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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.01.2009

Der Chronist des Vorstadt-Lebens

Literaturkritiker Karasek würdigt verstorbenen US-Schriftsteller John Updike

Hellmuth Karasek im Gespräch mit Britta Bürger

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Der US-amerikanische Schriftsteller John Updike in Washington (AP)
Der US-amerikanische Schriftsteller John Updike in Washington (AP)

Der amerikanische Schriftsteller John Updike ist nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Er habe den Mittelstand in all seinen Facetten beschrieben, bescheinigt ihm Hellmuth Karasek. Updike sei bei der Vergabe des Literatur-Nobelpreises sträflich übergangen worden, betont der Literaturkritiker.

Britta Bürger: Warum hat der US-amerikanische Schriftsteller John Updike bis zu seinem gestrigen Tode nicht den Literaturnobelpreis bekommen? Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hatte das seit Jahren gefordert. Bereits 1992 kritisierte er die Königliche Schwedische Akademie dafür mit den Worten, vor Updike werde sie sicher noch irgendjemanden aus dem Sudan finden. 76 Jahre alt ist John Updike geworden und hat in dieser Zeit an die 50 Bücher geschrieben, darunter mehr als 20 große Romane. Am Telefon begrüße ich den Literaturkritiker Hellmuth Karasek. Schönen guten Morgen!

Hellmuth Karasek: Guten Morgen!

Bürger: Herr Karasek, was ist Ihnen als Erstes durch den Kopf gegangen, als sie vom Tod John Updikes erfahren haben?

Karasek: Na ja, ich muss ehrlich sagen, auch der Nobelpreis. Denn für mich gab es zwei amerikanische Schriftsteller, die sträflich übergangen worden sind. Das eine war Philip Roth und das andere war John Updike. John Updike ist der große Chronist der amerikanischen Suburbs, der Vorstädte, wo der Mittelstand lebt, und den Mittelstand hat er in all seinen Figurationen beschrieben. Philip Roth ist der Autor, der die jüdischen Bürger der Großstädte – die Professoren, die Gebrochenen, die Abgeschobenen –, also zwei große Stimmen im amerikanischen Realismus. Warum beide den Nobelpreis nicht bekommen haben, ich denke, es ist ganz einfach: Sie könnten ihn, wenn die Obama-Begeisterung so anhält, hätten sie ihn beide bekommen können in nächster Zeit. Sie sind sozusagen der Bush-Verachtung zum Opfer gefallen. In Schweden traute sich niemand, einem Amerikaner einen Nobelpreis zu geben in den letzten Jahren.

Bürger: Bleiben wir bei dem einen, bei John Updike. Welchen Rang hat er innerhalb der amerikanischen Literatur?

Karasek: Also er ist der große Chronist der Bürger, die in den an sich schönen Suburbs leben. Diese Suburbs bilden jetzt eigentlich das Gebiet, wo die Krise am stärksten durchschlägt. Und Updike hatte den Finger lange an dieser Krise. Er hat das mit seiner Hauptfigur mit "Rabbit", auf Deutsch "Hasenherz", in vielen Romanen beschrieben. Hasenherz wird aus seiner Jugendsünde, Maienblüte bis zu seinem Tod in seinem Werk begleitet, ein Autohändler, der alle Krisen mitmacht, der auf einmal japanische Autos verkaufen muss, der das Gebrochensein in der amerikanischen Vorstadtgesellschaft zeigt, Promiskuität und Treulosigkeit, die unter einem Schatten der puritanischen Herkunft steht. Er hat das in anderen Romanen gemacht, zum Beispiel in dem Roman über die "Hexen von Eastwick", wo er sozusagen übersinnliche Kräfte für die Verhextheit der amerikanischen Ostküstenprovinz gefunden hat. Und er hat es in einem wunderbaren Roman gemacht, "Couples" heißt der auf Englisch, "Ehepaare" auf Deutsch. Übrigens sollte man bei dieser Gelegenheit sagen, dass er in Deutschland eine kongeniale Übersetzerin gefunden hat, Maria Carlson.

Bürger: Bleiben wir noch mal bei der "Rabbit"-Reihe. Fünf Bücher sind erschienen, fünf Romane, 1960 der erste und dann im Grunde alle zehn Jahre ein neuer. Zweimal hat Updike dafür den Pulitzer-Preis bekommen. Besonders berührt hat viele Leser der vierte Band, das ist der, in dem Rabbit stirbt.

Karasek: Ja, "Rabbit in Ruhe" heißt der auf Deutsch.

Bürger: Was war das Besondere an John Updikes Blick auf das Sterben?

Karasek: Ich meine, er hat das Sterben – übrigens, ich muss leider in diesem Zusammenhang noch mal auf Philip Roth hinweisen – ähnlich wie Philip Roth auf das letzte verzweifelte Aufbäumen eines zwar angepassten und auch manchmal feigen Mannes geschoben, der aber in der Sexualität eine ungeheure Kraft gefunden hat. Und in "Rabbit in Ruhe" gibt es sogar noch etwas, wo er ein Verhältnis mit seiner Schwiegertochter anfängt. Und das hat mich damals sehr beeindruckt, wie nah er an die Wildheit, die in dem Hasenherz, der Wolf, der in dem Hasenherz verborgen ist, einzugehen imstande ist.

