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Sonntag, 19.11.2017

Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 10.12.2008

Der Dresdner Kodex

Ein Schlüssel zum Wissen der Maya

Von Marianne Wendt und Christian Schiller

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Blick auf eine Pyramide der Mayas in Mexico (AP)
Blick auf eine Pyramide der Mayas in Mexico (AP)

Im Dezember 2012, zur Wintersonnenwende, soll nach einer Interpretation der Voraussagen der Maya etwas Schlimmes passieren. Die alte Hochkultur auf den Gebieten von Guatemala und Mexiko besaß ein ausgefeiltes Kalenderwissen. Vor 270 Jahren gelangte eine ihrer Handschriften mit hieroglyphischen Figuren nach Dresden, die seither Forscher und Laien fasziniert.

Katrin Nitzschke: " Der Dresdner Kodex oder die Mayahandschrift befindet sich natürlich in der Mitte des Raumes, wo ihm nach der Bedeutung her der Platz gebührt. Wenn der Besucher den Raum betritt, muss er auf diese Handschrift zulaufen, denn sie ist das Zentrum unserer Schatzkammer. "

Katrin Nitzschke, Leiterin des Buchmuseums, zeigt im Voraus angemeldeten Besuchern der Sächsischen Landesbibliothek den verdunkelten Raum, in dem die kostbare Maya-Handschrift im Original aufbewahrt wird.

" Der Codex Dresdensis ist in zwei Teile 1835 geteilt worden, diese Teile sind jeweils zwischen zwei Glasplatten gelegt worden, und diese hingen bis 1939 in einem Rahmen. Dann sind sie wegen des Krieges evakuiert worden, in den Keller des japanischen Palais, der leider Ende des Krieges voll Wasser lief. Das Wasser kroch zwischen die Glasplatten, und dadurch ist ein Teil des Codexes am Glas angehaftet. "

Das ist der Grund, warum der Kodex heutzutage nur liegend gezeigt werden kann und die Unterseite mit Spiegeln für den Besucher sichtbar gemacht wird.

Zur Zeit der Hochkultur der Maya zwischen 1200 und 1450 gab es noch unzählige Exemplare dieser Bücher, in denen die Maya das Wissen ihrer Zeit niederschrieben.

"Wir fanden bei Ihnen eine große Zahl von Büchern mit diesen Buchstaben, und weil sie nichts enthielten, was von Aberglauben und den Täuschungen des Teufels frei wäre, verbrannten wir sie alle, was die Indios zutiefst bedauerten und beklagten. Es wurde ein Autodafe abgehalten, bei dem sie viele auf Schaugerüste stellten, ihnen die Büßermütze aufsetzen, sie auspeitschten, sie kahl schoren und einigen für eine gewisse Zeit das Büßerhemd anzogen; andere, die vom Teufel getäuscht wurden, erhängten sich aus Trübsinn, und gemeinsam zeigten alle große Reue und den Willen, gute Christen zu werden. "

Die Beschreibung dieses Autodafés stammt vom Verantwortlichen selbst, dem Franziskanermönch Diego de Lada. Sie erschien 1566 in seinem "Bericht aus Yucatan".

Nikolai Grube: " Also eine Bücherverbrennung, die dazu führte, dass ein Großteil der vorspanischen Bilderhandschriften in Flammen aufging. Und damit auch die Kenntnis und die Weisheit, die sich dort verbarg. "

Nicolai Grube ist Spezialist für Maya-Inschriften und hat seit 2004 die Professur für Altamerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn inne. Seine Forschungen führen ihn regelmäßig tief in den Dschungel Mexikos und Guatemalas.

" Das war aber nur die eine Seite, das andere ist natürlich auch die Umerziehung der Angehörigen des Adels, die in der Regel ja auch die Träger der Kultur waren, der traditionellen Kultur, die lesen und schreiben konnten. Die wurden in spanischen Klöstern in der katholischen Doktrin erzogen und ihnen wurde bei Androhung größter Strafen verboten die alten Bücher zu konsultieren. "

Die Kodizes dienten als Anleitung für die Tempelpriester. Sie repräsentierten das astronomische Wissen der damaligen Zeit und vermittelten die Abläufe wichtiger Riten.

