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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2013

Der Leib als Maschine und Kunst-Ort

Michela Marzano: "Philosophie des Körpers", Diederichs Verlag, München 2013, 142 Seiten

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Schaufensterpuppen (Stock.XCHNG)
Schaufensterpuppen (Stock.XCHNG)

Die Möglichkeiten, den Körper zu manipulieren, sind heute so vielfältig wie noch nie. Die italienische Philosophin Michela Marzano erzählt mit anschaulichen Beispielen, wie Denker und Künstler seit der Antike den Leib thematisieren.

Die italienische Philosophin Michela Marzano beginnt ihre Abhandlung über die "Philosophie des Körpers" mit einer interessanten Beobachtung. In Homers "Ilias" und der "Odyssee" gibt es kein Wort, "das den Körper als getrennt von der Seele" beschreibt. Das Ich der Heldenfiguren Homers befindet sich in friedlicher Übereinkunft mit dem Körper.

Allerdings waren Homers Helden, wenn es der Philosophie um die Betrachtung des menschlichen Körpers ging, wenig wert. In den Denksystemen Platons und Descartes’ herrscht die Überzeugung, dass sich Körper und Seele einander behindern. Sie treten als "Gegenspieler" auf, so Marzano, da sie als substanziell verschieden begriffen werden. Auf Descartes’ Bild des Körpers als einer Maschine, deren Funktionen – Verdauung, Bewegung, Atmung - den "Bewegungen einer Uhr" gleichen, basiert nicht nur die metaphysische Unterscheidung von Seele und Körper, sondern im Wesentlichen auch das abendländische Denken.

Es sind diese prägnanten, anschaulichen Beispiele, die Marzanos gerade mal 130 Seiten umfassende Geschichte der Wahrnehmung von Körper und Seele so lesenswert macht. Sie reicht von Platon und Spinoza über Friedrich Nietzsche und die phänomenologische Revolution am Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Nietzsches Satz: "Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die Seele", setzt neue Akzente und feiert den "befreiten Körper" – für kurze Zeit – als Ort fröhlichen Denkens. Und während bei Edmund Husserl von einer "Philosophie des Fleisches" gesprochen werden kann, fallen in Maurice Merleau-Pontys "Phänomenologie der Wahrnehmung" (1945) die Grenzen zwischen Körper und Welt.

Marzano, die an der Pariser Universität Descartes lehrt, geht es nicht darum, anhand abstrakter Theorien ihre Positionierung im philosophischen Diskurs zu verteidigen. Für sie ist Philosophie eine zutiefst kommunikative Wissenschaft, die sich nicht an vorhandenen Denkmodellen abarbeitet. Kritisch stellt sie sich den Fragen des Körperkults, etwa dem Phänomen einer "Welt ohne Körper": der Dating-Börse. Am Beispiel der französischen Bio-Künstlerin Orlan, die ihren eigenen Körper zum Kunst-Ort macht, diskutiert Marzano extreme Körperdiskurse in der Kunst. Doch während dort reichlich experimentiert wird, scheinen die philosophischen Diskurse über das Verhältnis von Körper, Seele und Sein in einer Sackgasse zu stecken. Die Möglichkeiten, den Körper zu manipulieren, sind heute so vielfältig wie noch nie. Aber die Frage, warum der Körper derart kontrolliert und auf Distanz gehalten wird, bleibt nahezu unbeantwortet.

Marzano begreift den Körper nicht nur als "Wahrzeichen unserer Endlichkeit". Sie fragt nach dem Sinn leiblicher Existenz und damit nach der Verantwortlichkeit dem eigenen und jedem fremden Körper gegenüber.

Besprochen von Carola Wiemers

Michela Marzano: Philosophie des Körpers
Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl
Diederichs Verlag, München 2013
142 Seiten, 14,99 Euro

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