die USA geht, hält bis zu Helmys Tod 1982 Kontakt zu ihrem einstigen Beschützer. 2013 wird Helmy – als erstem Araber überhaupt – von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem posthum die Medaille "Gerechter unter den Völker" verliehen. Igal Avidan, der israelische Berliner, publiziert in Kürze ebenfalls ein Sachbuch über den Judenretter. Es heißt "Mod Helmy" und soll ein Zeichen setzen für eine jüdisch-muslimische Verständigung, erklärt der Autor.

"Es war für mich sehr interessant, mich in Helmys Gedanken hinein zu versetzen. Denn sehr schnell stellte ich fest, dass ich nicht mehr an den Araber, an den Ägypter, an den Muslim Helmy denke, sondern an den Menschen Helmy. Denn das, was er tat, hat er nicht unbedingt als Ägypter, als Araber, als Muslim getan, sondern als Mensch. Das hatte in den seltensten Fällen mit seiner Herkunft zu tun."

(leicht geänderte Online-Fassung: mw)

Literatur zu Mohamed Helmy:

Igal Avidan: Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete
284 Seiten; 20 Euro; dtv

Ronen Steinke: Der Muslim und die Jüdin: Die Geschichte einer Rettung in Berlin
208 Seiten; 20 Euro; Berlin Verlag

Auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem informiert über die Geschichte von Dr. Helmy:
http://www.yadvashem.org/righteous/stories/helmy-szturmann

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(Deutschlandfunk Kultur, Lange Nacht, 28.01.2017)

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