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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.12.2012

Der blinde Fleck in der Medizin

Sexualwissenschaftler Bosinski beklagt die mangelnde Ausbildung im Bereich der Sexualmedizin

Hartmut Bosinski im Gespräch mit Katrin Heise

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Bei sexuellen Störungen braucht es Glück, um einen Arzt zu finden - im Bereich körperlicher Krankheiten ist das anders. (AP)
Bei sexuellen Störungen braucht es Glück, um einen Arzt zu finden - im Bereich körperlicher Krankheiten ist das anders. (AP)

Seit dem Kriegsende führt die Sexualmedizin in Deutschland ein sehr stiefmütterliches Dasein, kritisiert Sexualwissenschaftler Hartmut Bosinski. Wer Hilfe brauche, habe oftmals eine Odyssee hinter sich, bis er sie findet. Es sei höchste Zeit für Veränderungen, appelliert er.

Katrin Heise: Die Blüte der Sexualwissenschaft in Deutschland ist von den Nationalsozialisten erstickt worden. Und sie hat sich bis heute, möchte man sagen, nicht wieder durchsetzen können. Währenddessen ist in den USA Sexualmedizin Bestandteil jeder medizinischen Fakultät und auch in unseren europäischen Nachbarländern sind medizinische Aus- und Weiterbildung mit anerkannten akademischen Graduierungen an der Tagesordnung, möchte man sagen. In Deutschland ist das nur in wenigen Universitäten der Fall. "Sexualität ist der blinde Fleck in der Medizin." Das beklagt Hartmut Bosinski. Er ist Professor für Sexualmedizin in Kiel und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaften. Guten Tag, Herr Bosinski!

Hartmut Bosinski: Ich grüße Sie, Frau Heise!

Heise: Warum bezeichnen Sie Sexualität als blinden Fleck der Medizin?

Bosinski: Die Patienten, mit denen wir es zu tun haben, das sind ungefähr 35 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, die haben immer wieder beklagt, dass sie eine Odyssee hinter sich haben, bevor sie adäquate Hilfe finden. Wir haben Patientinnen und Patienten, die Opfer sexueller Übergriffe geworden sind. Wir haben Patienten mit Neigungen, die problematisch sind und zu Täterschaft führen können. Wir haben Patienten mit Geschlechtsidentitätsstörungen auch in Zusammenhang mit Intersexsyndromen, wir haben Jugendliche mit Coming-out-Problemen – 35 Prozent der Erwachsenen leiden darunter und wenn wir Ärzte befragen, dann geben die an, 13 Prozent haben nur während ihres Medizinstudium überhaupt etwas zu diesem Thema gelernt. Weit über 80 Prozent der niedergelassenen Ärzte wünschen sich dringend ein Fort- und Weiterbildungsangebot…

Heise: Weil sie ja jeden Tag wahrscheinlich in der Praxis damit konfrontiert werden?

Bosinski: Ja, weiß Gott! Und da müssen wir schon von einem blinden Fleck in der Medizin sprechen.

Heise: Das hört sich fast ein bisschen nach Verklemmung an, oder? Also wenn man jetzt – ich habe es erwähnt, die Sexualwissenschaften in Deutschland mit dem Namen Iwan Bloch und Magnus Hirschfeld in Verbindung zu bringen, die wollten Sexualität entpathologisieren, als etwas zutiefst Menschliches ansehen – was ist daraus geworden, warum ist es das geworden? Kann man das wirklich nur – also sagen, Nationalsozialisten haben diese Blüte erstickt? Aber hätte sie danach nicht wieder aufblühen können?

