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Mittwoch, 24.01.2018

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.10.2009

Der Kluge ist der Dumme

Oder: Die unvermeidliche Arroganz der Intelligenz

Von Florian Felix Weyh

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Manchmal ist der kluge Manager der Dumme, findet Florian Felix Weyh (AP)
Manchmal ist der kluge Manager der Dumme, findet Florian Felix Weyh (AP)

Der Junge ist klein für sein Alter, dafür schlauer als andere. Nach einem Schulwechsel braucht er nur wenige Wochen, um im anspruchsvolleren Klima wieder exzellente Noten einzufahren. Damit rückt er in den Fokus der Klassenaggression.

Schnitt, anderes Beispiel: Das Managementtalent, vom Headhunter an einen Großkonzern vermittelt, soll einen neuen Geschäftsbereich aufbauen. Ein existierender Torso verschlingt schon seit Jahren Millionen, ohne brauchbares Konzept. Der neue Manager deckt Fehlentwicklungen auf, prangert falsche Abläufe an, schlägt Veränderungen vor. Weil er in beinahe jedem Punkt Recht hat, ist er ein Jahr später kaltgestellt.

Schnitt, noch ein Fall: Die schon als Jugendliche geförderte Wissenschaftlerin wäre eine brillante Professorin geworden, hätte sie nicht die beklagenswerte Eigenschaft, immer dann ihren Mund aufzumachen, wenn ein formuliertes Problem nach einer klaren Lösung verlangt, ... die freilich keiner hören will, weil sie nicht in die private Interessenlage der hierarchisch Höhergestellten passt.

In Deutschland gibt es eine Menge offiziell anerkannter Randgruppen. Sie alle entsenden Delegierte in politische Gremien, beschäftigen Lobbyisten, geben voluminöse Berichte heraus, die präzise belegen, dass es ihrer Randgruppe am schlechtesten von allen geht.

Üblicherweise wird die Gruppe dann medial hofiert und finanziell gepäppelt. Traumtänzer nennen das Demokratie. Die wichtigste Randgruppe der Gesellschaft hingegen bleibt unorganisiert und verlässt sich darauf, dass andere ihre Relevanz schon erkennen werden. Es sind die Intelligenten. Genauer: die Intelligenteren. Die, von deren Input die ganze Gesellschaft lebt.

Legt man strenge Kriterien an, machen sie deutlich weniger als fünf Prozent der Bevölkerung aus. Eine echte Randgruppe also; noch dazu eine, die sich nicht willkürlich nach Gesichtspunkten politischer Opportunität vergrößern lässt, um mehr Schlagkraft zu erlangen.

Wer das Stigma hoher Intelligenz trägt, bleibt sein Leben lang in der Minderheit. Trotz positiver Konnotationen wird es ihm kaum besser gehen als der breiten Masse. Langzeitstudien haben regelmäßig gezeigt, dass hohe Intelligenz nicht mit Glücksgefühlen korreliert, sondern eher mit Depressionen. Auch lässt sich beruflicher Erfolg keineswegs voraussagen. Klügere zeichnen sich allenfalls dadurch aus, dass sie schneller unzufrieden mit sich selbst werden. Zynisch könnte man das als individuelles Lebensschicksal bezeichnen. Haben nicht auch Hässliche ihr Päckchen zu tragen?

Für die Gesellschaft jedoch bedeutet das eine Katastrophe: Wo man auf die geistig Helleren nicht hört, macht sich Dunkelheit breit. Leider sitzt dieser Stachel tief im System, weil man das Prinzip der Stimmengleichheit bei Wahlen – das ja nicht die redende Stimme, sondern den Zählwert der Person meint – so weitläufig auslegt, dass jeder dumme Gemeinplatz als urdemokratisch gleichwertig mit einem klugen Gedanken gilt. Hätten sich die Väter der modernen Demokratie das vorstellen können? Nein! Sie gingen davon aus, dass bei Abstimmungen über die klügsten Vorschläge entschieden werden sollte und dabei der allerklügste erwählt werden würde.

Eine Utopie. Von ihrer Verwirklichung sind wir weit entfernt. Kluge Menschen lernen früh, an Schaltstellen der Gesellschaft – in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien – den Mund zu halten und Verbündete nur insgeheim zu suchen. Als unterlegene Randgruppe können sie sich im verzerrten Wettbewerb gegen die jeweils herrschende Massenmeinung sowieso nie durchsetzen.

Doch wie soll der Schlaue Verbündete erkennen? Im wunderbaren Buch »Gescheit sein« nennt der Hirnforscher Valentin Braitenberg als untrügliches Kriterium den Unwillen, anderen – nämlich dümmeren – Menschen lange zuzuhören. Eine Kombination von Zerstreutheit und Irritation stelle sich bei ihm, dem Klügeren ein, "als wüsste ich von vornherein, dass man mir da etwas erzählen wird, das ich in meinem eigenen Denken schon abgelehnt hatte, bevor es eigentlich an die Oberfläche kam."

Wie arrogant! Wie intelligent ...


Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Sein jüngstes Buch "Die letzte Wahl – Therapien für die leidende Demokratie" erschien im August 2007 in der Anderen Bibliothek. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyh.info zu finden.

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