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Mittwoch, 22.11.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.06.2015

Depression im KindesalterWenn Lachen nicht mehr möglich ist

Von Claudia Euen und Ronny Arnold

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Ein Fünfjähriger steht verzweifelt in einem Tunnel (imago/Roland Mühlanger)
Ein trauriger Fünfjähriger: Bei einer Depression wird der Bezug zum eigenen Selbst brüchig. (imago/Roland Mühlanger)

Traurigkeit, Schlafstörungen oder Desinteresse am Spiel können bei Jungen und Mädchen Anzeichen für eine Depression sein. Selbst Säuglinge können depressive Züge entwickeln. Kinderärzte sind allerdings oft nicht darin geübt, die Krankheit zu erkennen.

"Mama!" 
"Na, hallo." (Kuss) 
"Hast du gegessen, fertig?"
"Ja." 
"Okay." 
"Ein Geschenk". 
"Das hast du gemalt?" 
"Menschen, dann noch das Auto und das Flugzeug." 
"Und da durfte jeder etwas drauf malen?"
 "Ja." 
"Jedes Kind?" 
"Ja." 
"Okay."

Tim Meier und seine Mutter Jana drücken und herzen sich. Seit sieben Tagen haben sie sich nicht mehr gesehen.

Tim ist seit drei Monaten auf der psychologischen Kinderstation des Leipziger Universitätsklinikums. Jeden Donnerstag besucht ihn seine Mutter. Jana Meier fährt 60 Kilometer von einer kleinen 15.000-Einwohner-Stadt nach Leipzig. Dann hat sie Zeit, ihren zehnjährigen Sohn zu sehen, mit ihm zu reden und zu spielen.

"Ich bin meistens um drei hier. Dann habe ich eine halbe Stunde mit meinem Kind und dann fängt die Elterngruppe an, wo Eltern sich untereinander austauschen können. Das geht meist bis vier, Viertel fünf."

Tim Meier, der genau wie seine Mutter in Wahrheit anders heißt, leidet an Depression. Für den kleinen Jungen mit den blonden Haaren ist es nicht der erste Klinikaufenthalt, der Zehnjährige ist schon seit Jahren in Behandlung. Dass er depressiv ist, erkannten die Ärzte erst spät. 

"Er hat Gras gegessen, Blatt gegessen, von seinem Messgerät hat er das Papier gegessen, hat Zeitung gegessen, Radiergummi. Und unsere Psychologin hat immer gesagt, dass ist, weil er in der Schule nicht klarkommt, Deutschprobleme hat. Und ich sage, er macht es ja zu Hause auch. Er geht in den Fußballverein, dort macht er es sogar, Gras essen. Und jetzt haben die Ärzte gesagt, dass es damit zusammenhängt, dass er sich nicht akzeptiert und sagt, ich bin sowieso ein anderes Kind, ich bin ein krankes Kind."

Mit fünf Jahren hat Tim schon viel durchgemacht

2009 wird bei Tim eine schwere Form von Diabetes diagnostiziert. Der Junge ist damals fünf Jahre alt, geht in den Kindergarten. Bis dahin sei bei ihrem Sohn alles normal gewesen, erzählt die Mutter. Dann reagierte er heftig auf die Krankheit.

"Ich hab eingepullert, dann hab' ich immer gebrochen, einmal konnte ich nicht mehr aufstehen, dann habe ich gebrochen und dann mussten wir ins Krankenhaus. Wenn ich was gegessen habe, das hab ich immer wieder ausgebrochen."

Der Diabetes engt Tims Leben stark ein. Während die anderen Kinder spielen, verbringt er viel Zeit in Wartezimmern der Ärzte. Mehrmals täglich muss er seinen Blutzuckerspiegel messen, Süßigkeiten werden rationiert, Sport und Bewegung sind nur noch unter Aufsicht möglich. Anfangs muss er sich das Insulin spritzen, später bekommt er eine Pumpe implantiert, die das Insulin automatisch in seinen Bauch injiziert. Tim versteht das alles nicht, er will wie die anderen Kinder sein, will tun, was sie tun. Weil das nicht geht, zieht er sich immer weiter zurück. 

"Dann irgendwann kam der Punkt, wo er gesagt hat: Ich will nicht mehr, ihr könnt mich alle mal. Ich hab keine Lust und er hat sich dann auch im Kindergarten zurückgezogen. Die haben dort so eine Verkleidungsecke, da hat er sich dann auf die Matte gesetzt und dann mit fast niemanden mehr gespielt und geredet. Er hat sich vollkommen zurückgezogen."

