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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.07.2008

Der Erfinder der Autobiografie

Augustinus: "Bekenntnisse", Hrsg. Jörg Ulrich, Verlag der Weltreligionen 2007, 619 Seiten

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Erster Bericht eines Lebens: Von der Kindheit bis zum Bischofsstuhl.  (Stock.XCHNG /)
Erster Bericht eines Lebens: Von der Kindheit bis zum Bischofsstuhl. (Stock.XCHNG /)

Der bedeutende Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus von Hippo begründete an der Zeitenwende zwischen Antike und Mittelalter das literarische Genre der Autobiografie. In der Ich-Form zu sprechen, hatte er dem Juden Jesus von Nazareth abgeschaut. Seine "Bekenntnisse" zählen zu den klassischen Autobiografien der Weltliteratur. Sie entstanden um 400, als er Mitte 40 und Bischof von Hippo war.

Augustinus ist in doppelter Hinsicht ein Klassiker, einer der Kirchengeschichte und einer der Weltliteratur. Seine philosophischen und theologischen Ansichten haben das frühe Christentum entscheidend geprägt. Sie wirken fort bis in die theologischen Diskussionen unserer Tage.

Der Kirchenvater aus Thagaste hat 39 Bücher verfasst, für antike Verhältnisse ein Werk von gigantischem Ausmaß, darunter auch die "Confessiones". Mit ihnen hat Augustinus eine neues literarisches Genre begründet: die autobiografische Erzählung. Vor Augustinus war es nicht üblich, dass ein Autor dem Leser sein Leben erzählt, Dichter wie Homer und Vergil haben Selbstaussagen vermieden.

In der Ich-Form zu sprechen, hat Augustinus dem Juden Jesus von Nazareth abgeschaut. Des Kirchenvaters Lieblingstext war das Johannes-Evangelium mit den berühmten Selbstaussagen Jesu: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben…" - Literaten aller Couleur haben sich später an Augustinus ein Beispiel genommen und eine Autobiografie verfasst, denken wir zum Beispiel an Goethes "Dichtung und Wahrheit". Jean-Jacques Rousseau übernahm für seine Autobiografie sogar Augustinus’ Titel: "Confessions".

Die "Bekenntnisse" sind um das Jahr 400 entstanden. Da war Augustinus Mitte 40 und Bischof von Hippo. In diesem Buch legt er Rechenschaft über sein Leben ab. Das Werk ist Bekenntnis in doppelter Hinsicht: erstens ein Schuldbekenntnis vor Gott (Augustinus blickt auf sein vorchristliches Leben zurück und empfindet es als durch und durch sündhaft) und zweitens ein Glaubensbekenntnis. Aber die "Confessiones" hat Augustinus nicht nur für sich selbst geschrieben, sie sind auch eine Werbeschrift für das Christentum.

Das Werk besteht aus 13 Büchern (Kapiteln). Die letzten drei sind philosophisch-theologische Traktate, hier geht es um die biblische Schöpfungsgeschichte und um das Phänomen der Zeit. Die eigentliche Autobiografie umfasst die ersten neun Bücher. Hier beschreibt Augustinus sein Leben von frühester Kindheit an bis zum entscheidenden Jahr 387. Da war er 33 Jahre alt und hat sich von Bischof Ambrosius zu Mailand taufen lassen.

Augustinus ist in Thagaste (heute Algerien) geboren, als Sohn eines römischen Beamten. Er hat in Karthago Rhetorik studiert, bekam später eine Professur in Mailand, hat am kaiserlichen Hof Ehrenreden für Kaiser und Konsuln gehalten. Den Wendepunkt seines Lebens markiert ein mystisch-religiöses Erlebnis am 15. August 386, Augustinus berichtet davon im 8. Buch der "Confessiones". Unter einem Feigenbaum in einem Mailänder Garten vernahm er plötzlich eine Kinderstimme, die ihn immer wieder aufforderte: "Nimm und lies!"

Augustinus fühlte, Gott selbst gibt ihm den Befehl, ein Buch aufzuschlagen, und zu lesen was ihm zuerst ins Auge fällt. – Es war der Brief des Paulus an die Christengemeinde in Rom, wo es heißt: " Lasset uns ehrbar wandeln! Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und verfallt nicht des Leibes Begierden." Augustinus beschloss, auf Ehe und Beruf zu verzichten, von nun an enthaltsam zu leben und ein Leben im Dienste Gottes zu führen.

Der ausgezeichnete Kommentar des Herausgebers Jörg Ulrich setzt Augustinus "Bekenntnissen" eine objektivierte Betrachtung entgegen. Wer sich zum ersten mal mit dem Kirchenvater beschäftigt, sollte seine Lektüre mit Ulrichs Kommentar beginnen. Danach wird er so manches "Bekenntnis" des Augustinus relativieren. Wenn der sich zum Beispiel als "großen Sünder und sittenlosen Lüstling" verdammt, weil er 15 Jahre mit einer Frau zusammengelebt und einen Sohn gezeugt hat, so erklärt uns der Herausgeber, solch ein Konkubinat sei nach römischem Recht eine völlig legale Verbindung gewesen. Augustinus bekennt überdies: "Nur mit der einen, der ich auch im Bett die Treue hielt" ( C.4.2) – Sein Sexualleben konnte , wenn überhaupt, nur dann als verwerflich gelten, wenn man den Maßstab eines Heiligen bemühte.

Ebenso empfehlenswert der zweite Kommentar in diesem Werk. Er verortet das Augustinische Denken in den philosophischen und religiösen Diskursen seiner Zeit. Erwähnt sei nicht zuletzt die Optik dieses Bandes: sorgfältig in Leinen gebunden, schlicht und schön. - Einfach ein gutes Buch.

Rezensiert von Susanne von Mack

Augustinus: Bekenntnisse
hrsg. von Jörg Ulrich.
Verlag der Weltreligionen 2007
619 Seiten, 30,00 €

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