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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.06.2010

Der Gott, der in Versuchung führt

Muss das Vaterunser geändert werden?

Von Uwe Birnstein

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Auch Theologen fühlen sich herausgefordert, die sechste Bitte des Vaterunsers zu überdenken: "Und führe uns nicht in Versuchung".

Gottesdienstgemeinde:
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib unsere Schuld
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung


"Ich mach dich glücklich. Folge mir. Vergiss doch deine Moral! Was ist schon gut, was ist schön böse? Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du das Paradies auf Erden erleben. Ich werde dir deine geheimsten Träume erfüllen."

Moment mal, wie war das: "Führe uns nicht in Versuchung"? Kann Gott das denn? Gibt es da nicht einen anderen Versucher, ist es nicht sein Gegenspieler: der Teufel, der Menschen mit verführerischer Stimme und wunderschönen Verlockungen in Versuchung führt?

In den letzten Jahren bewegt diese Frage immer mehr Menschen. Auch Theologen fühlen sich herausgefordert, diese sechste Bitte des Vaterunsers zu überdenken: " ... und führe uns nicht in Versuchung". Der Neutestamentler Klaus Berger etwa schlägt eine andere Übersetzung vor. Seiner Meinung nach wäre es zutreffender, zu sagen:

"Führe uns an der Versuchung vorbei."

Auch der Theologe und Philosoph Rupert Lay bietet eine Alternative.

"Und führe uns auch in der Versuchung!"

Eine ganz andere Variante findet sich bereits in einer neuen Bibelübersetzung, der "Bibel in gerechter Sprache". Dort ist diese Bitte des Vaterunsers so übersetzt:

"Führe uns nicht zum Verrat an dir!"

Ja, muss denn das Vaterunser geändert werden, das älteste im Neuen Testament überlieferte Gebet – und gibt es dafür gar ernstzunehmende theologische Gründe?

Christoph Markschies: "Also erst mal würd ich davor warnen, das Vaterunser umzuschreiben, denn mindestens gibt es gute Gründe anzunehmen, dass uns Jesus von Nazareth dieses Gebet lehrt. Aber mal ganz im Ernst gesagt: Wenn man sich das alttestamentliche Buch Hiob anguckt, dann wird ja dort die These vertreten: Gott hat einen Menschen in die Versuchung geführt. Es gibt schon im Buch Hiob theologische Debatten darüber: Darf man das überhaupt sagen? Ich würde das nicht sagen, aber ich würde schon sagen, dass Sie in Lebenssituationen kommen können, in denen ihnen, so hat es Martin Luther mal sehr schön gesagt, Gott "dunkel" wird, Sie ihn nicht verstehen und sich fragen: "Hängt meine schlimme Situationen vielleicht ursächlich doch mit Gott zusammen oder hat er es zugelassen?" Und insofern ist dieser Satz im Vaterunser die Provokation, dass wir uns nicht so einen Eiapopeia-Gott zusammenbasteln, sondern dass einem Gott dunkel, bei Martin Luther steht sogar "grausam" werden kann. Das ist die Bitte im Vaterunser, "führe uns nicht in Versuchung", dass das nicht geschieht. Dass er sich uns nicht verdunkelt, dass er für uns hell bleibt."

Was der Berliner Theologe Christoph Markschies da behauptet, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Tatsächlich ist diese Zeile des Vaterunsers sehr seltsam. In das älteste Gebet der Christenheit – wahrscheinlich stammt es sogar aus dem Munde Jesu – hat sich eine Aussage eingeschlichen, die erstens nur schwer zu verstehen ist. Und die sich zweitens mit anderen Aussagen der Bibel beißt. Wenn die Christen Gott bitten müssen, er möge sie nicht in Versuchung führen - so könnte dies ja nur begründet sein, wenn diese Gefahr tatsächlich bestünde. Dass Gott wirklich seine Gläubigen ins größte Elend schicken würde, wenn es ihm beliebt. Dann wären nicht irgendwelche dunklen Mächte Urheber der Versuchung, sondern Gott selbst. Er führte dann die Menschen dorthin, wo sie eigentlich gar nicht hin wollen.
Kein Teufel lockt mit unlauteren Versprechungen. Gott selbst spielt die Schlange und versucht, die Gläubigen vom Pfad der Tugend abzubringen. Gott macht sich selbst zu seinem eigenen Widersacher.

Ein Verhalten, das weitere Fragen aufwirft: Sollte Gott die Menschen als Spielbälle benutzen? Schenkt er ihnen einerseits Glaubensstärke und Willenskraft, um sie sogleich auf die harte Probe zu stellen? Verordnet er eine Prüfung?

Im Grunde ist diese sechste Bitte des Vaterunsers eine bösartige Unterstellung:

"Und führe uns nicht in Versuchung!"