" Also wir haben drei Kodizes, der eine, der kürzeste ist und am schlechtesten erhaltene liegt in Paris, das ist der Pariser Kodex, der längste und wahrscheinlich auch jüngste aus der Reihe ist der Madrider Kodex, und der schönste und vielleicht auch am besten erhaltene ist der Dresdener Kodex. "

Katrin Nitzschke: " Die Handschrift gliedert sich in mehrere Teile. Und wenn man sie betrachten kann, dann wird auch augenfällig, es gibt Teile der Handschrift, die sind nur schwarz weiss, wie hier zum Beispiel, dann gibt es welche, wo das Zahlensystem der Maya gut sichtbar ist, durch Striche und Punkte, hier zum Beispiel, also in rot und in schwarzer Farbe, und dann gibt es wieder Blätter, die sehr viele Zeichen enthalten, und farblich unterlegte Bilder. Die so, zusammengepresst wie sie sind, fast in ihrer Art und Weise der Darstellung, nicht der Qualität, an etwas Comicartiges erinnern. "

Die Maya haben ihre Handschriften aus der Rinde eines Feigenbaumes hergestellt, die in Wasser plattgeklopft wurde, bis sie einen dünnen, langen Streifen bildete.

Nikolai Grube: " Die Kodices sind dann früher auch gebunden gewesen zwischen zwei Deckeln, die aus Holz bestanden, und weil die Bücher so wertvoll waren, hat man sie dann in Jaguarfell eingewickelt. "

1519 schickte der spanische Konquistador Hernán Cortés seinem König eine Ladung exotischer wertvoller Gegenstände aus den neu entdeckten Gebieten in Mexiko. Das Gold und Silber, die Edelsteine und prunkvollen Artefakte erregten europaweit Aufsehen. Der Chronist der Familie Cortez, Francisco López de Gómara, schrieb damals:

"Unter allen diesen Gegenständen waren auch einige Bücher mit gemalten Figuren, wie sie die Mexikaner als Schrift verwenden, zusammengefaltet wie Tuch, aus den Blättern der Agave."

Nach heutigen Auffassungen wird vermutet, dass sich unter diesen Schriften bereits der Dresdner Kodex befand und dass er auf diesem Wege nach Europa kam. Aufgrund der Einträge in der Sächsischen Landesbibliothek kann der Kodex bis ins Jahr 1739 zurückverfolgt werden. Johann Christian Götze, Oberinspektor der berühmten Bibliothek, unternahm zu diesem Zeitpunkt eine Einkaufsreise im Auftrag von Friedrich August II.

Katrin Nitzschke: " Während des Aufenthaltes in Wien findet er bei einer Privatperson "gar leicht umsonst", das ist seine eigene Interpretation, also er hat es geschenkt bekommen, ein mexikanisches Manuskript mit hieroglyphischen Figuren. "

Götze war schon damals von der Wichtigkeit des Kodex überzeugt. Als er 1744 die Reihe "Merkwürdigkeiten der Königlichen Bibliothek zu Dresden" herausgibt, beginnt er mit einer Beschreibung des Manuskriptes:

"Ein Mexicanisches Buch mit unbekannten Charactern und hieroglyphischen Figuren, auf beyden Seiten beschrieben, und mit allerhand Farben bemahlet in länglicht Octav, ordentlich in Falten oder 39 Blätter zusammen geleget, die ausgebreitet der Länge nach über sechs Ellen austragen.
Unsere Königliche Bibliothec hat diesen Vorzug vor vielen andern, dass sie einen solchen raren Schatz besitzet. Ohne Zweifel ist er aus einer Verlassenschaft eines Spaniers, welcher entweder selbst, oder doch dessen Vorfahren in America gewesen."

Katrin Nitzschke: " Es existiert noch eine Rechnung über die Einkäufe dieser Reise, und in dieser Rechnung steht ganz unten "mexikanisches Manuskript", und dort, wo der Preis stehen müsste, ist ein Strich. Er hat es also wirklich geschenkt bekommen, leider wissen wir nicht, von wem. "

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dann Alexander von Humboldt auf den Dresdner Kodex aufmerksam. In seinem 1810 erschienenen Werk "Vues des Cordillères, et monument des peuples indigènes de l'Amerique" ließ er fünf Seiten der Schrift detailgetreu abbilden. Zuordnen konnte auch er die Mayahandschrift zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen nannte er sie "manuscrit azteque", also eine aztekische Handschrift. Humboldt beschrieb schon damals, dass...

"Der Codex in der Oekonomie von den übrigen mexikanischen abweicht."