Wenn Jana Meier über Tims Krankheitsgeschichte spricht, wirkt sie ruhig. Dabei ist die Krankheit für die gesamte fünfköpfige Familie eine Herausforderung. Tim Krankheit fordert viel Zuwendung. Das geht an die Substanz. Seine Mutter tut was sie kann.

Denn sie weiß, ihr Sohn hat in seinem kurzen Leben schon einiges durchgemacht. Tim am drei Monate zu früh zur Welt, er verweigert anfangs die Nahrung. Später trennen sich die Eltern, der neue Lebenspartner stirbt. Da ist Tim 5 Jahre alt.

"Da macht man sich natürlich Vorwürfe, hat man was falsch gemacht als Mutti. Mit anderen, auch Freunden, konnte man nicht reden, weil die gesagt haben: Rede dir so was nicht ein, Kinder haben keine Depression, das gibt es nicht. Man konnte eigentlich nie mit jemand reden, beziehungsweise dann haben wir hier Hilfe gesucht: Psychologen und die haben gesagt, jedes Kind ist anders."

Frage aus Fragebogen: "Klagt Ihr Kind häufig über Kopfschmerzen oder Übelkeit?"

Das ist nur eine von 25 Fragen, die Kai von Klitzing gemeinsam mit seinem Team für einen Diagnose-Fragebogen entwickelt hat. Seit acht Jahren leitet der Kinderpsychiater am Leipziger Universitätsklinikum den Forschungsschwerpunkt "Depression bei Kindern". Der Chefarzt der psychologischen Kinderstation will die Früherkennung dieser Krankheit voranbringen. Depressive Störungen gehören mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen in der westlichen Welt. Pro Jahr erkranken laut Statistischem Bundesamt allein in Deutschland rund sechs Millionen Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren daran. Bei Kindern sind bislang keine genauen Zahlen bekannt – auch wenn die Krankheit längst auch für Kinder gilt. 

"Beim Säugling sehen wir es daran, wenn seine Ausdrucksweise starr ist, eher apathisch wirkt, resigniert. Also da sieht man es im Gesicht und in der körperlichen Bewegung, die auch abgeschwächt ist, nicht so lebendig. Beim Vorschulkind, Kindergartenkind, auch jungen Schulkind, sehen wir es in der gereizten Stimmung und auch im Spielverhalten, das stark gehemmt ist. Oder eben um sehr negative Themen dauernd dreht. Und beim fortgeschrittenen Schulkind, da kann es einen Leistungseinbruch geben, Konzentrationsschwierigkeiten. Und dann kommen aber auch Sachen hinzu wie Schlafstörungen, wichtiges Indiz bei Kindern sind körperliche Symptome, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Knieschmerzen, das kann auch eine starke Ausdrucksweise des Kindes sein."  

Eine Depression bei einem Kind zu erkennen, ist sehr schwierig. Doch egal, ob Kinder- oder Erwachsenen-Depression, die Krankheit ist dieselbe, betont Kai von Klitzing.

"Es geht ja immer darum, dass der Bezug zum eigenen Selbst ein Stück brüchig wird und dass sich Energie, auch manchmal Aggressionsenergie, eher gegen das Selbst richtet und dann das Selbst verarmt. Die Suizidalität hängt da auch mit zusammen und dass dann erhebliche Einschränkung von gefühlsmäßiger Schwingungsfähigkeit da ist. Und ein psychischer Schmerz auf Dauer entsteht."

Definiert wird eine Depression allgemein als psychische Störung, kategorisiert nach verschiedenen Episoden. Von leichter, nur partiell auftretender Niedergeschlagenheit bis hin zu schweren depressiven Phasen. Das Leben erscheint den Betroffenen als sinnlos, Gefühle können weder empfunden noch ausgedrückt werden, es fehlt jeglicher Antrieb. Häufig treten auch körperliche Symptome auf: Schlafstörungen, fehlender Appetit, Schmerzen. Kinder sind davon nicht ausgenommen.

