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Zeitfragen | Beitrag vom 19.05.2017

Der milde BlickWie deutsche Verlage mit ihrer NS-Geschichte umgehen

Von Philipp Gessler

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Buchdeckel von "Mein Kampf" des Prager Verlages "Otakar II".   (picture alliance / dpa / CTK Pesko)
Nach 1945 wollte kein deutscher Verleger Bücher für Hitler produziert haben. (picture alliance / dpa / CTK Pesko)

Nach 1945 wollte keiner der deutschen Verleger Bücher für Hitler produziert haben. Bis heute tun sich viele Verlage schwer mit der NS-Verstrickung ihrer Gründerväter. Erst seit der Jahrtausendwende wird das unliebsame Erbe in nennenswertem Umfang aufgearbeitet - von manchen.

Viele deutsche Verleger waren sich nach 1945 keiner Schuld bewusst. Wie die Gesellschaft auch, machten sie weiter, als sei nichts gewesen, als hätten sie nicht auch in den Jahren zuvor Bücher verlegt, teilweise sehr erfolgreich und profitabel.

Verlegerpersönlichkeiten wie Kurt Desch, Eduard Reifferscheid, Joseph Caspar Witsch und Lothar Blanvalet sprachen nicht über ihr Tun unter den braunen Machthabern. Erst seit der Jahrtausendwende wird die NS-Geschichte deutscher Verlage in nennenswertem Umfang aufgearbeitet. Dennoch tun sich große Häuser bis heute schwer, die NS-Verstrickung ihrer Gründerväter öffentlich zu benennen. Ein Feature über ein langes Schweigen und nur zaghafte Blicke zurück.


Das Manuskript im Wortlaut:

Joseph Caspar Witsch ist ab 1937 NSDAP-Mitglied und seit 1933 ein SA-Mann. Er leitet als NS-Funktionär die "Staatliche Landesstelle für das volkstümliche Büchereiwesen" in Jena. 1947 gründet er mit dem unbelasteten Verleger Gustav Kiepenheuer einen Verlag, der 1951 den Namen Kiepenheuer & Witsch erhält. Witsch genießt ab 1951 den Erfolg von Annemarie Selinkos historisch-erotischem Roman "Désirée". In den ersten zehn Jahren verkauft er sich in Deutschland 1,2 Millionen Mal. Weltweit erreicht der Schmachtfetzen eine Auflage von 4,5 Millionen Stück.

Die Millionenauflage erwähnt der Verlag gern. Von der Nazi-Vergangenheit des Joseph Caspar Witsch steht auf der Homepage des Verlags dagegen kein Wort. Dort wird nur etwas zu seinem Kompagnon Kiepenheuer vermerkt, der bereits 1949 in Weimar starb – und das klingt sehr ehrenwert:

"Das NS-Regime hatte den Gustav Kiepenheuer Verlag mit einem Veröffentlichungsverbot belegt."

Auch Lothar Blanvalet verdient am Krieg. In Auflagen von über 100.000 Stück vertreibt er mit großem Erfolg humoristische Bücher für Soldaten. Im Berliner Dialekt. Lachen im Horror. Nach der Proklamation des "Totalen Krieges" muss Blanvalet im September 1944 wie rund 2.000 andere Verlage auch schließen. Auf der Homepage wird daraus ein Stück Widerstand:

"Während des Zweiten Weltkriegs unterband das NS-Regime seine Tätigkeit..."

Verleger Ernst Rowohlt schützt lange Zeit seine jüdischen Lektoren Franz Hessel und Paul Mayer, wird aber – vielleicht auch aus taktischen Gründen – 1937 Mitglied der NSDAP. Diese Angabe fehlt auf der Homepage des Verlags in der ziemlich ausführlichen Chronik. Stattdessen wird notiert, wo und mit wem Rowohlt 1937 seinen 50. Geburtstag feierte.