Mit Humboldts wachsender Anerkennung als wissenschaftliche Autorität und der Verbreitung seiner Werke wurde auch der Dresdner Kodex immer berühmter. 1859 wurde in Paris ein zweiter Maya-Kodex entdeckt, kurz darauf fand man in Madrid einen weiteren. Entziffern konnte die Schriften damals allerdings noch niemand. Erst Ernst Wilhelm Förstemann, ein Nachfolger Goetzes in der sächsischen Landesbibliothek, beschäftigte sich um 1880 eingehend mit dem Inhalt und schuf damit die Grundlagen zur Erforschung des Maya-Kalenders.

"Handelte es sich doch hier um eine ganz selbstständige, von allem Einflusse der alten Welt vollkommen freie Kultur eines Teiles der Menschheit, um eine Literatur, die einst reich gewesen war, von der man aber durchaus noch nichts wusste."

Förstemann verglich Diego de Landas "Bericht aus Yucatán" mit dem Kodex. Dadurch entdeckte er die Benutzung des Vigesimalsystems – das heißt, die Zahl Zwanzig als Berechnungsgrundlage - und die verschiedenen, ausgefeilten Kalendersysteme der Maya.

Katrin Nitzschke: " Förstemann ist das, was man einen Dilettanten im guten Sinne nennt, also jemand, der etwas mit Freude macht. In der Bibliothek kommt er in Kontakt mit der Mayahandschrift. Er beginnt, sich damit zu beschäftigen als Nichtamerikanist, und kann das Zahlensystem entziffern. Für uns heute eigentlich klar, nur damals hat man diesen Sprung nicht geschafft, Striche und Punkte als das Zahlensystem der Mayas zu erkennen. "

Förstemann war auch der Erste, der eine komplette Faksimileausgabe erstellte, auf die noch heute bei den Forschungen zurückgegriffen wird.

Nikolai Grube: " Meines Erachtens ist das meiste Wissen oral tradiert worden. Wir als Europäer überschätzen natürlich immer die Bedeutung von Büchern. Für uns sind Menschen immer erst dann kultivierte und richtige Menschen, wenn sie über Bücher verfügen, und dadurch unterschätzen wir die Kraft, die vom Wort ausgeht und von oralen Traditionen. Die haben natürlich beim Großteil der Bevölkerung eine viel größere Rolle gespielt als die Bücher. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, die Bücher haben dazu geführt, das Wissen standardisiert wurde, das es kodifiziert wurde, dass es einen bestimmten Kanon von Mythen gab, den sicherlich alle kannten und kennen mussten. "

Im Dresdner Kodex fanden die Wissenschaftler den lange gesuchten Schlüssel zum Wissen der Mayaeliten. Er bildete die Grundlage zur Entzifferung der Mayaschrift im 20. Jahrhundert.

Nikolai Grube: " Man hat im frühen 20. Jahrhundert entdeckt, dass die Beischriften zu den Bildern im Kodex Hieroglyphen enthalten, die sich auf die Figuren beziehen, und die Tierfiguren des Kodex benennen. Man konnte sie zwar noch nicht lesen, aber man wusste, diese Hieroglyphe, die muss für Hund stehen. Und diese Hieroglyphe steht für Truthahn. "

Sir Eric Thompson fasste Anfang des 20. Jahrhunderts die bisherigen Ergebnisse der Mayaforschung zusammen und scheute dabei nicht vor bewussten Fehlinterpretationen und einer selektiven Behandlung der Befunde zurück. Dennoch blieb seine Interpretation bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg anerkannt.

" Die alte Mayakultur war ja in seinem Bild eine friedfertige, Sterne guckende, mathematische Berechnungen anstellende Kultur und ich glaube, er hat diese Theorie oder diese Sichtweise auf die Mayakultur gehabt, um sie von den Azteken abzugrenzen."

Erläutert der Ethnologe Harry Thomas.

Eric Thompson vertrat auch die These, die Mayaglyphen hätten hauptsächlich illustrativen und Verzierungscharakter und seien keine wirkliche Schrift. Doch dann trat der russische Ethnologe und Ägyptologe Yuri Knorozov auf den Plan.