Kleine Kinder mit depressiven Störungen dürfen keine Medikamente bekommen

Der große Unterschied: Erwachsene können sich anders ausdrücken. Sie sind in der Lage, wenn sie denn wollen und die Depression nicht zu stark ist, über ihren Schmerz und ihre Sorgen zu sprechen. Sie können hinterfragen, auch wenn sie häufig keine Antworten finden. Ein Kind kann das nur sehr eingeschränkt.

"Also, beim kleinen Kind fällt ja diese ganze Möglichkeit der medikamentösen Behandlung erst einmal weg. Wir wissen nicht, was diese Substanzen auf das sich entwickelnde Gehirn für eine Auswirkung haben. Von daher ist man dann auf die zwei anderen Säulen unserer Therapie angewiesen: Das Eine ist die soziale Unterstützung, also wenn jetzt zum Beispiel ein Kind in einer Familie lebt, die geprägt ist von schwierigen Lebenssituationen, also beispielsweise Depression der Mutter oder auch des Vaters, dann ist es erst einmal wichtig, an dieser sozialen Situation zu arbeiten. Also auch den Eltern zu helfen, dass sie ihre eigenen Schwierigkeiten besser überwinden können. Und die zweite Domäne der frühen Behandlung von Kinderdepression und Angststörung ist die Psychotherapie."

Psychotherapie mit Kindern ist eine Herausforderung, besonders wenn Kinder so jung sind wie Tim – denn sind sie gerade erst dabei, ihre Lebenswelt kennenzulernen. Außerdem müssen die Ärzte herausfiltern, ob die schlechte Laune nur eine Momentaufnahme ist oder Ausdruck einer tieferen, seelischen Belastung. Anzeichen kann es bereits in der frühesten Kindheit geben.

Deshalb ist das Spiel des Kindes ein wichtiges Indiz, in welcher seelischen Verfassung es sich befindet.

"Wo das kleine Kind eben keine Lust zum Spielen hat oder wenn es spielt, dann spielt es immer Sachen, die schlecht ausgehen. Bei kleinen Kindern ist auch weniger dieser ganz traurig depressive Gefühlsausdruck, sondern mehr die Gereiztheit. Und je jünger das Kind ist, umso schwankender sind die Symptome. Deswegen sieht man es bei Kindern auch manchmal schlechter."

Der Kinderpsychiater hat zusammen mit Kollegen eine psychoanalytische Kurzzeitbehandlung für Kinder von vier bis zehn Jahren entwickelt. In 25 Therapie-Sitzungen, von denen fünf mit und die restlichen 20 ohne Eltern stattfinden, werden in Gesprächen und vor allem im Spiel unverarbeitete Konflikte des Kindes herausgearbeitet.

"Dann gibt es zwei Sorten von Kindern: Die einen Kinder sind dann so gehemmt, dass die Intervention darin besteht, dass ich ihnen erst einmal helfe, so etwas wie Spiel aufzunehmen. Da muss ich sehr aktiv sein, Angebote machen. Und wenn das Kind dann spielt, zum Beispiel mit einem Puppenhaus, eine Familie inszeniert, dann schaue ich, ob es überhaupt Gefühle identifizieren kann. Also wenn jetzt ein Kind spielt, die Kinder sind zu Hause und Eltern sind weggefahren und kommen nicht zurück. Und dann frage ich, wie könnte sich denn dieses Kind jetzt fühlen?"

Frage aus Fragebogen: Streitet sich Ihr Kind oft mit anderen Kindern oder schikaniert sie? Wird Ihr Kind von anderen gehänselt?

Ärzte sprechen im Zusammenhang mit Depression von Risikofaktoren: Negative Lebenserfahrungen wie Misshandlung und Vernachlässigung schon in der frühen Kindheit gehören dazu. Wie auch zu früher Leistungsdruck oder das Zerbrechen von Familienstrukturen. So wie Tim Meier es erlebt hat. In seinem Fall verschlimmerte der Diabetes die Situation dann noch.

"Diabetes ist für die psychische Entwicklung ein Risikofaktor. Der Bezug zum eigenen Körper, wenn der eigene Körper Quelle von Leiden und auch Unsicherheit, Defekt ist. Irgendetwas in dem Körper stimmt nicht und für das diabetische Kind ist das ganz klar verbunden mit Einschränkungen. Es kann nicht dasselbe essen, es muss sich spritzen womöglich oder hat eine Pumpe. Also der Körper, der eigentlich Quelle für Sicherheit sein sollte, wird Quelle von Unsicherheit und auch Angst. Vielleicht hat das Kind schon mal ein Koma erlebt oder so etwas. Dann ist das natürlich eine Brüchigkeit und schwer zu bewältigen. Heißt natürlich nicht, dass alle diabetischen Kinder depressiv werden, um Gottes willen, die allermeisten entwickeln sich gut."

