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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.01.2009

Der König als Trottel

Stephan Puchner: "Nebelheim", Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2008, 379 Seiten

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Irgendwo da draußen liegt "Nebelheim"... (Stock.XCHNG / Christa Richert)
Irgendwo da draußen liegt "Nebelheim"... (Stock.XCHNG / Christa Richert)

Stephan Puchner liefert mit "Nebelheim" ein furioses Debüt ab, in dem er den Leser in das Jahr 1438 auf die Ostseeinsel Gotland versetzt. Dorthin hat sich der dänische König Erik XIII. geflüchtet und ist ein ziemlicher Vollidiot. Der von ihm ausgesandte Weltreisende Nicolaus Swart schildert ihm blumig das irdische Paradies "Nebelheim".

"Der König erbrach sich.
Das war sein Werk.
Das war das Reich, das er hinterließ."


"Äußerst spannend, originell und kenntnisreich. Ein außergewöhnliches Romandebüt." So äußerte sich der deutsche Großmeister des historischen Romans, Gisbert Haefs, über das Erstlingswerk "Nebelheim" von Stephan Puchner.

Stephan Puchner, 1971 in Erlangen geboren, ist eigentlich ein Filmemacher. Seine Kurzfilme wurden mehrfach international ausgezeichnet, er arbeitete einige Jahre für den Filmproduzenten Bernd Eichinger, heute ist er Dozent an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.

Der historische Roman "Nebelheim" spielt im Jahr 1438 auf der Ostseeinsel Gotland. Dorthin ist der dänische König Erik XIII. vor seinen skandinavischen Nachbarn geflüchtet, die Erik wegen seiner Unfähigkeit absetzen wollen. Und tatsächlich ist Erik wirklich ein Trottel, und er ist alt und resigniert, will einfach nur noch sterben, was ihm allerdings nicht gelingt, da er ständig belästigt wird von der zweiten Hauptfigur, seinem Hofschreiber Rikmann; ein feinsinniger Humanist aber ebenso resigniert wie sein König Erik.

Resignation ohne Ende also - da taucht die dritte Hauptfigur des Romans auf: der Kartograph und vermeintliche Weltreisende Nicolaus Swart. Den hatte König Erik vor vielen Jahren ausgeschickt, "Nebelheim" und das irdische Paradies zu finden. Swart, selbst todkrank, behauptet nun, das Paradies tatsächlich gefunden zu haben und elektrisiert damit Erik und Rikmann, dorthin zu flüchten.

Zwei Dinge zeichnen Stephan Puchners Roman aus, einmal der schrullige Shakespeare-Humor mit Alt-Männer-Streitereien wie aus der Muppet-Show. Da fragt der Kartograph Nicolaus Swart einen Seefahrer: "Wo ist Nebelheim?" Antwort: "Na, es ist nicht weit von hier, schießt euch in den Kopf und dann gleich links.", - also ein britisch-komischer wie auch surrealer Roman.

Andererseits beweist Puchner großes literarisches Vermögen, jene Phantasien authentisch zu beschreiben, die die Menschen im 15. Jahrhundert bewegt haben können, Fantasy-Geschichten von "Ländern, wo die Häuser aus Gold sind", oder "wo es mehr milchweiße Falken gibt als Spatzen auf der Insel Gotland."

"Nebelheim" ist ein ebenso mutiger wie furioser Debütroman, ein Geheimtipp. Leser und Kritiker äußern sich euphorisch; da wird Puchner mit Daniel Kehlmann und Per Olof Enquist oder gar mit Stefan Zweig und Franz Werfel verglichen. Aber das Schöne ist, dass man ihn gar nicht vergleichen muss oder kann: Puchner ist, Gott sei Dank, einfach Puchner, also ein Filmemacher, der sich stilistisch eigensinnig einen Weg durch das Dickicht Literatur bahnt. Da purzeln Szenen und Dialoge, -man spürt das handwerkliche Können des Drehbuchautors-, und gleichzeitig breitet Puchner sprachlich einen epischen, zeitlosen, überreich schillernden Teppich aus, in dem der Leser köstlich versinken kann.

Beim Konsum des Buches empfiehlt es sich also, nicht zu lange Lesepausen zu machen. Ein unterhaltsamer, ein eigenwilliger und auch anspruchsvoller Roman. Mehr von Stephan Puchner!

Stephan Puchner: Nebelheim
Hoffman & Campe Verlag, Hamburg 2008
379 Seiten, 19.95 Euro

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