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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.06.2009

Der Herr der Schlüssel

Der französische Pianist Alexandre Tharaud

Von Guylaine Tappaz

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Sein altes Klavier spielte fast wie von allein. (Stock.XCHNG)
Sein altes Klavier spielte fast wie von allein. (Stock.XCHNG)

Wenn der Pianist Alexandre Tharaud eine neue CD aufnimmt, hört er eine Woche zuvor auf, Klavier zu spielen, um "hungrig" zu seinem Instrument zurückzukehren. Es ist nicht die einzige Eigenart des Franzosen, der zu den erfolgreichsten Pianisten seines Landes gehört. So hat er sein eigenes Klavier verkauft, um sich bei Freunden zum Proben einmieten zu können.

"Ich denke, Kinder können Satie sehr gut spielen. (…) Man muss sich ganz und gar gehen lassen. Nicht versuchen, zwingend jede Note für sich sprechen zu lassen, immer interessant zu sein. Und das ist für Konzertpianisten schwierig."

Musik als Kinderspiel – das sagt viel über die Bescheidenheit des Pianisten Alexandre Tharaud und die Lust, mit der er an sein Instrument herangeht. Beim Reden über Erik Satie schweifen seine blauen Augen in die Ferne, seine langen, leicht knotigen Hände zeichnen Kurven in die Luft. Mit seinem schmalen, eher kleinen Körper, seinen kindlichen Gesichtszügen und in seinem gestreiften Matrosen-Pulli wirkt der Pianist jünger als 41 Jahre – und: in sich ruhend.

"Menschen denken, ich bin ein ruhiger Typ. Dabei sprudelt es in mir, ich bin völlig gestresst, also gar nicht ruhig!"

Vor zwölf Jahren hat Alexandre Tharaud sein Klavier verkauft. Ohne Gewissensbisse. Dieses gute Stück – ein Bösendorfer - spielte fast wie von allein, erzählt er. Vor allem aber: es machte den nervösen Pianisten süchtig. Süchtig danach, alle möglichen Noten vom Blatt zu lesen, Stücke bis spät in die Nacht in seiner Pariser Wohnung selbst zu komponieren. Die eigentliche Arbeit –
das Proben ganz bestimmter Stücke - ließ er links liegen.

Alexandre Tharaud holt einen schweren Schlüsselbund aus seiner Hosentasche. Alles Schlüssel von Freunden, die ein Klavier besitzen. Bei ihnen zu Hause - und zum Teil auf nicht gut gestimmten Instrumenten - übt er, in ihrer Abwesenheit.

"Ich mag es, wie ein Dieb hineinzuschleichen. Ich bringe nur die Noten mit, die ich brauche, schalte das Handy aus. Ich sage meinen Freunden oft: ohne es zu wissen, arbeitet Ihr für mich. Denn ihre Möbel, ihre Vorhänge, all das, was ihre Wohnungen belebt, prägt mich."

Auf der Bühne stehen – das wollte Alexandre Tharaud schon immer. Doch eher als Schauspieler oder Tänzer. Sein Vater – ein Operettensänger und Regisseur - setzt ihn als Kind als Komparse ein. Seine Mutter, eine Tänzerin, gibt ihm Ballettunterricht. Es sind auch seine Eltern, die ihn ans Klavier setzen. Mit 14 Jahren wird er in die Pariser Musikakademie aufgenommen - und auf Wettbewerbe getrimmt.

"Ich war viel zu jung für die Musikakademie, also war ich sehr stolz und prätentiös. Vor allem aber fühlte ich mich fehl am Platz. Was mir fehlte, war der Austausch. Als ich die Parallelklasse im Fach Klavier besuchen wollte, wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich wollte gern Schüler der Gesangsklasse am Klavier begleiten. Daraus wurde auch nichts."

Nach der Musikakademie folgen erst zwei schwierige Jahre ohne Konzerte und ohne Projekte. In dieser Zeit wird Alexandre Tharaud zum eigenen Klavierlehrer und nimmt sich auf Kassette auf. Er finanziert sich, indem er Stummfilme begleitet, entdeckt das zeitgenössische Repertoire und die Kammermusik für sich – und die Freude am Zusammenspielen mit anderen Musikern.

Seitdem holt sich der Pianist für seine CD-Aufnahmen und Konzerte immer wieder Verstärkung. Doch es müssen nicht immer Musiker, oder überhaupt Menschen sein. Bartabas, der französische Erfinder des Reittheaters, schlug ihm vor, für seine Aufführungen die italienischen Konzerte von Bach zu interpretieren. Live mitten unter den Pferden.

"Ich habe erst gedacht: er ist völlig verrückt. Wie soll ich mich bei Bach, der ja eine Art Meditationszustand erfordert, konzentrieren – mit all diesen Pferden, die um mich herumtrappeln? (…) Es war aber das Gegenteil. Die Pferde waren extrem still, ihr leiser Schritt bildete ein Gegenpol zur Bachmusik. Und wenn ich heute diese Bachstücke spiele, fehlt mir ihr Geruch!"

Alexandre Tharaud geht seinen eigenen Weg: Er spielt Barockwerke von Couperin auf einem modernen Flügel, bittet heutige Komponisten, Stücke für eine Rameau-CD als Hommage zu schreiben, und nimmt ein anderes Mal einen zeitgenössischen Komponisten wie Mauricio Kagel auf.

Offen berichtet er auch von den Albträumen eines Pianisten. Von seinen Fingern, die er lernen musste, zu beherrschen, damit sie am Anfang eines Konzerts nicht aus Angst gelähmt sind. Und er erzählt von seinen Gedächtnislücken. Diese hätten ihn vor drei Jahren fast dazu gebracht, nicht mehr aufzutreten. Seitdem spielt Alexandre Tharaud mit Noten – nur noch.

"Einmal musste ich mitten in einem Concerto wegen so eines Blackouts aufhören zu spielen – samt Orchester. 80 Musiker, die wegen einem anhalten - das ist ziemlich traumatisierend! Seitdem – und das war wieder eine radikale Entscheidung – gebe ich Konzerte nur noch mit Noten – sie sind ein Sicherheitsgurt."

Service:
Am 20. Juni 2009 tritt Alexandre Tharaud in Bad Kissingen im Kloster Maria Bildhausen auf, am 21. Juni 2009 dann im Schloss Ludwigsburg, Ordenssaal - zusammen mit einem seinem Lieblingspartner: dem französischen Cellisten Jean-Guihen Queyras. (mit Werken von Debussy, Bach, Mendelssohn, Schubert).

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