Bürger: Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist mein Gesprächspartner heute Morgen hier im Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" erinnert an den gestern verstorbenen Schriftsteller John Updike. Welchen Einfluss, Herr Karasek, hatte Updike eigentlich auf die jüngere Generation von Schriftstellern und Schriftstellerinnen in Amerika, aber auch in Europa?

Karasek: Also ich denke, dass er alle Kritiker des aufgestiegenen Kleinbürgertums, all die Existenzen, die aus ihrer Verbogenheit und gesellschaftlichen Eingeschränktheit und Verbogenheit rauszukommen suchten, sehr, sehr gut beschrieben hat. Es läuft zurzeit im Kino ein Film eines Vorläufers von Updike, und der Autor ist einer, der das Thema von Updike sozusagen – Richard Yates heißt er …

Bürger: "Zeiten des Aufruhrs".

Karasek: Ja, "Zeiten des Aufruhrs", ein wunderbarer Film, auch über die Vorstadtsiedlungen, wo die Angestellten immer in die Stadt fahren, wo sie keine Helden werden können in der Stadt und in den engen Bedingungen verkommen. Das ist also ein Vorläufer von Updike. Die Nachfahren sind Schriftsteller wie O'Nan in Amerika. Ich würde sagen, in Deutschland gibt es auch eine Menge Leute, die von Updike beeinflusst sind, vor allen Dingen die jüngeren Autoren, zum Beispiel die hessischen und süddeutschen Autoren, die das deutsche Kleinstadtleben beschrieben haben. Ich denke, dass Andreas Maier, der jetzt einen Potsdam-Roman gerade auf dem Markt hat, auch ein Nachfahre ist. Ich denke aber, dass Updike einzigartig als Chronist einer Epoche und einer Gesellschaft war, die jetzt unabwendbar zu Ende geht.

Bürger: Warum?

Karasek: Weil es diese weißen, selbstbewussten, in der Zerstörung aufbegehrenden Mittelstandsbürger in ihren Vorstadtbungalows und Villen einfach nicht mehr lange geben wird, die zusammen auf Golfausflüge fahren oder auf Reisen gehen, sehr optimistisch waren, sich aber dabei betrügen und beschwindeln. Das alles ist sehr, sehr spannend.

Bürger: John Updike hat ja keine explizit autobiografischen Werke veröffentlicht. Haben Sie seine Bücher dennoch als autobiografisch empfunden?

Karasek: Ich glaube, es gibt keinen Autor, der so genau in das Innenleben seiner Figuren und in deren Texturen und gesellschaftliche Verhältnisse hineinblicken kann, wie das Updike getan hat, das ohne seine eigenen Erfahrungen machen konnte. Volker Hage, der vor Kurzem eine Monografie über Updike veröffentlicht hat und der ihn oft besucht hat, der hat ganz sicher angedeutet, dass es Updikes Kunststück war, trotz seiner privaten Auskünfte, die er immer über seine Umgebung gegeben hat, einfach als Verallgemeinerer dieser Situation sich tarnen konnte.

Bürger: Und dabei war er aber kein besonderer Sprachartist?

Karasek: Nein, nein, ich habe die Übersetzungen von Maria Carlson als kongenial empfunden und möchte deshalb wirklich ehrlicherweise sagen, dass ich bis auf wenige Ausnahmen Updike nicht im Original gelesen habe. Ich habe mich da auf Maria Carlson verlassen. Und ich finde einfach seine Mimikry sehr genau, wie er sich in die Dialoge und Hirne seiner Figuren eindenken kann, wie er die geringsten Veränderungen registriert. Das alles sind Beobachtungen, die wir heute beim Niedergang Detroits und der amerikanischen Autoindustrie sozusagen noch einmal erleben.

Bürger: Updikes letzter Roman "Der Terrorist", der hat auch bei uns wieder große Aufmerksamkeit bekommen, allerdings wurde er ziemlich kontrovers aufgenommen.

Karasek: Ja, mir hat der auch nicht sehr gefallen. Ich habe den nicht ganz ausgelesen, muss ich ehrlich sagen. Dieses Eindenken in jemanden, von dem wir nichts wissen außer aus Zeitungen …

Bürger: Ein junger Amerikaner, der zum Selbstmordattentäter wird, sich am Ende dann aber doch nicht in die Luft sprengt.

Karasek: Ja. Also mir hat das keinen großen Eindruck gemacht, auch sein Südamerika-Buch kurz davor hat mir auch nicht gefallen. Er musste in seinem engen Milieu bleiben, um wirklich die große Welt zu zeigen.

Bürger: Welches ist Ihr persönlicher Updike Nummer eins, Herr Karasek?

Karasek: Ich würde schon sagen die "Rabbit"-Romane und "Ehepaare", ja, weil die mir am genauesten das gezeigt haben, was ich ein paar Jahre später auch im deutschen Mittelstand erlebt und beobachtet habe.

Bürger: Zum Tod des Schriftstellers John Updike ein Gespräch mit dem Literaturkritiker Hellmuth Karasek. Haben Sie herzlichen Dank!

Karasek: Gerne!

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