Vielleicht hilft ein Blick ins Original, in den Urtext der Bibel. Welches Wort hatte Martin Luther eigentlich vor Augen, als er auf der Wartburg das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übertrug? Das griechische Wörterbuch belehrt:

"Peirasmos: Prüfung. Erprobung. Auch: Versuchung"

Exegeten betonen, dass die Übersetzung "Versuchung" nur eine sehr eingeschränkte und keineswegs erschöpfende Bedeutung des griechischen Begriffs "peirasmos" wiedergibt. Und sie belegen das mit anderen Bibelstellen, in denen diese "peirasmos", diese "Prüfung", verblüffenderweise sehr positiv dargestellt wird. So schreibt zum Beispiel der Verfasser des Jakobusbriefes im Neuen Testament:

"Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet!"

Ähnlich verlangt das Buch Judith im Alten Testament, nicht um Bewahrung vor Versuchungen zu bitten. Im Gegenteil.


"Tröstet das Volk mit eurem Wort, dass sie bedenken, wie unsre Väter auch versucht wurden, damit sie sich darin bewährten, dass sie Gott von Herzen dienten."

Wer diese biblischen Aussagen ernst nimmt, müsste das Vaterunser tatsächlich umschreiben. Aber anders als die anfangs zitierten Versuche. Statt "führe uns nicht in Versuchung" müsste es dann heißen:

"Führe uns in Versuchung!"

In diesem Sinne verstanden, schildert die gesamte Bibel eine Unzahl von Prüfungen. Gott wirkt wie ein Erzieher. Ständig prüft er Gläubige, ob sie auch wirklich an ihn glauben. Den ersten Menschen der Welt, Adam und Eva, pflanzte er die Versuchung in Form des "Baumes des Erkenntnis" mitten ins Paradies. Das Experiment scheiterte bekanntlich: Das erste Paar der Bibel versagt und wird zur Strafe aus dem Garten Eden verstoßen.

Christoph Markschies: "Ganze biblische Traditionen erzählen uns Geschichten von Gott, der Menschen in Grenzsituationen führt, um sich dort zu bewähren. Es ist nicht meine Theologie, aber ich nehme wahr: es sind viele Menschen, die so denken, große: der Autor des Hiobbuches, Abrahams Opfer und so weiter und sofort, also eine ganze Reihe von biblischen Geschichten, bei denen man auch nicht sagen kann: "Das ist irgendwie Frühzeit, da waren die Leute noch doof", oder noch schlimmer: "Das ist Judentum, da sind wir als Christen drüber hinaus", sondern das ist eine Form der Leidbewältigung in der jüdischen und christlichen Theologie und Religion und aus der heraus beten die Menschen: das, was du da tun könntest, tu doch bitte nicht. Und in all den Geschichten tut er's dann ja auch nicht."

Einen weiteren Hinweis gibt die Bibel. Am Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu steht keine Predigt und auch keine spektakuläre Krankenheilung, sondern eine Versuchung.

"Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er vom Teufel versucht würde."

Vielleicht ist dies ein Hinweis: Gott führt in Situationen, in denen die Menschen leicht in Versuchung geraten können. Die Versuchung selbst hingegen vollzieht der Teufel. Im Fall des Jesus von Nazareth absolut erfolglos übrigens. Jesus widerstand allen Verlockungen. Die zweifelhafte Macht, die der Teufel ihm verhieß, lehnte er dankend ab – mit Hinweis darauf, dass allein Gott die Macht zustehe. Jenem Gott also, der die Menschen manchmal in Situationen hineinstellt, die Entscheidungen fordern. Jenem Gott, von dem die Gläubigen nur Gutes erwarten – der aber bisweilen schwer verstehbare Wege empfiehlt.

Christoph Markschies: "Gott ist ja nicht nur der, der mich freundlich in meinen Bekümmernissen tröstet, sondern auch der, der zu mir sagt wenn ich bestimmte Handlungen durchführe: so nicht, Freundchen, und dass dieser Bereich Gottes mir jetzt komm ich ein wenig ins Stottern, dass dieses Gesicht Gottes von mir abgewandt ist, sich mir nicht zeigen möge, sondern dass sich mir ein freundlicher Gott zeigen möge. Das ist doch eigentlich gesagt: ' ... und führe uns nicht in Versuchung.'"

Grund genug also, für eine Änderung der Bibel und des Vaterunsers zu plädieren?
Ein hehres Vorhaben, das theologisch durchaus vertretbar wäre – aber an der langen Tradition der Kirchen scheitern würde. Und wahrscheinlich auch am Einspruch jener Zigmillionen Christen, denen der gewohnte Wortlaut des Gebets lieb und vertraut geworden ist.
So wird es auch an diesem Wochenende wieder in tausenden Gottesdiensten gebetet.
Und nur wenige werden Unbehagen spüren bei dieser Zeile:

Gottesdienstgemeinde:

... und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

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