Bereits wenige Monate, nachdem Tims Diabetes 2009 diagnostiziert wird, tauchen erste Anzeichen einer Depression auf.

"Er war vor 2009 immer ein fröhliches Kind. Und das ist er eigentlich nicht mehr. Es gibt Punkte, wo er sich freut: Geburtstag, wenn wir wegfahren in Urlaub. Aber dann tritt der Alltag wieder ein und dann ist alles beim Alten, er kehrt einfach in sich und redet nicht. Er fällt in seine Depressionswelt."

Davor war Tim ein begeisterter Fußballspieler, einer, der gerne mit seinen Kumpels raufte - oder mit seinen Geschwistern erzählt seine Mutter. Doch dann verändert er sich: War traurig, dann wieder aggressiv und wütend. Er fühlte sich häufig provoziert, oft von seinem zwei Jahre jüngeren Bruder. Die Eltern suchten Rat, erst beim Kinderarzt, dann bei Psychologen. Im Sommer 2011 begann Tim seine erste Psychotherapie. Es folgten weitere. Schließlich wurde er sogar stationär aufgenommen.

"Ich war schon vor drei Jahren hier, ich kenn auch die ganzen Regeln: Zimmer aufräumen, Ordnung, jeden Tag Staub wischen, dann dürfen wir keinen schlagen, keine Schimpfwörter benutzen. Da kriegt man Punktabzug. Insgesamt kriegt man 13 Punkte - dann kriegt man ein Diplom. Was dort liegt, was ich habe."

Sonnenlicht fällt durch die großen Fenster in das helle, freundliche Zimmer auf der Kinderstation der Leipziger Universitätsklinik. Mit Buntstiften gemalte Bilder hängen an den Wänden, ein Kalender zählt die Tage rückwärts: bis zu Tims Entlassung. Neun Tage sind es noch. 

Wie waren die Werte, alles okay?
Ja, 13 oder 12.
Vorhin war es auch ok.
Wie gestern, 6,9 oder so.

Tim muss lernen, regelmäßig seinen Blutzuckerwert zu messen. Das Zimmer teilt er sich mit zwei anderen Kindern. Er fühlt sich wohl – auch, weil er hier kein Außenseiter ist.

"Alle sind meine Freunde. Zucker haben sie nicht, aber sie rasten auch aus. Ich kriege Wut. Früher hab ich meinen Bruder verprügelt, da habe ich gegen meine Couch geboxt. Mama wollte auch mal einen Boxsack holen. Aber Ich bin hier, weil ich alles in den Mund genommen habe: Papier, das hab ich dann runter geschluckt. Weil er mich immer geärgert hat, mein Bruder und da war ich sauer, und da habe ich immer was in Mund genommen, daran hab ich mich gewöhnt, und dann hab ich immer was in Mund genommen."

"Er konnte schlecht auf dem Stuhl sitzen, es fiel ihm schwer zuzuhören"

Im Gespräch ist Tim aufgeweckt. Er scheut sich nicht, über seine Krankheit zu reden, kennt seine Stärken und Schwächen. Das war am Anfang anders, erzählt Jule Louw, Tims Therapeutin.

"Bei der Erstaufnahme war er sehr ruhig, zurückhaltend, aber motorisch sehr unruhig. Er konnte schlecht auf dem Stuhl sitzen, es fiel ihm schwer zuzuhören. Wirkte traurig und bedrückt. Ja, wenig mit sich im Kontakt. Unklar, was mach ich hier, unzufrieden."

In den ersten Wochen nach der Aufnahme in der Klinik wird Tim analysiert. Die Ärzte sprechen mit Jungen, beobachten sein Verhalten und befragen die Eltern. Danach macht Tim eine Physiotherapie, er wird von einem Logopäden unterstützt, erhält Ergotherapie, er beginnt wieder Fußball zu spielen, geht klettern und schwimmen. Bewegung für den Körper, Gespräche für den Geist. Das Konzept ist ganzheitlich. Tagsüber besucht Tim die Klinik-eigene Schule. Dort achtet man darauf, dass er sich eingegliedert und mit den anderen austauscht. Die Eingewöhnung ging schneller als gedacht, erinnert sich Jule Louw.