Der Gründer des Rowohlt Verlages, Ernst Rowohlt (picture-alliance/ dpa / Rowohlt Archiv)Der Gründer des Rowohlt Verlages, Ernst Rowohlt (picture-alliance/ dpa / Rowohlt Archiv)

Die NS-Zeit wird als steter Kampf des Verlegers gegen die NS-Behörden nachgezeichnet – bis hin zu seinem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer, dem Berufsverbot, und der Ausreise nach der Reichspogromnacht 1938. Ein Grund dafür ist ein Hetzartikel gegen jüdische Autoren seines Verlags. Im Oktober 1940 kehrt Rowohlt allerdings aus seinem Exil nach Deutschland zurück und wird im folgenden Jahr in Hitlers Armee Hauptmann in einer Propagandakompanie. Diese zumindest sehr ambivalente Geschichte fasst der Werbetext für die Chronik "100 Jahre Rowohlt" so zusammen:

"Sie lässt mit vielen Fotos, Anekdoten und Dokumenten die Historie eines Unternehmens lebendig werden, das sich nie einer bestimmten Ideologie verschrieb, sondern stets offen war für neue Ideen, neue Kunst und neue gesellschaftliche Entwicklungen."

Joseph Caspar Witsch, Lothar Blanvalet und Ernst Rowohlt gehören zu den erfolgreichen Verlegern der Nachkriegszeit. Aber ihr Erfolg kommt nicht aus dem Nichts.

"Die Frage stellt sich schon: Wie konnte man so schnell so erfolgreich sein? Und das ging nur, wenn man eben nicht bei Null angefangen hat, sondern irgendwo davor."

Sagt der Germanist Christian Adam. Er hat zwei wichtige Bücher über das Verlagswesen in der NS- und der Nachkriegszeit geschrieben. Adam kann sich stützen auf wissenschaftliche Verlagsgeschichten großer Häuser wie Bertelsmann, C. H. Beck, Oldenbourg, Piper, Reclam und Brockhaus, die nach der Jahrtausendwende erschienen sind. Die Aufarbeitung der Vergangenheit halten diese Unternehmen offenbar für nötig – es geht um den guten Ruf.

Mehr oder weniger vornehmes Schweigen

Umso erstaunlicher, dass andere angesehene Häuser wie Kiepenheuer & Witsch, Blanvalet und Rowohlt noch heute auf ihren Homepages mehr oder weniger vornehmes Schweigen vorziehen.

"Die offizielle oder auch wissenschaftliche Auseinandersetzung auch der Verlage mit der eigenen Geschichte setzt größtenteils erst sehr spät ein. Teilweise erst vor 10, 15 Jahren sind wichtige Studien erschienen, die das dann offenbart haben, wie bei Bertelsmann beispielsweise. Bertelsmann verdankt den Aufstieg zum Weltkonzern ausschließlich der Aktivität in der NS-Zeit. Das hat man sicherlich nicht in den fünfziger Jahren vor sich her getragen… und hat eher sehr spät eigentlich gesehen, dass man sich mit der eigenen Geschichte auseinander setzen muss."

Der Hinweis auf die Schließung eines Verlags unter den Nazis reicht nicht mehr aus. Sie kann aus vielerlei Gründen erfolgen – und nicht nur, weil die Verlagsleiter politisch missliebig sind.

"Es wird aus dem, was strukturbedingt war, nämlich Verlagsschließungen im Zweiten Weltkrieg im großen Stil, ein Akt des Widerstands, freilich nur implizit, aber das wird suggeriert. Und damit geht man an die Öffentlichkeit."

Im Luchterhand Literaturverlag hat man keine Lust mehr, sich und andere zu belügen. Der renommierte Verlag behauptete stets, Gründer Hermann Luchterhand und sein Nachfolger Eduard Reifferscheid hätten in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus gestanden. Diesen Mythos zerstörte vor fünf Jahren eine Recherche des Autors dieses Features in der Berliner "tageszeitung". Man kann von einer Arisierung ohne Juden sprechen. Luchterhand konnte sich unter günstigen Bedingungen eine wichtige Druckerei aneignen, weil deren Besitzer mit einer Jüdin verlobt war, die außer Landes fliehen musste.