Bosinski: Es gab Bemühungen nach 45, dies wieder zu reaktivieren, aber wir müssen sagen, dass in der ständisch verfassten und in der universitären Medizin tatsächlich die Sexualmedizin bislang ein stiefmütterliches Dasein führt. Wir hatten bis 2006 vier etablierte sexualmedizinische Institute. Eines davon ist 2006 in Frankfurt geschlossen worden. Jetzt gibt es noch Sexualmedizin in Berlin, in Hamburg und in Kiel. Immer wieder auch bedroht von Kostenfragen mit sehr unerfreulichen Diskussionen. Ich kann Ihnen die Ursache dafür nicht nennen. Ich kann nur die Widersprüche benennen. Die Approbationsordnung für Ärzte, also die Ausbildungsordnung für Medizin Studierende verlangt in der zweiten Prüfung prominent, dass sexuelle Verhaltens- und Erlebnisstörungen abgeprüft werden. Der runde Tisch, der sich in Berlin zum Thema sexueller Kindesmissbrauch etabliert hat, fordert dringend eine Verbesserung der Ausbildung der Mediziner in diesem Gebiet. Die Opfer sexueller Übergriffe beklagen immer wieder, dass sie auf eine Mauer des Schweigens stoßen und dass Ärzte überhaupt Probleme haben, über Sexualität zu sprechen. Das muss geändert werden und zwar sowohl in der Ausbildung als auch in der Fort- und Weiterbildung.

Heise: Wenn es so wenige ausgebildete Sexualmediziner gibt, wie Sie das ja schildern, und gleichzeitig 35 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an und für sich da einen Bedarf hat – die wenden sich also an ihren Hausarzt, an einen Psychiater, nehme ich mal an, an Therapeuten. Können die dem so gar nicht gerecht werden?

Bosinski: Das kommt sehr darauf an, wo sie hingehen. Sie können Glück haben und finden jemanden, der sich mit diesem Thema bisher gezielt beschäftigt hat, aber das ist immer noch dem Zufall überlassen und das halte ich für einen unhaltbaren Zustand.

Heise: Sexualität, der blinde Fleck in der Medizin. Das sagt Sexualmediziner Hartmut Bosinski. Herr Bosinski, von Interesse ist Sexualmedizin, habe ich das Gefühl, immer, wenn es um Straftaten geht, wenn es um Missbrauch geht. Sie haben eben den runden Tisch Sexueller Missbrauch erwähnt. Da wird, wie Sie auch gesagt haben, wissenschaftliche Erforschung, entsprechende Etablierung in Lehre und Ausbildung, da wird da drauf gepocht, also von politischer Seite durchaus auch drauf gepocht. Die Kapazitäten sind doch aber gar nicht da, das überhaupt leisten zu können.

Bosinski: Richtig. Wir haben hier in Kiel deshalb ein Zertifikatstudium Sexualmedizin etabliert, was sehr, sehr gut angenommen wird, sowohl von Medizin- als auch von Psychologiestudierenden. Wir fordern deshalb als Gesellschaft, als Fachgesellschaft die Etablierung einer Zusatzbezeichnung für Sexualmedizin in der Weiterbildungsordnung der Ärzte. Das fordern wir seit 1995. Und wir hoffen, dass das nun endlich Wirklichkeit wird, nachdem Berlin, die Landesärztekammer – auch mit Blick auf das Dunkelfeldprojekt Pädophilie, in dem deutlich wurde, wie viele Männer beispielsweise hochproblematische sexuelle Neigungen haben – die hat die Landesärztekammer Berlin bereits 2007 in ihrer Weiterbildungsordnung etabliert, und wir hoffen nun, dass das auch auf Bundesebene endlich Wirklichkeit wird.

Heise: Da haben wir dann wieder die problematische Herangehensweise an Sexualität. Macht Ihnen das nicht manchmal auch Sorge, dass Sexualität, Sie sagen blinder Fleck, und wenn es überhaupt mal erwähnt wird, dann immer in diesem Zusammenhang?

Bosinski: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass sexualmedizinische Störungen zum einen meist nicht nur einen einzelnen Menschen betreffen, sondern ein Paar oder auch die soziale Umwelt, und dass es immer wieder Überschneidungen zwischen den verschiedensten sexualmedizinischen Störungen gibt. Wenn Sie an die sexuellen Funktionsstörungen denken, da wird das häufig in der Medizin so als eine Life-Style-Medizin behandelt. Tatsächlich wissen wir aber, dass nicht nur Menschen aufgrund von Erkrankungen oder deren Behandlung gravierende sexuelle Probleme haben, sondern auch, dass die Hauptfolge sexueller Übergriffe im Erwachsenenalter sexuelle Funktionsstörungen sind. Das heißt, wir haben es hier mit einem Bereich zu tun, der ganz wesentlich ist für das Leben und Erleben von Menschen, die einen besonderen Bestandteil ihrer Lebensqualität darstellen. Sie sprachen es ja in der Anmoderation an, Sexualität ist ein öffentliches Thema, und das findet keine Entsprechung im medizinischen Versorgungsangebot. Und das, denke ich, sollte geändert werden.

