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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.01.2012

Der Mann, der Shakespeare war

Bastian Conrad: "Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare", Allitera Verlag

Von Martin Ahrends

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Bildnis William Shakespeares von Otto Lessing (1846-1912) (picture alliance / dpa - Martin Schutt)
Bildnis William Shakespeares von Otto Lessing (1846-1912) (picture alliance / dpa - Martin Schutt)

Seit anderthalb Jahrhunderten wird darüber gemutmaßt, ob es den großen William Shakespeare tatsächlich gegeben hat oder ob sich hinter seinem Namen nicht doch eine andere Person verbirgt. Bastian Conrad, ein pensionierter deutscher Neurologe, meint nun, das Rätsel endlich gelöst zu haben.

Christopher Marlowe sei der wahre William Shakespeare, behauptet der Titel des Buches von Bastian Conrad, eine unglaubliche These, die zunächst Skepsis hervorruft. Doch auf 700 Seiten wird die These auch für den Laien derart plausibel, dass man sich nach der Lektüre gar keine andere Version der Lebensgeschichte des Christoper Marlowe mehr vorstellen kann.

Christopher Marlowe, der in seinem 30sten Lebensjahr als Theaterdichter schon einigen Ruhm erworben hatte, wird wegen angeblicher Verbreitung atheistischen Gedankengutes Mitte Mai 1593 vor den Londoner Kronrat geladen. Andere Dissidenten sind wegen ähnlicher Vergehen schon vor ihm verhaftet, gefoltert und hingerichtet worden, einer von ihnen hat unter Folter Marlowes Namen preisgegeben. Seine Lage ist also ernst. Aber auch die seiner Freunde und Gönner, die befürchten müssen, dass auch er ihre Namen auf der Streckbank preisgibt.

Buchcover Bastian Conrad: "Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare" (Allitera Verlag)Buchcover Bastian Conrad: "Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare" (Allitera Verlag)Der Kronrat setzt Marlowe unter der Auflage, sich täglich melden zu müssen, vorerst auf freien Fuß. Dann, nach einem geheimen Treffen mit seinen einflussreichen Freunden, wird Marlowe am 30. Mai angeblich bei einer Wirtshausschlägerei getötet und sofort anonym begraben. Im selben Jahr meldet sich ein bis dato unbekanntes, fast dreißigjähriges Dichtergenie namens Shakespeare in London zu Wort, dessen Werke in auffälliger Kontinuität zu denen Marlowes stehen.

Bastian Conrad weist nach, dass Marlowes der Krone nahe stehende Freunde ihn in Wahrheit vor der Inquisition erretten konnten, allerdings unter der Bedingung, dass er bereit war, nach der Vortäuschung seines Todes mit einer neuen personalen Identität und außerhalb der Reichweite der englischen Kirche in der Anonymität weiterzuleben. Marlowe habe in den nachfolgen Jahrzehnten als Shakespeare und unter zahlreichen weiteren Tarnnamen publiziert.

"Als Theaterdichter sollte er zukünftig unter dem Namen Shakespeare veröffentlichen, als Privatperson dauerhaft unter unbekanntem Namen leben."

"Sein Pseudonym William Shakespeare wurde gewählt, da sich ein gleich alter William Shakespeare bereit fand, als maskierende Person zu agieren.''"

So, schreibt Conrad, lasse sich die jahrhundertealte bizarre Urheberschaftsproblematik um das Dichtergenie "Shakespeare" auflösen. Liest man die Kapitelüberschriften dieses Buches, kann es scheinen, als käme hier eine Jahrhunderte langer Suche der Shakespeareforschung an ihr Ziel.

""Der größte Dichter aller Zeiten – ein Kaufmann aus Stratford? Warum war Shakespeare nicht Shakespeare? Marlowes Werke sind Frühwerke Shakespeares. Marlowes Fingerabdrücke in Shakespeares Stücken. Marlowes "zweites" Leben nach seinem Tod."

Unter der großen Zahl, der von Conrad aufgeführten Indizien und Fakten sollen hier – pars pro toto – die Sonette als Zeugen seiner These zu Wort kommen. In einem eigenen Kapitel weist Bastian Conrad an vielen Stellen nach: Die Sonette enthalten eindrückliche biografische Informationen die nur mit dem Schicksal von Christopher Marlowe alias Shakespeare und nicht mit dem jenes gleichnamigen Kaufmannes aus Stratford vereinbar sind. Zahlreiche Sonette thematisierten Verbannung und Emigration, beschrieben Flucht, Bedrohung, das Leben im Untergrund, wie es Christopher Marlowe ab dem 31. Mai 1593 führte. Und es gebe keinerlei Erkenntnisse darüber, dass der Kaufmann Shakespeare je längere Reisen durchgeführt und sich außerhalb der Region zwischen Stratford und London aufgehalten hätte, so Conrad.

"Ich fragte mich beim Lesen der Sonette immer wieder, warum es bei dem hohen Zuwachs an historischem Faktenmaterial bis heute möglich bleiben konnte, dass die Literaturwissenschaft mit diesen eminent biografischen Texten so ahnungslos umgegangen ist."

Viele Sonette lesen sich wie geheime, verschlüsselte Briefe aus dem Exil, sie beklagen eine verlorene Welt, klagen über Ehrverlust und Verkennung, über den Verlust von Heimat, von Freunden, sie beklagen Bosheit und Falschheit der Welt, die sich über dem Haupt des Dichters versammelt zu haben scheinen. Im Sonett 33 sieht Conrad Marlowes Schicksal in Reinkultur dargestellt:

"In den ersten vier Zeilen des Sonetts 33 beschreibt der Dichter, auf welch ruhmreicher dichterischer Höhe er bereits angekommen war, welch einen poetischen 'Morgen unter Fürsten' er erleben durfte - 'Full many a glorious morning have I seene' (…), bis ihm selbst, dem früheren Genie (…) die Inquisition mit schrecklicher Folter 'ougly rack' drohte. Er müsse seitdem sein Antlitz vor der 'ihm abhanden gekommenen Welt' verstecken und sich – in Ungnade gefallen – nach Westen wegstehlen: 'Stealing unseene to west with this disgrace'"

Plausibel scheint mir Conrads These auch, weil in den Sonetten ein Unsagbares wortreich und poetisch umkreist wird, ein geheimes Unglück, das nicht verraten werden darf und um so mehr abstrahlt auf alles, was stattdessen sagbar ist. Nach der Lektüre dieses Buches stellt sich die Frage, was es für die weltweite Aufführungspraxis Shakespearescher Werke bedeuten könnte, wenn sich Conrads Erkenntnisse in der akademischen Shakespeareforschung durchsetzten. Wird der Name Shakespeare ganz von unseren Spielplänen verschwinden?

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