Der Luchterhand Literaturverlag, der heute zu Random House/Bertelsmann gehört, ging der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nun nicht mehr aus dem Weg.

"Gleichzeitig hat uns das völlig kalt erwischt, weil man eben nicht damit gerechnet hat. Und vielleicht ist das auch, wenn man das von heute aus rückwirkend betrachtet, blauäugig. Oder man war auf dem Auge blind, weil man sich immer überlegen muss: Wie kommen Verlage überhaupt durch das ‚Dritte Reich‘? Und kann man – das ist ja auch ein Thema der Forschungen gewesen – komplett unbelastet und unschuldig durch eine Diktatur gehen?"

Georg Reuchlein, von einem Branchenmagazin zum "Verleger des Jahres 2014" gekürt, leitet neun Verlage im Konzern Random House, darunter Goldmann, Manhattan und den Luchterhand Literaturverlag. Seine naheliegenden Fragen nach der NS-Verstrickung beschäftigen Siegfried Lokatis seit längerer Zeit. Der Experte für deutsche Verlagsgeschichte lehrt an der Leipziger Universität Buchwissenschaft. Mit seinen Studentinnen und Studenten hat er, gefördert durch den Luchterhand Literaturverlag, die NS-Zeit des Verlags untersucht.

"Da hat man einfach das Phänomen, dass ein Verlag in der Bundesrepublik eine bestimmte Bedeutung, die ihn sehr wichtig macht für unsere Öffentlichkeit, steht, dass es dann wenigstens eben eine Irritation auslöst, wenn man hört, wie die Geschichte im ‚Dritten Reich‘ gewesen ist."

Im Jahr 1933 gibt es in Deutschland rund 2.000 Verlage – am Ende des 1.000-jährigen Reiches sind gerade einmal 200 übrig. Die Konzentration aller Ressourcen auf den "totalen Krieg" ab 1944 und die Zerstörungen durch das Bombardement deutscher Städte treffen die Branche hart.

Schon vorher werden viele Verlage verboten oder arisiert, die jüdischen Eigentümer also enteignet. Manche Verleger schmeißen sich den braunen Machthabern an den Hals. Nur wenige versuchen, so etwas wie Widerstand zu leisten.

Der Verleger Peter Suhrkamp, aufgenommen bei der Generalversammlung des deutschen PEN-Zentrums im Mai 1957 in Frankfurt am Main (picture alliance / Richard Koll)Der Verleger Peter Suhrkamp, aufgenommen bei der Generalversammlung des deutschen PEN-Zentrums im Mai 1957 in Frankfurt am Main (picture alliance / Richard Koll)

Als leuchtendes Beispiel gilt noch heute Peter Suhrkamp, der Leiter des S. Fischer Verlags. 1944 wird er verhaftet und zehn Monate erst in einem Gestapo-Gefängnis, dann im KZ Sachsenhausen festgehalten. Der Vorwurf: dringender Verdacht der Vorbereitung zum "Hoch- und Landesverrat".

Peter Suhrkamp überlebt die KZ-Zeit nur knapp, von den Entbehrungen gezeichnet. Und zweifellos gehört er eher zu den anständigen Verlegern der NS-Zeit. Aber auch seine Geschichte ist ambivalent. Der spätere Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld beschreibt das Lavieren seines Vorgängers in einer Biografie:

"Suhrkamp musste versuchen, den Nationalsozialisten so wenig wie möglich Angriffsflächen zu bieten. Noch 1938 erhielt er von der Gestapo auf eine Anfrage der Reichsschrifttumskammer eine politische Unbedenklichkeitsbescheinigung. Suhrkamp musste taktieren und Kompromisse schließen, auch im privaten Bereich (…)."