"Da war schon deutlich, dass er am Anfang sehr zurückgezogen war, Schwierigkeiten hatte auch mit den Kindern in Kontakt zu kommen, Schwierigkeiten hatte mit seinem Diabetes und insgesamt bedrückt wirkte. Was zunehmend aber besser wurde. Er wurde zunehmend fröhlich. War aufgehellter und schien, auch wenn er Heimweh hatte, erst mal zu profitieren, dass er Abstand zur Situation von zu Hause hatte, wobei ich nicht nur das familiäre Umfeld meine, sondern auch die schulische Situation, die für ihn sehr belastend war. Ja, die war der Hauptbelastungsfaktor."

Zuhause durfte Tim häufig nicht am Sportunterricht teilnehmen, nicht mit auf Klassenfahrten und auch in den Hort konnte er nur mit Begleiter. Alles wegen seines Diabetes. Sportvereine lehnten ihn ab: Niemand wollte Verantwortung für das kranke Kind übernehmen. Das war schwer für den mittlerweile 10jährigen. Die Ablehnung kratzte an seinem Selbstwertgefühl. Hinzu kamen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Er ist gerade dabei die zweite Klasse zu wiederholen.

Da hat er immer größere Versagensängste aufgebaut. Sodass am Ende eigentlich gar nichts mehr ging und da auch keine Lust mehr war, er sich abgewandt hat vom Unterricht, plus in der Schule, das kam so nach und nach raus, er vermehrt geärgert wurde, wegen der Diabetes, also auch da noch so eine neue Baustelle aufgemacht worden war, was er vorher nicht gesagt hat.

Fragen aus Fragebogen: "Ist Ihr Kind ein Einzelgänger und spielt meist allein? Hat Ihr Kind oft Angst?"

Tim ist keine Ausnahme. Immer mehr Kinder zeigen Anzeichen einer depressiven Störung. Das zumindest legt eine Untersuchung der Leipziger Universitätsklinik nahe.

Gemeinsam mit seinem Team hat Kai von Klitzing Eltern eines gesamten Leipziger Kindergartenjahrgangs nach Angst- und Depressionsanzeichen befragt. Dabei wiesen über zehn Prozent von insgesamt 1700 Kindern erhöhte Ängstlichkeit oder depressive Verstimmtheit auf. Lagen Symptome wie Traurigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Spielhemmung vor, wurden die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern zur genaueren Anamnese eingeladen. Parallel dazu wurde eine Kontrollgruppe gebildet – mit Kindern ohne Anzeichen. Erste Ergebnisse der Studie – die mittlerweile in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurde – belegen: Etwa die Hälfte dieser Kinder waren bereits in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Betroffen war also etwa jedes 20. Kind. Weder Eltern noch Erzieher hatten bis dahin auf Anzeichen reagiert. Professor von Klitzing ahnt, warum.

"Erstens ist den meisten Menschen noch kein Konzept vorhanden, dass so ein kleines Kind auch schon eine Depression haben kann. Und zweitens sind es eher die Kinder, die stören, die dann zur Diagnostik gebracht werden, weil die Umwelt halt negativ reagiert. Aber die zurückgezogenen, ängstlichen, schüchternen Kinder nicht so sehr."

Ein fünfjähriges Kind, das still und traurig in der Ecke sitzt, wird demnach eher akzeptiert als ein lautes, schreiendes Kind. Dabei sind die Symptome mittlerweile bekannt, Risikogruppen können besser identifiziert werden.

"Fast alle Depressionen in diesem frühen Alter sind verbunden mit Angststörungen. Also eine übermäßige Ängstlichkeit spielt eine Rolle, aber eben vor allem auch die Einschränkung im Spiel und die Spielhemmung. Wenn jetzt ein Kind also neu in den Kindergarten kommt, kann sich schlecht von der Mama trennen, nimmt nicht mit anderen Kindern Kontakt auf, spielt nicht, dann würde ich das jetzt erst einmal eine Weile beobachten. Vielleicht öffnet es sich. Gerade die Trennungsangst ist etwas Vorübergehendes. Aber wenn das dann zunimmt, sich ausbreitet, dass aus der Trennungsangst eine generalisierte Angst wird, dass das Kind plötzlich vor allem möglichen Angst hat und die Beeinträchtigung immer größer wird, dann sollte man eine vertiefte Diagnostik machen. Dann hat es noch keine Depression, aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen."