Nikolai Grube: " Also Knorozov hat mir erzählt, wie er als 20-jähriger mit einer Flakeinheit im Mai 1945 ins brennende Berlin einrückte und da standen von den Nazis zurückgelassen Kisten von Büchern die sie eigentlich verschicken wollten nach Thüringen oder nach Sachsen: Und Knorozov durchwühlte diese Kisten und fand da drin eine Reproduktion des Dresdner Kodex und eine Ausgabe von Diego de Landas 'Relacion de las cosas de Yucatan', also der Beschreibung der Dinge von Yucatan am Vorabend der spanischen Eroberung."

Zurück in Russland zeigte er die Dokumente seinem Doktorvater und begann, über die alten Mayas zu forschen. Er stellte schon relativ früh die Theorie auf, dass die Mayaglyphen aus einer Mischung aus piktografischen und syllabischen Elementen bestehen.

Harry Thomas: " Das heißt, dass man das Wort für Jaguar auf eine unterschiedliche Weise schreiben kann. Das Mayawort für Jaguar in Maya ist "Balam". Balam besteht aus zwei Silben "Ba" und "lam" und man kann einmal dieses Wort Jaguar (Balam) mit einem einfachen Jaguarkopf zeichnen und darstellen oder man nimmt die Glyphe für "Ba" und die Glyphe für "lam" und fügt die zusammen und man hat auch dasselbe Wort. "

Ein bestimmter Begriff ließ sich also entweder durch ein einzelnes Piktogramm darstellen, oder aber durch die Aneinanderreihung verschiedener Silben, die zusammen den Begriff bildeten.

Nikolai Grube: " Das war damals sensationell, denn niemand glaubte in den 40er oder 50er Jahren daran, dass die Maya eine Silbenschrift hatten mit denen sie ihre eigene Sprache wirklich präzise notieren konnten. Knorozov hatte sein Kopf, wie soll ich sagen, frei von allen falschen Überzeugungen, von allen Fehlern, die damals in der Literatur kursierten. Und das hat er publiziert, und das ganze hatte er dann eingekleidet in eine sehr marxistisch-leninistische Rhetorik, nicht weil er das wollte, sondern weil er natürlich dazu gezwungen war. Und man hat ihm das sehr übel genommen, deswegen hatte es auch niemand auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ernst genommen. "

Berthold Riese beschreibt in seinem Buch "Die Maya" die Ignoranz der nordamerikanischen Forscherwelt gegenüber Knorozov. Hatte ein Wissenschaftler die Ergebnisse des Russen aufgegriffen, wurde es ihm in der akademischen Welt schlecht gedankt.

"... denn er wurde wegen der Übernahme suspekter "sowjetischer" oder "marxistisch-lenisnistischer" Forschung nicht ernst genommen."

Harry Thomas: " Man könnte vielleicht sagen, dass es in der Mayaforschung auch mal einen Kalten Krieg gegeben hat. "

Nikolai Grube: " Die Hieroglyphenschrift reflektiert eine Sprache, die in der klassischen Mayazeit wohl eine Art von Lingua franca gewesen ist. D.h. so ähnlich wie das Latein bei uns oder das Sanskrit im indischen Kulturraum, war das die Sprache des Adels und des Rituals. Die mochten zwar unterschiedliche Dialekte gesprochen haben, aber die Art und Weise, wie sie geschrieben haben, das war über Jahrhunderte und über große Zeiträume unverändert gleich geblieben. "

Die Entdeckung der Mayaschrift erlaubte es der Forschung zum ersten Mal, eine indigene Sprache auf dem amerikanischen Kontinent bis ins 2. bzw. 3. Jahrhundert n. Chr. zurückzuverfolgen. Erst seit den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die Forscher begonnen, die Mayahieroglyphen in größerem Umfang zu entziffern. Endlich war der Zugang zum verloren geglaubten Wissen der Maya wieder möglich. Mittlerweile ist der Dresdner Codex zu großen Teilen entziffert.

