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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 11.10.2009

Der intelligenteste Mensch aller Zeiten?

Vor 100 Jahren begann der elfjährige Amerikaner William James Sidis sein Harvard-Studium

Von Klaus Cäsar Zehrer

In seiner Freizeit löste er die Theorie von Schwarzen Löchern: William James Sidis. (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)
In seiner Freizeit löste er die Theorie von Schwarzen Löchern: William James Sidis. (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)

Er gilt als einer der intelligentesten Menschen aller Zeiten, sein Intelligenzquotient wurde auf 250 bis 300 geschätzt. Aber der US-Amerikaner William James Sidis verbrachte den Großteil seines Lebens als einfacher Büroangestellter und hinterließ kaum Spuren in der Wissenschaftsgeschichte.

"Bei der Ausarbeitung meiner Theorien haben die Polyederwinkel des Dodekaeder, die in zahlreichen Problemstellungen eine Rolle spielen, eine wertvolle Hilfe geleistet. Einige der Dinge, die ich über die vierte Dimension herausgefunden habe, werden zur Lösung vieler Probleme in der Ellipsengeometrie beitragen."

So etwas hatte man selbst an der altehrwürdigen Harvard University noch nie gesehen: ein elfjähriger Junge in kurzen Hosen, der im Mathematischen Klub vor illustren Professoren über vierdimensionale Körper doziert. Der über ebenso gründliche Kenntnisse der Anatomie, Wirtschaft, Philologie, Jura, Geschichte, Politik und Astronomie verfügt. Nicht nur die "New York Times" fragt sich fasziniert, was für ein Geistesgigant da mit William James Sidis, einem Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine, heranwächst:

"Was wird aus dem Wunderkind werden? Wird er denselben Weg einschlagen, wie er den meisten hochbegabten Knaben beschieden ist, oder wird er sich einmal einen eigenen Namen machen?"

Wunderkind - damit ist nicht zu viel gesagt. Mit 18 Monaten kann der kleine Billy, der 1898 in New York geboren wurde, Zeitung lesen. Mit vier liest er Caesar und Homer im Original. Nicht viel später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch, Türkisch, Armenisch - sowie Vendergood, eine von ihm selbst erfundene Kunstsprache.

Für die siebenjährige Grundschule braucht er gerade mal sieben Monate, die High School hat er nach drei Monaten hinter sich. Mit acht hat er Zugangsberechtigungen zum Massachusetts Institute of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in der Tasche. Doch selbst die Eliteuniversitäten wissen nicht, wie sie mit dem Extrembegabten umgehen sollen. Erst nach drei Jahren Wartezeit darf er in Harvard am 11. Oktober 1909 endlich offiziell anfangen zu studieren.

William James Sidis ist das Ergebnis eines genau geplanten Erziehungsexperiments. Die Eltern, beide hochgebildete Mediziner, wollten an ihrem Sohn ihre Theorien zum frühkindlichen Lernen überprüfen. Seine Mutter Sarah liest ihm an der Wiege klassische griechische Sagen vor.

"Das ganze Geheimnis von Billys Erziehung ist, dass wir ihm zeitig die Liebe zum Lernen eingepflanzt haben. Wir haben beschlossen, dass wir Billy von Anfang an wie einen Erwachsenen behandeln."

Vater Boris Sidis, renommierter Professor in der noch jungen Wissenschaft der Psychotherapie, triumphiert. Den Lesern seiner Streitschrift "Philister und Genie" suggeriert er, sie könnten ihre Kinder zu ähnlichen geistigen Höchstleistungen heranzüchten, anstatt sie im staatlichen Schulsystem verkümmern zu lassen:

"Der Lehrer mit seiner pseudowissenschaftlichen, pseudopsychologischen Pseudogogik kann lediglich einen Haufen Philister mit starren Verhaltensmustern produzieren: Marionetten. Ich nehme an, Sie als fortschrittliche Männer und Frauen erkennen Ihre wahre Berufung: die verborgenen Energien Ihrer Kinder zugänglich zu machen und das menschliche Genie durch Erziehung ans Licht zu bringen."

William ist die öffentliche Vermarktung seiner Genialität zuwider. Mit 16 Jahren gibt er anlässlich seiner Promotion freimütig Auskunft über seine Lebensplanung:

"Ich möchte ein perfektes Leben führen. Das perfekte Leben lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen. Menschenmengen habe ich immer gehasst."

Doch das Erwachsenenleben von William James Sidis verläuft nicht perfekt. Seine erste Stelle als Mathematikdozent in Texas gibt er auf, weil ihn seine Studenten, allesamt älter als er, zu sehr hänseln. Dabei hatte er eigens ein Lehrbuch für sie verfasst - auf Griechisch. Dann führt er im Auftrag eines Labors physikalische Kalkulationen durch, die, wie er erst später erfährt, militärischen Zwecken dienen. Sidis ist glühender Pazifist. Er kündigt umgehend.

Er schließt sich der kommunistischen Bewegung an und wird als Rädelsführer einer ungenehmigten Demonstration verhaftet. Seine Eltern versuchen es mit Umerziehungsmaßnahmen. Sidis reißt aus und bricht die Beziehung rigoros ab. Er schlägt sich in New York und Boston inkognito mit schlecht bezahlten Bürojobs durchs Leben. Jedes Angebot für eine höhere, besser entlohnte Aufgabe lehnt er kategorisch ab. Immer wenn er als der einstige Presseliebling Billy erkannt wird, wechselt er sofort die Stelle.

1944, im Alter von 46 Jahren, stirbt William James Sidis an einer Gehirnblutung. Er hinterlässt unzählige Schriften, die bis heute entweder unveröffentlicht oder fast unbeachtet geblieben sind. Dabei sind sie Zeugen eines einzigartigen Geistes. Schon 1925 entwickelte Sidis in seiner Freizeit die Theorie von Schwarzen Löchern - lange vor der akademischen Astronomie. Aber das wurde erst Jahrzehnte später erkannt.

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