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Sein und Streit | Beitrag vom 20.05.2018

Der Mensch als Spaziergänger Ich gehe, also denk' ich?

Kurt Bayertz im Gespräch mit Christian Möller

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Ein Mann geht einen Feldweg entlang. (David Marcu / Unsplash )
Nicht ohne Spaziergang: Sich erheben über den profanen Gang im Dienste der Arbeit. (David Marcu / Unsplash )

Ohne Bewegung kommt nichts Neues in die Welt – geht Denken also nur im Gehen? Und wie wird das Gehen im Denken selbst bedacht? Ein philosophischer Spaziergang mit dem Münsteraner Philosophen Kurt Bayertz.

Der Mensch geht auf zwei Beinen – das ist nicht nur ein biologisches Faktum, sondern auch eine Metapher, mit der Menschen seit der Antike über sich selbst als geistige Wesen nachdenken. Und zwar immer wieder anders. Wie genau Gehen und Denken miteinander zusammenhängen, das erzählt der Münsteraner Philosoph Kurt Bayertz bei einem Spaziergang durch den örtlichen Schlossgarten.

Durch dem aufrechten Gang den Göttern näher

Bereits in der Antike wird das Gehen mit dem Denken in Verbindung gebracht: Durch den aufrechten Gang ist der Mensch den Göttern näher und kann so am Denken teilhaben – das als Eigenschaft der Götter gilt. Im christlichen Mittelalter sei dann Gott selbst in den Vordergrund gerückt: Aufrecht war der Mensch, um "besser den Himmel betrachten zu können" und als Ermahnung, "sich Gott zuzuwenden".

Wer hoch steht, kann auch tief fallen

Dem modernen Menschen kam das Gehen auf zwei Beinen dann auf einmal als ziemlich wacklige Angelegenheit vor. Zwar sehen wir seither die evolutionären Vorteile der Zweibeinigkeit – etwa die Fingerfertigkeit durch unsere freien Hände, meint Bayertz. Aber auch die Unsicherheit, der man sich damit zwangsläufig aussetzt – wer hoch steht, kann tief fallen. Spätestens die Existentialisten aber begreifen dann genau diese Unsicherheit als Bedingung jeder Freiheit: "Wir kriegen die Freiheit nicht ohne Preis", meinten die Philosophen mit den schwarzen Rollkragen.

Beim Spaziergang auf eigene Gedanken zu kommen

Im Zuge der Aufklärung erhält auch das Gehen selbst eine gesellschaftliche und politische Dimension: Der aufstrebende Bürger begreift sich nicht zuletzt als gehender Mensch – er lustwandelt auf eigenen Beinen, grenzt sich ab vom kutschefahrenden Adel und erhebt sich über den profanen Gang im Dienste der Arbeit.

Der Spaziergang im Grünen verspricht die Befreiung vom urbanen "Mief" – und zugleich von gesellschaftlichen Konventionen und geistigen Autoritäten, die einen in Buchform am heimischen Schreibtisch erwarten: "Man denkt seine eigenen Gedanken – und das Selberdenken ist ja das große Motto der Aufklärung gewesen."

Geht also Denken überhaupt nur im Gehen? Wie verändert sich unser Denken, wenn das Gehen nur noch von Schrittzählern bestimmt wird? Und ist ein Ende des Denkens in Sicht, wenn wir irgendwann gar nicht mehr zu Fuß gehen? Diese und weitere Fragen erörtern wir mit Kurt Bayertz in unserem "Sein und Streit"-Gespräch.

Kurt Bayertz: "Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens"
C.H. Beck Verlag, München 2012. 415 Seiten, 26,95 EUR.

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