Heise: Sie waren jetzt gerade, am Wochenende, beim Bundeskongress der Medizinstudenten eingeladen als Gastredner, weil sich, kann man daraus schließen, die Studierenden doch sehr für das Thema interessieren und das eigentlich auch auf ihrem Lehrplan haben wollen.

Bosinski: Ganz eindeutig …

Heise: Aber die haben doch oft gar keine Kapazität mehr in dem Studium, da ist doch irgendwie Prüfung an Prüfung – trotzdem ist da, wird da Augenmerk drauf gelegt.

Bosinski: Das erstaunt uns auch. Wir haben hier in Kiel das Zertifikat Studium für Medizinstudierende extrakurrikulär, das heißt, die Studierenden bekommen zwar ein Zertifikat, es wird ihnen in ihrem Medizinstudiengang aber nicht angerechnet. Trotzdem sind Seminare und Vorlesungen überbucht. Das heißt, die Studierenden sehen durchaus, dass da Probleme sind, für die sie ausgebildet werden müssen – so sehen es im Übrigen auch die niedergelassenen Ärzte. Und ich denke, jetzt müssten die Entscheidungsträger sich einmal einen Ruck geben und diesen Zustand ändern.

Heise: Ja genau: An wen wenden Sie sich da, oder beziehungsweise wer ist bei diesem Thema gefordert? Sind das die Universitäten, die Bundesländer, die Bundespolitik?

Bosinski: Es ist zum einen die Bundesvertretung der Ärzteschaft, also die Bundesärztekammer. Dort herrscht gelegentlich noch die Auffassung, dass alle niedergelassenen Psychotherapeuten und Psychiater mit diesem Thema umgehen könnten. Die Wirklichkeit zeigt, dass das definitiv nicht der Fall ist. Wir wenden uns aber auch an die medizinischen Fakultäten mit der dringenden Aufforderung, die im Übrigen auch vom runden Tisch erhoben wird, dieses Thema in Forschung und Lehre stärker in den Vordergrund zu rücken.

Heise: Ja, vom runden Tisch als Forderung erhoben wird. Gibt es da, könnte man sich da nicht vorstellen, dass da ein bisschen mehr Druck ausgeübt werden kann?

Bosinski: Sie denken bitte immer daran, dass sowohl die Ärztevertretung als auch die Universitäten autonom sind …

Heise: … und es ja auch sein sollen …

Bosinski: … und es ja auch sein sollen. Aber ich denke, dass die Argumente, die für eine Etablierung der Sexualmedizin in Aus-, Fort- und Weiterbildung sprechen, mittlerweile doch überzeugend genug sein dürften, zumal vor dem Hintergrund der deutschen Tradition. Sie sprachen es an. Da ließen sich ja noch viel mehr Namen als Marcuse und Hirschfeld nennen. Und ich denke, die Zeit ist reif, dass dieser, ja, anachronistische Zustand nun endlich einmal überwunden wird.

Heise: Die Hoffnung auch? Die Hoffnung kommt jetzt langsam wieder?

Bosinski: Die Hoffnung ist da. Wir haben erste Signale aus der Bundesärztekammer. Und ich sage es noch einmal: Was die Kieler Fakultät für Medizin hier entschieden hat, das ist schon wegweisend, so ein Zertifikatstudium zu etablieren. Wir haben im Übrigen sehr viel Nachfragen aus ganz Deutschland von Medizinstudierenden, die sagen, das wollen wir bei uns auch haben. Das können wir natürlich als Fachgesellschaft nicht beeinflussen. Wir können nur appellieren an die entsprechenden Entscheidungsträger.

Heise: Und das tut er. Hartmut Bosinski. Vielen Dank, Leiter der Sektion für Sexualmedizin an der Uni Kiel und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, -therapie und -wissenschaft. Danke schön für das Gespräch, Herr Bosinski.

Bosinski: Ich danke Ihnen!


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