Hohe Anpassungsfähigkeit der Verleger

Die meisten Verleger scheinen weniger als Peter Suhrkamp taktiert zu haben. Von Joseph Caspar Witsch oder Lothar Blanvalet sind jedenfalls keine moralischen Klimmzüge überliefert. Christian Adam erklärt das so:

"Der Verleger, der erfolgreich sein will, muss in gewisser Weise eine hohe Anpassungsfähigkeit zeigen. Es gab nach dem Krieg eine Kommission amerikanischer Verleger, die durch Deutschland gereist ist und im Auftrag der amerikanischen Militärregierung sich die deutsche Verlagsbranche anschauen sollte. Deren Fazit war: So, wie sie sich nach 1933 Hitler angedient haben, so dienen sie sich nun unserer Umerziehung an."

Ein hartes Urteil über die deutsche Verlagsszene in der NS-Zeit und die ersten Jahre danach. Einem mutigen Mann wie Peter Suhrkamp wird ein solches Verdikt kaum gerecht. Typischer ist da der Fall Luchterhand. Denn er zeigt, wie leicht man auch in der Verlagsszene der Versuchung erliegen kann, von den Nazis zu profitieren.

Die Geschichte des Luchterhand Verlags beginnt mit Hermann Luchterhand. Der Sohn eines Landwirts sammelt als Angestellter im öffentlichen Dienst Kenntnisse im Steuerrecht. Mit einem Freund gründet er 1924 einen kleinen Verlag, der Lohnsteuertabellen, juristische Literatur, Formblätter und andere Vordrucke produziert. Unklar ist, ob Luchterhand nach 1933 der NSDAP beitritt.

Ende 1933 steigt der Jurist Eduard Reifferscheid mit 30 Prozent in das Unternehmen ein, 1934 wird er Prokurist des Unternehmens. Dessen Leitung übernimmt 1936 Luchterhands Sohn Heinz. Reifferscheid und Luchterhand junior wollen im Frühjahr 1939 expandieren und erwerben eine Berliner Druckerei. Otto Heinrich Scholz muss verkaufen, er ist wegen seiner jüdischen Verlobten Meta Müller enormem Druck des antisemitischen Staates ausgesetzt. Meta Müller berichtet nach dem Krieg, die Gestapo habe sie, bevor sie nach Großbritannien fliehen kann, misshandelt. Sie sei "zum Krüppel geworden" und könne sich nur noch mit zwei Stöcken fort bewegen.

Wenige Monate nach dem Verkauf folgt Scholz seiner Verlobten nach England. Obwohl er einen Bevollmächtigten für sich einsetzt, erhält er nicht den vertraglich vereinbarten Gewinn des fusionierten Betriebs. Scholz erklärt Jahre später:

"Vielen Leuten war es allgemein bekannt, dass der damalige Prokurist und heutige Mitinhaber des Luchterhand Verlages Herr Reifferscheid und Herr Luchterhand jr. der Gestapo Mitteilungen ueber unsere Verhältnisse machten, wodurch unser gesamtes Vermögen beschlagnahmt wurde."

Der Luchterhand Verlag klagt zwei Jahre nach der Emigration von Scholz auf dessen Ausschluss aus dem Unternehmen. Die NS-Richter geben dem Antrag im Juli 1941 statt, auch aufgrund der jüdischen Herkunft von Scholz' Verlobten. Der Nazistaat übernimmt die Unternehmensanteile von Scholz und verkauft sie zurück an Luchterhand – Scholz ist enteignet.

Die junge Historikerin Freya Leinemann hat den Fall Luchterhand als Studentin bei Professor Lokatis zusammen mit Sophie Kräußlich untersucht. Es gibt Pläne, ihre Arbeiten als gemeinsames Buch zu publizieren.  