Angst und Traurigkeit gehören zur Entwicklung

Trotzdem: Depression bei Kindern ist kein Massenphänomen, betont der Kinderpsychiater. Angst und Traurigkeit gehören zur natürlichen Entwicklung eines Kindes dazu. Es gehe darum, die zu identifizieren, die wirklich leiden. Auch um ihnen gezielt helfen zu können.

"Von den 30 Kindern, die wir ganz systematisch in unserer Studie drin hatten, hatten zehn sogar eine richtig diagnostizierbare Depression. Und nach einem Dreivierteljahr Therapie war von den Symptomen nichts, also waren die weg. Und ein halbes Jahr später in der Nachuntersuchung waren die immer noch weg. Das sind wahrscheinlich Kinder, die weiter ein Risiko haben. Und manchmal hat man auch Glück, dass wenn die Kinder in die Schule kommen, dann hat es vielleicht ein gutes Schulumfeld oder einen Lehrer, der sich gut kümmert, oder eine Lehrerin oder einen tollen Freund und macht gute Erfahrungen, dann kann das auch aufhören. Aber wenn sich die Lebensumstände verschlechtern, zum Beispiel Eltern trennen sich oder so, dann kann es wiederkommen."

Deshalb werden die Kinder, die an der Leipziger Studie teilgenommen haben weiter in unregelmäßigen Abständen untersucht. Auch nach genetischen Ursachen wird geforscht. Erste Erkenntnisse legen nahe, dass Kinder depressiver Eltern ein erhöhtes Risiko haben, selbst zu erkranken. Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Risiko bei 10 bis 15 Prozent. Betrifft es beide Elternteile, so schätzen Experten, steigt das Risiko selbst zu erkranken auf 30 bis 40 Prozent an. In Tims Familie spielte Depression bislang allerdings keine Rolle. Aber egal, ob selbst depressiv oder nicht, Eltern fühlen sich schuldig, wenn ihr Kind erkrankt. Kai von Klitzing versucht, ihnen dieses Gefühl zu nehmen.  

"Wir müssen von diesem Schuldgedanken wegkommen, auch in der Gesellschaft. Bis hin zu den Krankenkassen, wenn ich ein kleines Kind behandele, dann schreibt mir die Krankenkasse: So ein kleines Kind kann doch noch nicht krank sein, das sind doch immer die Eltern. Das ist ein Vorurteil und die Schuldproblematik führt dahin, dass sie verleugnen oder gegen uns kämpfen, der Vater sagt: Psychotherapie, so ein Blödsinn! Ich muss die Eltern ins Boot holen und mit ihnen gemeinsam Sorge habe fürs Kind."

Dr. Louw: "Geht es dir gerade nicht so gut? Ist alles da? Oder sollst du was nehmen?" 
Tim: "Ja. Also manchmal nehme ich auch Banane. Weil das geht viel schneller, weil da Traubenzucker oder so drinnen ist."
Dr. Louw: "Da guckst du einfach, was du dabei hast?"

Dienstagmorgen, Uniklinik Leipzig. Tim, Jana Meier und Jule Louw sitzen an einem kleinen runden Tisch im Therapieraum. Nach vier Monaten auf der psychologischen Kinderstation ist Tims stationäre Behandlung beendet.

Depression wird nicht gänzlich aus dem Leben verschwinden

"Ich möchte dir was Kleines mitgeben. Ein kleiner Kraftmacher."

"Wenn es dir nicht so gut geht, dann weißt du, jemand sitzt hier und glaubt an dich. Ich hoffe, dass es dir gut geht und dass du es weiter so gut machst wie die letzten Tage."

Dr. Louw: "Wie klappt es denn jetzt mit deinem Bruder?"
Tim: "Also sonst hat es geklappt, außer einmal, gestern, ich bin ausgerastet, hab meinen Wutball gegen den geschmissen, die beiden haben mich irgendwie provoziert, da konnte ich einfach nicht mehr und dann bin ich ausgerastet."
Louw zur Mutter: "Haben Sie da mitgekriegt, was da los war?"
Mutter: "Nein."
Dr. Louw: "Das wird natürlich immer wieder vorkommen. Dass das jetzt alles vorbei ist, ist nicht so, ist klar. In der Woche wo du im Urlaub warst, da hast du das ja immer schon ganz toll hingekriegt, mit der Mama zu sprechen, aber definitiv muss da der Bruder auch gucken, was er machen kann. Das hatten wir ja auch besprochen, ob sie sich für den noch mal Hilfe holen."
Mutter: "Da haben wir jetzt im Februar noch mal Termin bei der Kinderärztin, wie es jetzt allgemein mit ihm weitergeht."