Nikolai Grube: " Der Dresdener Kodex behandelt eine Vielzahl unterschiedlicher und nicht miteinander verwandter Themen. Auf der einen Seite geht es im ersten Teil des Kodex tatsächlich um das Anfertigen von Prophezeiungen, da wird erklärt wie man mit Hilfe des 260-tägigen Kalender Aussagen über die Zukunft vornehmen kann. Dann gibt es in dem Kodex ein Kapital, das sich mit Krankheiten und mit Frauen und mit Geburt befasst. Daran schließt sich dann ein Kapitel an über die Venus. Das ist einer der schönsten Kapitel des Dresdener Kodex, eine fünfseitige Venustafel, die den Umlauf der Venus über einen Zeitraum von 104 Jahren beschreibt. Und dann gibt es noch eine weitere große astronomische Tafel, die zur Vorhersage von Finsternissen diente, von Sonnenfinsternissen und von Mondfinsternissen, dann gibt es lange Kapitel über den Regengott Chak. "

Bei den alten Maya gab es zwei verschiedene Kalendersysteme. Mit dem 260-tägigen Tzolkinkalender, der im Dresdner Kodex beschrieben ist, wurden Prophezeiungen vorgenommen, ähnlich unseren heutigen Horoskopen. Diese wurden dann im Gespräch zwischen dem Schamanen oder dem Kalenderpriester und dem Klienten verfeinert und führten zu einer Art Diagnose.

Das zweite Kalendersystem beruht auf einer 365-tägigen Berechnung. Dieser Sonnenkalender ähnelt unserem heutigen Kalender, denn er umfasst ein Jahr mit 365 Tagen, das in 18 Monate á 20 Tage unterteilt ist. Nach 360 Tagen folgen am Jahresende die "fünf Unglückstage", die als Schalttage dienen.

Nikolai Grube: " So ein Kalenderwissen entsteht natürlich nicht in sehr kurzer Zeit, und die Zyklen, die offenbaren sich dem Beobachter auch erst nach einem ganz ganz langen Beobachtungszeitraum. Da müssen Generationen von systematischen, astronomischen Beobachtungen zusammengetragen werden. Das ist eine Kulturleistung, die sich über Generationen, über Jahrhunderte sicherlich erstreckt hat. "

Die beiden großen Kalendersysteme, der 260-tägige und der 365-tägige, waren miteinander verschaltet.

Nikolai Grube: " Das führt dazu, dass die gleiche Kombination zwischen einem Datum im 260-tägigen und im 365-tägigen Kalender nur alle 18980 Tage vorkommen kann. Die lange Zählung ist die Zählung aller Tage seit der Erschaffung des gegenwärtigen Universums. "

Mit Hilfe dieser langen Zählung, des longcounts, konnten die Maya jedes Datum ebenso präzise aufschreiben, wie wir es seit der Einführung der Jahreszahlen beherrschen. Im Pariser Kodex gibt es einen Abschnitt mit Voraussagen über größere Zeiträume hinweg, bis hinein in unser Jahrhundert.

Nikolai Grube: " Dort werden Prophezeiungen über 260 Jahre gemacht. Über 13 Zyklen von 20 Jahren. Da ist dann die Rede von Hurrikans, von großen Bränden, von Krankheiten, von der Ankunft fremder Leute und von Verwerfungen sozialer und politischer Art. "

Die Tatsache, dass bei den Maya die Zukunft prophezeit wurde, hat immer wieder eine Reihe esoterischer Thesen hervorgerufen. So wird in zahlreichen einschlägigen Publikationen für das Jahr 2012 der Weltuntergang vorhergesagt.

Nikolai Grube: " Das ist eine Erfindung von New-Agern, die mit Mayaprophezeiung überhaupt nichts zu tun hat. Es gibt keinen einzigen Mayatext, weder eine orale Tradition, ein Mythos noch irgendeine Hieroglypheninschrift die vom Ende der Welt im Jahre 2012 berichtet. "

Die alte Mayakultur ist keine gänzlich "tote Kultur". Verschiedene Riten sowie die Verwendung der beiden Kalendersysteme haben sich bis heute im Alltagsleben der Nachfahren erhalten. Umso wichtiger sind für die heute lebende indigene Bevölkerung Mexikos die Forschungen, mit denen sie einen tieferen Zugang zu dem verlorenen Wissen ihrer Vorfahren finden können . Dieser Prozess ist noch mitten im Gang.

Nikolai Grube: " Die Mayaforschung ist noch ein junges Feld und mit jeder Ausgrabung kann sich unser Bild der Maya wieder ganz faszinierend und radikal verändern. "

Der Theaterproduzent Hiram Marina lebt in San Cristobal in Chiapas. Er ist Mestize und versucht, die alten Mythen der Maya einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Seine Darsteller rekrutiert er teilweise aus den Urwalddörfern. In seinen Inszenierungen wird die alte Hochkultur beschworen und gleichzeitig der Verlust an Kultur, Weisheit und Geschichte eines Volkes beklagt.