Verfahrensodyssee für Kläger auf Wiedergutmachung

Otto Heinrich Scholz gründet in England einen kleinen Verlag, wird aber nach Kriegsausbruch als potenziell gefährlicher Ausländer von den Briten inhaftiert – ebenso wie Tausende anderer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Als die Lager der "Enemy Aliens" zu voll werden, werden die Inhaftierten in die britischen Kolonien verschifft. Scholz fährt mit der "Arandora Star", die von einem deutschen U-Boot versenkt wird. Er überlebt mit viel Glück. Nach dem Krieg fordert Scholz Wiedergutmachung und klagt zunächst vor alliierten, dann bundesrepublikanischen Gerichten.

Erst 1959 bekommt er nach einer Verfahrensodyssee vom Landgericht über das "Oberste Rückerstattungsgericht" bis zum Kammergericht vor Westberliner Richtern Recht. Scholz wird eine Entschädigung von 125.000 Mark zugesprochen. Auch seine Anwälte kämpften in dem Nerven aufreibenden Prozessmarathon mit harten Bandagen. Leicht war das nicht für Scholz, meint Sophie Kräußlich.

"Die Leidtragenden waren doch die Seite der Scholz‘, die ihre Situation aus dem 'Dritten Reich' immer wieder neu durchleben mussten. Sie mussten die Verfolgung, die Emigration, das Leben als Kriegsflüchtling immer wieder neu aufarbeiten – und sie mussten sich auch dafür verteidigen, weil sie nicht das Gehör gefunden haben, was sie sich eigentlich erhofft haben."

Die entscheidende Figur in der ganzen Causa aber heißt nicht Scholz, sondern Eduard Reifferscheid – und mit ihm ragt diese Geschichte weit hinein in die Nachkriegszeit.  Dank Reifferscheid, der ab 1954 auch Literatur verlegt, wird Luchterhand neben Suhrkamp zum führenden liberalen Verlag des Landes, auch, weil zu seinen Autoren neben Günter Grass, Ernst Jandl und Gabriele Wohmann wichtige DDR-Autoren gehören: Anna Seghers, Christa Wolf und Jurek Becker. Die Autoren, so Grass zum 80. Geburtstag des mit dem Bundesverdienstkreuz dekorierten Verlegers, liebten den "unentwegt fortschrittlichen" Reifferscheid,

"… ein Kapitalist mit jungsozialistischen Anwandlungen…"

"Kein Management kann ihn ersetzen… Wir Autoren gratulieren uns."

Doch vor 1945 gibt es offenbar einen anderen Reifferscheid. Glaubt man der Aussage eines von Otto Heinrich Scholz benannten Zeugen, so hat Reifferscheid in der NS-Zeit zur Verlobten seines Miteigentümers, Meta Müller, gesagt:

"Machen Sie, dass Sie rauskommen. Sie haben hier als Jüdin nichts mehr zu suchen."

Reifferscheid rühmt sich nach 1945 des Widerstands gegenüber dem NS-Regime. Obwohl es dafür keinen Beleg gibt, kann er die französische Militärregierung in Berlin überzeugen, ihm schon 1946 die Lizenz zum Wiederaufbau des Unternehmens zu geben. Darauf ist Reifferscheid offenbar mächtig stolz, er wertet es als eine Art Persilschein – und schreibt später von sich in der dritten Person:

"Seine Anerkennung als Antifaschist erleichterte die Arbeit, das soll nicht verkannt werden."

Gegenüber Freunden präsentiert sich Reifferscheid etwas selbstkritischer. In einem Brief an seinen Autor Günter Grass, den späteren Literatur-Nobelpreisträger und früheren Waffen-SS-Mann, notiert er am 14. Februar 1974:

"Über das Ausmaß meines Opportunismus im 3. Reich kann ich nachträglich keine Liste fertigen, ich fürchte aber, sie hätte eine bestimmte Länge. Wäre das anders, lebte ich nicht mehr."

