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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2011

Der Garten als Börse des Wissens

Pierre David, Gilles Mermet, Martine Willemin: "Der Küchengarten des Königs", Dumont Verlag, Köln 2011, 208 Seiten

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Blütenpracht im Küchengarten Gera  (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
Blütenpracht im Küchengarten Gera (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Schon immer galten Nutzgärten als die Krone des verspielten Luxus. Voller Respekt nähert sich der Fotograf Gilles Mermet in dem Buch "Der Küchengarten des Königs" den perfekten geometrischen Formen dieser einzigartigen Naturkultur. Begleitet wird sein Streifzug durch Reportagen aus dem Alltag der lebendigen Schatzkammer.

Adelshäuser, zumal die mächtigen, waren Vorbilder in Geschmacksfragen, sie wirkten stilbildend. Das betraf Sprache und Manieren ebenso wie Kleidung und Ernährung – und damit eben auch grundlegende Voraussetzungen der Lebensführung: Landwirtschaft und Gartenbau. Weil Obst als Vitaminlieferant seinen Untertanen zugutekommen sollte, ließ Leopold Friedrich Franz von Anhalt Dessau im 18. Jahrhundert mehrere Baumreihen entlang der Straßen pflanzen und elaborierte Bewässerungssysteme errichten, die bis heute die Landschaft prägen.

Bereits im 17. Jahrhundert entstand am Hof des Sonnenkönigs in Versailles ein überwältigender Küchengarten. Neben seiner Größe von rund neun Hektar faszinierten Zeitgenossen die kunstvolle Anlage, "das Theater aus Grünzeug", sowie der Reichtum der Obst- und Gemüseplanzungen. Historische Stiche und Auszüge aus alten Handbüchern zeigen das, aber viel mehr noch die heutigen Fotografien von Gilles Mermet. Seine plastischen Nahsichten auf Baumstrukturen, auf nüchtern aufgereihte Äpfel, auf elf verschieden geformte Auberginen oder einzelne Fruchtzweige, aber auch Details einzelner Handgriffe und Arbeitsschritte suggerieren geradezu Lebendigkeit. Der Küchengarten des Königs in Versailles ist, trotz mancher Umgestaltung, mehr als nur ein Denkmal. Bis heute liefert er Wissen, dient als Samenbörse, aber auch als Ausbildungsstätte und Versuchsanlage der Ecole nationale supérieure du paysage, also künftiger Landschaftsgestalter.

Den Grundstock dieses Wunderwerks schuf der 1670 berufene Direktor der königlichen Obst- und Gemüsegärten Jean-Baptiste de La Quintinie. Er musste Wege finden, den riesigen Hof Ludwig XIV. und dessen Gier nach Geschmacksvielfalt und Delikatesse zu befriedigen. Der Küchengarten gab täglich 150 Melonen und 4000 Feigen her, dazu Spargel und Artischocken, Kräuter, Salate und vieles mehr. Also erforderte er effektive Bewirtschaftung. Es galt, die Jahreszeiten auszutricksen und mit Gewächshäusern und Mistbeeten früh den Anbau zu beginnen, ihn durch Wärmezonen zu verlängern, durch Mauern und Hecken sowie Terrassenanlagen zur günstigen Besonnung. Erträge ließen sich steigern durch Pferdemist und fördernde Nachbarschaften: Das alles in geometrischen Anlagen wie sie dem Geschmack der Zeit entsprachen, ausgerichtet auf ein zentrales kreisförmigen Becken mit Rundbeet im Zentrum. Nützlichkeit allein war kein Kriterium.

Ungefähr 400 Obst- und ebenso viele Gemüsesorten werden dort bis heute kultiviert, mittlerweile auch Kartoffeln und Tomaten, die noch nicht zum Speiseplan des großen Königs gehört hatten und erst später eingeführt worden sind. Die rund 50 Tonnen Früchte und 30 Tonnen Gemüse jedes Jahr wachsen weitgehend ohne künstliche chemische Zusätze – allerdings nicht ohne Eingriffe und Lenkung durch den Menschen, seien es Netze gegen Vögel oder Nährblumenwiesen für Bienen.

Vor allem aber kommen Scheren, Sägen, Draht und Gewichte zum Einsatz zur fantasievollen Lenkung, "Erziehung" von Spalierobst. Rautenförmige Muster, waagerechte oder kastenförmige: Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele, nämlich 60 Obstbaumformen, zu finden. Sie garantieren Ertragssteigerung, leichte Zugänglichkeit, aber auch die Ausnutzung von Stauwärme an den Mauern. Und sie entsprechen einem sehr französischen Verständnis von Naturbeherrschung.

Viele der Tricks, die im 17. Jahrhundert erprobt wurden, hatten Breitenwirkung und gehörten, wie etwa das Pfropfen, zum gärtnerischen Know-how, bis es mit unseren Großvätern weitgehend verschwunden ist. Man kann anhand dieses ungemein informativen, schön gestalteten Bandes die praktischen Handgriffe nicht lernen. Die historischen Exkurse und Illustrationen wie auch aktuelle Fotografien lassen uns aber ihre subtile Kunstfertigkeit erahnen, das Zusammenspiel von Ästhetik und Nützlichkeit. Wer sich so den sinnlichen Reichtum, die Vielfalt von Geschmacksvariationen vor Augen hält, muss geradezu bedauern, wie eintönig und einfallslos es in unseren Gärten zumeist zugeht. Man kann das Buch aber auch lesen als Anleitung für einen genauen Blick auf die Produkte unseres Tisches, als Anregung auf der Suche nach Fülle und Geschmack, nach Abwechslung und Wissen.

Besprochen von Barbara Wahlster

Pierre David, Gilles Mermet, Martine Willemin: "Der Küchengarten des Königs"
aus dem Französischen von Harald Kilias
Dumont Verlag, Köln 2011
208 Seiten, 150 farbige Abbildungen, 49,95 Euro

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