Hiram Marina: " Die Riten gibt es noch heute, wie man in Chamula und anderen Gemeinden sehen kann. Aber sie sind verändert worden durch den Einfluss der katholischen Religion. Bei den Lancandonenriten sieht man, wie sie ihren Penis mit einem Stäbchen perforieren, damit Blut auf kleine Erdhäufchen fällt. Das dient keinem gewaltsamen Zweck, sondern ist ein Teil einer Kultur des Lebens. Ironischerweise haben die Mayas geglaubt, dass aus dem Tod wieder Leben entsteht. " (Übersetzung)

Die Vermischung zwischen symbolbeladener Hochkultur und göttlichem Ritus auf der einen Seite und einem ganz pragmatischen Ansatz auf der anderen zieht sich durch die ganze Geschichte der Maya. Die Kultur hat sich eigene Wege für das Überleben gesucht.

Der Ethnologe Harry Thomas dokumentiert Mayarituale, die heute noch praktiziert werden und nahm zu diesem Zweck die Gebete von schamanistischen Priestern auf Tonband auf. Die indigene Bevölkerung betet heute nach wie vor zu den prähispanischen Göttern. Für jeden katholischen Heiligen gibt es eine prähispanisches Entsprechung. Coca Cola ist ein gutes Beispiel, wie moderne Dinge in die alte Glaubenswelt integriert wurden. Früher hat man bei einer rituellen Reinigung in der Kirche "Atole Negro" getrunken. Das ist ein Maisgetränk aus schwarzem Mais. Coca Cola hat die gleiche Farbe. Zusätzlich besitzt das Getränk noch Kohlensäure. Nach dem Glauben der Maya verlässt gemeinsam mit dem Rülpser die Krankheit den Körper.

Harry Thomas: " Heutzutage gibt es zunehmend so etwas wie eine zweisprachige Erziehung, aber sehr wenig. Also in dem Ort, wo ich hauptsächlich meine Feldforschungen mache, Mani, gibt es eine Grundschule, die ihre eigene Sprache, das yucatekische Maya, einmal, zweimal die Woche in der Unterrichtstunde haben. "

Hiram Marina: " Eigentlich sollte ich die traditionelle Sprache meiner Region sprechen, das Zokal, aber sie wurde in der Schule nicht unterrichtet. Also spreche ich nur spanisch. Ich spreche die Sprache der Eroberer. " (Übersetzung)

Die Bedeutung des Dresdner Kodex für die indigene Bevölkerung Mexikos kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Katrin Nitzschke: " Die Mayas kommen. Vielleicht sind es nicht so viele im Jahr, aber wenn man das miterleben kann, was für Mayaindianer dieser Kodex bedeutet, dann ahnt man, wie wichtig das für sie ist. Ich habe hier schon mehrere Mayas knien sehen vor dieser Handschrift. Die sind sehr ergriffen, und wenn man fragt, warum, dann sagen sie oft, wir fühlen uns unseren Vorfahren so nah. Und das ist verständlich, wenn man weiß, dass es nur noch drei Handschriften auf der Welt gibt. Und dann steht man vor einem Original, dann ist das eine Faszination, ich will es nicht übertreiben, aber ich würde schon sagen, fast wie eine Wallfahrt. "

Der Dresdner Kodex ist die einzige vorhandene originale Mayahandschrift auf der Welt, die auf Anfrage immer für Besucher zugänglich ist. Eine Mexikanerin ist extra nach Dresden gereist, um den Kodex endlich einmal im Original sehen zu können.

Mexikanische Besucherin: " Wir kann sagen traurig, weil die Espanier haben alles verbrannt. Ist wie die Pilger für die katholische Kirche wir suchen immer Paris, in Madrid, überall wo, und ich hab gelesen, dies ist die schönste von allen. Und ich freu mich, dass ist hier in guten Händen. Schade, dass nicht alle Mexikaner können nach Dresden kommen und kucken diese Wunder. "

Für Nicolai Grube sind daher die direkten Auswirkungen seiner Arbeit auf die lebenden Maya mindestens genauso wichtig wie die Reaktionen der Fachwelt auf seine wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Nikolai Grube: " Die soziale Situation, in der sich die Maya heute befinden ist natürlich geprägt von Unterdrückung, von Kolonialismus, Neokolonialismus und von fehlender Anerkennung in allen Bereichen des politischen und intellektuellen Lebens. Und daraus ist dann auch bei mir die Überzeugung erwachsen, dass Archäologie und die Beschäftigung mit dieser alten Zivilisation dann wirklich erst sinnvoll ist, wenn ich sie auch einsetzen kann, um auf diese Weise einen Beitrag zu leisten für die Wiederentstehung eines indigenen Selbstverständnisses. "