Kurt Desch, Verleger in München (picture alliance / dpa / )Kurt Desch, Verleger in München (picture alliance / dpa / )

Es wird viel be- und verschwiegen im Verlagswesen der Nachkriegszeit. Fast alles wird beschönigt. Und das teilweise mit gehöriger Chuzpe. Ein Beispiel dafür ist der schon erwähnte Kurt Desch, der wie Ernst Rowohlt, Reinhard Piper und Peter Suhrkamp zu den wichtigen Verlegern Westdeutschlands nach 1945 gezählt wird. Er erwähnt 1964 zwar sein verlegerisches Schaffen in der NS-Zeit. Unerwähnt lässt Desch aber, dass er seit 1935 Parteimitglied war, im NSDAP-"Gauverlag Bayerische Ostmark" als "Propagandaleiter" wirkte und 1936 bis 1938 den arisierten "Stufen-Verlag" führte. Ab 1939 arbeitete er für den arisierten Wiener Zinnen-Verlag – und leitete ihn als Teilhaber von München aus. Das Ganze hört sich bei Desch 1964 ganz harmlos so an:

"Ich habe versucht, in der Nazizeit etwas verlegerisch tätig zu sein. Das missglückte. Und dann '45 hatte ich das Glück, dass ich sehr früh beginnen konnte. Die Amerikaner haben mir damals die erste Lizenz gegeben, und ich konnte schon '45, und zwar im November mit zwölf Büchern erscheinen. Das war im deutschen Buchhandel- und Verlagswesen eine Sensation. Ich sage, das war ein Glück."

Desch ist in der Branche einschlägig bekannt. Sein Erfolg vor und nach 1945 erscheint so spukhaft, dass in der Verlagsszene ein zynischer Witz kursiert. Anspielend auf den Slogan einer US-amerikanischen Kampagne für vorsichtiges Fahren "Death is so permanent. Drive carefully!" witzeln Insider: "Desch is so permanent."

Bis 1973 publiziert der Kurt Desch Verlag rund 4.300 Titel mit einer Gesamtauflage von 41 Millionen Exemplaren. Zu seinen Autoren gehören neben Pearl S. Buck, Hans Habe und Hans Hellmut Kirst nicht wenige Emigranten sowie Vertreter der inneren Emigration: Oskar Maria Graf, Hermann Kesten, Erich Maria Remarque, Hans Werner Richter und Erich Kästner.

Den Verlagen geht es in der NS-Zeit nicht schlecht. Hatten sie am Ende der Weimarer Republik mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, so bessert sich ihre Situation ab Mitte der dreißiger Jahre dank der staatlichen Förderung des Buchverkaufs. Jüdische Verleger, Autoren oder Mitarbeiter stören da nur.

Verlagsprotokoll:

"1.) Bei Neuauflagen Arierschaft feststellen (nach Nürnberger Gesetzen). 2.) Bei nichtarischen Büchern prüfen, wie weit Neuauflage von Ariern herausgebracht werden kann. 3.) Werbung für Bücher inländischer Juden in Prospekten usw. unterlassen. So beschlossen."

So trocken macht beispielsweise der angesehene Verlag Walter de Gruyter laut Protokoll einer Verlagskonferenz vom 31. Januar 1939 sein Programm "judenrein" – dass dahinter menschliche Schicksale stehen, ist dem Verwaltungston nicht zu entnehmen. Der Verlag Walter de Gruyter lässt sich bereitwillig in den Dienst "der expansionistischen und verbrecherischen Ziele des Dritten Reiches nehmen", wie die Berliner Historikerin Angelika Königseder in einer Studie über den Verlag schreibt. Die Historikerin kann in gewissen Grenzen nachvollziehen, warum viele Verlage in der NS-Zeit so opportunistisch agierten. Dass die Zeiten schwierig und die Gefahren bei unangepasstem Verhalten unter den Nazis groß waren, akzeptiert die Forscherin aber als Entschuldigung nur bedingt.

"Auf der anderen Seite muss man sich natürlich schon im Rahmen eines solchen Unrechtsregimes schon fragen: Wo ist die Grenze des Erlaubten? Wo darf ich: Augen zu und Geld verdienen? Und wo muss ich kritisch fragen, dass ich nun wirklich auch nicht auf Kosten eines entfernten, vielleicht angedachten Problems, sondern auf der tatsächlichen Not und dem Leid von mir bekannten Autoren Geld verdiene?"

Aber solche moralischen Fragen stellten offenbar wenige, sowohl vor als auch nach 1945.

Schuld oder Scham werden verdrängt

"Bei de Gruyter lief es im Grunde auf ein Weiter-So hinaus. Man hat die NS-Zeit mehr oder weniger ausgespart, hat relativ frei an frühere Autoren anzuknüpfen versucht, schrieb die dann einfach an, man hoffe, sie hätten die Kriegszeit einigermaßen gut überstanden. Hier sei man mächtig ‚durchgepustet‘ worden, wie es in manchen Briefen hieß, weil das Verlagsgebäude immer wieder bei Bombenangriffen beschädigt worden ist. Es wurde nicht groß thematisiert. Aber man hat eigentlich, ohne darüber groß nachzudenken, versucht, wieder anzuknüpfen an ein Weiter-So."

Es ist wie fast überall in der Gesellschaft: nur kein Blick zurück. Schuld oder Scham werden verdrängt, sofern solche Gefühle überhaupt aufkommen. Auch das bezweifelt Angelika Königseder.

"Ich kann auch nach dem Ende des Nationalsozialismus eigentlich nichts feststellen von wegen sich schuldig fühlen, verschämt reagieren, die Leichen im Keller nicht heben wollen. Die waren einfach überhaupt kein Thema. Und ich denke, das ist ein ganz typisches Verhaltensmuster für die Fünfziger und Sechziger Jahre."

Anknüpfend an einen Begriff von Ralph Giordano kann man von einer Art zweiter Schuld des deutschen Verlagswesens nach 1945 sprechen. Der heutige Luchterhand-Verleger Georg Reuchlein drückt es so aus:

"Für mich ist das Faszinierende, wenn ich das an der Stelle sagen darf, an dem ganzen Fall, wenn man sich den anschaut, dass es mir schon auch so geht, dass mir die Aufarbeitung nach dem Krieg wesentlich schwerer im Magen liegt, als das, was da passiert ist."

Schweigen über das tausendjährige Reich – das gehört nach 1945 lange zur bundesrepublikanischen Normalität. Philosoph Hermann Lübbe spricht von einem "kollektiven Beschweigen". Man ist ja im juste milieu.

"Das ganze Feld, das sich mit dem Literaturmarkt beschäftigt, hat natürlich Kontinuitäten aufzuweisen, also nicht nur die Autoren, nicht nur die Verleger, die Verlage, sondern natürlich auch die Journalisten und die Kritiker. Auch dort gibt es diese Kontinuitäten. Warum sollte man bei dem anderen den Finger in die Wunde legen, wenn man weiß, man macht es bei sich selbst auch nicht? Ich denke schon, dass es da so etwas wie ein kollektives Beschweigen gab. In gewisser Weise. Über Dinge nicht zu sprechen."

Warum aber tun sich auch größere Verlage heute noch, mehr als 70 Jahre nach der NS-Zeit, schwer mit der braunen Vergangenheit? Es gibt einen Widerspruch zwischen dem, was in der Forschung bekannt ist – und dem, was die Verlage kommunizieren.

Beispiel: der Verlag C. Bertelsmann. Auf der Homepage steht, dass der in der NS-Zeit so erfolgreiche Verlagschef Heinrich Mohn der "Bekennenden Kirche" nahe stand und 1933 das "Tecklenburger Bekenntnis" veröffentlichte, das die Evangelische Kirche zum Widerstand gegen die Nazis auffordert. Aber dass Heinrich Mohn passives Mitglied der SS ist, fällt unter den Tisch.

Warum? Ist die Verstrickung der Verlage in der NS-Zeit immer noch ein Tabu-Thema?

"Ich würde sagen: Ja. Insbesondere, wenn man sich auch heute Webseiten anschaut von Verlagen, die heute noch aktiv sind… und schaut sich an, was da über die Geschichte der Verlage geschrieben wird, dann gab es eigentlich keine Vorgeschichte. Sie sind aus dem Nichts entstanden und aus dem Nichts erfolgreich geworden."