Hiram Marina: " Die Geschichte der Maya spielt an den mexikanischen Schulen fast keine Rolle. Ich glaube, in den anderen Ländern wird mehr über die Kultur der Maya vermittelt als in den Schulen in Mexico. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir in der Grundschule und in der weiterführenden Schule etwas von der Kultur der Maya erzählt wurde. Selbst Freunde, die einen Universitätsabschluss haben, haben keine Ahnung davon, sie kennen nicht einmal architektonische Orte der Maya. "

2007 ging die Dresdner Mayaschrift auf ihre bislang letzte Reise. Professor Grube und der Leiter der sächsischen Landesbibliothek fuhren gemeinsam mit Prinz Alexander von Sachsen nach Guatemala, um eine Kopie des Dresdner Kodex an das Nationalmuseum des Landes zu übergeben.

Nikolai Grube: " Das ist eine große Sache gewesen, wo dann auch nicht nur der Vizepräsident von Guatemala dabei war, sondern auch die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1992 Rigoberta Menchú, die ja selber auch Maya ist und die in ihrer Rede auch dargestellt hat, wie wichtig der Dresdener Kodex für die modernen Maya ist auf dem Weg ihr kulturelles Selbstbewusstsein wieder zu entdecken und neu zu definieren. "

Überall in Mexiko ist die indigene Bevölkerung präsent. In vielen Regionen Yucatans tragen die Mayanachfahren auch noch ihre traditionelle Kleidung. Der Versuch, sich im öffentlichen Leben und der Politik zu etablieren, ist stark ausgeprägt.

Nikolai Grube: " Sich eben auch als Gruppe zu definieren und nicht mehr irgendwie als Guatemalteken oder als Indígenas zu firmieren, sondern zu sagen: Wir sind Maya und die Erben einer Jahrtausende alten großen Kultur und deswegen haben wir auch Anspruch auf politische Repräsentanz. Das kann man sich gar nicht ausmalen, welche enorme Bedeutung das Bewusstsein hat, dass die Religion, die vom nicht indigenen Teil der Gesellschaft immer als so eine Art Magie oder Zauberei angesehen wird, dass das in Wirklichkeit eine der großen Menschheitsreligionen ist, die auf Mythen und Metaphern zurückgreift, die Jahrtausende alt sind. "

Der Dresdener Kodex hat die Zeiten nicht unbeschadet überstanden. Doch sein Wissen hat überlebt.

Nikolai Grube: " Also mein geheimer Traum wäre es wirklich, mal so eine Holzkiste zu finden die versiegelt ist und wo man dann wirklich noch mal ein vorspanisches Mayabuch aus der klassischen Zeit fände. Ne also da würde ich glaube ich meine gesamte Forscherkarriere dafür hingeben für diesen einen Moment. "

QUELLEN

"Maya – Gottkönige im Regenwald"
Hrsg. Nikolai Grube, Königswinter 2006

Alexander von Humboldt: "Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas"
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, ediert und mit einem Nachwort versehen von Oliver Lubrich und Ottmar Ette, Frankfurt am Main 2004

Diego de Landa: " Bericht aus Yucatan"
a. d. Spanischen übersetzt von Ulrich Kunzmann, Stuttgart 2007

"Popol Vuh - Das Buch des Rates"
aus dem Quiché übertragen und erläutert von Wolfgang Cordan, Köln 1984
Berthold Riese: "Die Maya – Geschichte, Kultur, Religion"
München 1995

Ernst Friedrich Förstemann: " Ernst Wilhelm Förstemann", aus:
Ernst Wilhelm Förstemann: "Altdeutsches Namensbuch"
Bd 1, 3. Auflage, Bonn 1913

Helmut Deckert: "Maya Handschrift der sächsischen Landesbibliothek Dresden Codex Dresdensis – Geschichte und Bibliographie"
Akademie-Verlag, Berlin

Die Sächsische Landesbibliothek / der Dresdner Kodex im Internet:
http://www.slub-dresden.de/sammlungen/handschriften-und-seltene-drucke/maya-handschrift/

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