Zur Aufarbeitung fehlt vielen bis heute der Mut

Was das gezielte Verschweigen zusätzlich unangenehm macht: Verlage zeigen gern mit den Finger auf andere Institutionen der Gesellschaft und ihre Schuld im Nationalsozialismus .

"Was ich immer noch beklage, ist der Umgang der Verlage damit. Oder das große Erstaunen der Verlage darüber, dass sie sich selbst auf der einen Seite als die aufspielen oder als die zeigen, wo die Auseinandersetzung anderer Institutionen mit der Vergangenheit läuft, aber sie selber haben eben oft erst sehr spät auf ihre eigene Vergangenheit den Blick geworfen."

Es fehlt der Mut, noch heute. Wenn es nicht mehr anders geht, lassen die deutschen Verlage zwar mit reichlicher Verspätung ihre Geschichte in der NS-Zeit von Fachleuten durchleuchten – die so entstehenden Bücher aber dienen eher als Feigenblätter, die man bei Bedarf vorzeigen kann. Ansonsten darf die peinliche Verlagsgeschichte zwischen zwei Buchdeckeln in wissenschaftlichen Bibliotheken verstauben. Papier ist geduldig.

"Wenn man so will, kann man vorwerfen, dass die Erkenntnisse, die im Wissenschaftlichen gewonnen worden sind in den letzten Jahren, so nicht umgesetzt werden. Verlage setzen das nicht in ihrer Außendarstellung um. Oder nicht offensiv genug."

Ähnlich sieht es auch Angelika Königseder:

"Es wird dann gewissermaßen als erledigt betrachtet. Wir haben dann unsere Pflicht getan. Es gibt jetzt dieses Buch! Und man verweist darauf – und dann ist gut. Aber ich denke, das wäre schon ein wichtiger Hinweis, dass man diese Geschichte, wenn überhaupt eine Verlagsgeschichte auf diesen Homepages erscheint, dass die natürlich auch Teil des Geschehens sein muss, ja, sollte."

Wie es anders geht, zeigt der Luchterhand Literaturverlag. Nach der Veröffentlichung in der "taz", änderte er seine Homepage – dort steht nun vorsichtig:

"Über die Jahre von 1933 – 1945 hieß es nach dem Zweiten Weltkrieg von offizieller Verlagsseite stets, Hermann Luchterhand und Eduard Reifferscheid hätten in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus gestanden. Dagegen legt ein in der "taz. die tageszeitung" vom 11. August 2012 erschienener Artikel nahe, dass Eduard Reifferscheid und Heinz Luchterhand, der Sohn des Verlagsgründers, von der antisemitischen Politik des Dritten Reiches profitierten, indem sie im Mai 1939 für einen unangemessen niedrigen Preis die Druckerei des mit einer jüdischen Frau verheirateten und von den Nazis verfolgten Druckereibesitzers Otto Heinrich Scholz erworben hätten."

Doch Luchterhand bleibt eine Ausnahme. Ein geschönter, milder Blick zurück – das ist es, was man vielen deutschen Verlage bei ihrem Umgang mit der NS-Zeit vorwerfen kann. Nach kleinsten Spuren des Widerstands durch die Gründergeneration wird eifrig gesucht – und deren Opportunismus verschwiegen. Das ist ziemlich dürftig für Institutionen, die sich ihrer Bedeutung für die Meinungsfreiheit, für den demokratischen Diskurs und für einen schonungslosen Blick auch auf die Schattenseiten des Lebens immer wieder selbstbewusst rühmen. Wie sagte es 1954 Peter Suhrkamp:

"Die Arbeit eines Verlegers steht im Dienst der Gesittung."

Das sollte auch heute noch als Maxime gelten, für den Blick in die Vergangenheit nicht weniger als für das Handeln in der Gegenwart.

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