Für alle Beteiligten am Tisch ist klar: Die Depression wird nicht gänzlich aus Tims Leben verschwinden. Deshalb gehen sie noch einmal die to-do-Liste durch, die für alle Familienmitglieder gelten soll.

"Dann haben wir besprochen, dass es gut wäre, abends, dreimal die Woche eine Mama-Sohn-Zeit oder Papa-Sohn-Zeit einzurichten, zehn Minuten. Einfach immer drüber sprechen, wie es ihm geht, ob es gut geht oder schlecht geht, und gar nicht erst so eine Traurigkeit aufkommen muss, sondern immer weiß, da ist er gut aufgehoben."

Ein weiteres, wichtiges Thema ist die Schule. Lange waren die Probleme dort eine der Hauptursachen für Tims Traurigkeit, mittlerweile freut er sich wieder auf den Schulalltag. Worauf freust er sich? 

Tim: "Alleine in Hort ohne Schulbetreuerin. Bis um vier und nicht bis um drei oder so. Dass ich wieder Fußball spielen kann, dass ich wieder im Verein bin, dass ich wieder meine Klasse wiedersehe."

Der Zehnjährige wirkt jetzt fröhlicher und optimistischer als noch vor wenigen Monaten. Sein Zustand hat sich stabilisiert. Tims Mutter und seine Therapeutin hoffen, dass das so bleibt.

Ein letzter Besuch bei Tim, diesmal zuhause. Acht Wochen sind seit dem Ende des Klinikaufenthalts vergangen. Das Leben zu Hause hat sich eingependelt. Tim hat sein eigenes Zimmer. Die Wände sind mit farbiger Tapete beklebt, in einer Glasvitrine stehen Fotos und Selbstgebasteltes.

"Das ist mein Papa, mein echter, das ist aber ganz lange her. Hier bin ich, hier ist mein Bruder und hier ist Mama und hier ist mein ganzes Diabetes-Zeug drinnen."

Ich hab auch vieles von London. Da will er mal hin, ihm gefällt der Style, also London, USA-mäßig.

Martin Meier ist der leibliche Vater von Tims zwei jüngsten Geschwistern.

"Wir hoffen, dass sich das wieder alles so einpendelt, wie es damals war, bevor er ins Krankenhaus ist. Das ist unser größter Wunsch."

Der Klinikaufenthalt hat alle in der Familie viel Kraft gekostet

Tim scheint auf einem guten Weg zu sein: Nach der Schule spielt er mittlerweile wieder Fußball, und damit es in der Schule klappt, bekommt er Nachhilfe.

"Na, manchmal komm ich mit dem Schreiben nicht so gut mit, weil die alle schneller schreiben als ich. Aber nicht alle, es gibt ein paar, die langsamer schreiben, und wir haben letztes Mal eine Arbeit in Mathe geschrieben und ich hab eine eins. Und wir haben heute noch eine Geometrie-Arbeit geschrieben, mal gucken was rauskommt.

Jana Meier genießt es, endlich wieder alle Kinder um sich zu haben. Der monatelange Klinikaufenthalt habe nicht nur Tim, sondern die ganze Familie viel Kraft gekostet, erzählt sie.

"Wir wissen jetzt seit dem Krankenhausaufenthalt – wenn er sich jetzt zurückzieht, wir lassen auch die Zeit. Wir haben gesagt. 1,5 Stunden ist ok, wenn er alleine in seinem Zimmer ist. Aber dann fragen wir jetzt von uns aus und wenn wir merken, er möchte mit uns nicht reden, dann geben wir ihm noch eine Frist, weil wir Angst haben, dass er, wenn wir nicht fragen und er nicht von sich aus kommt, dass er dann wieder in so ein tiefes Loch fällt."

Die Angst bleibt. Nicht alle Probleme sind verschwunden. Doch mittlerweile redet Tim häufiger über das, was ihn bedrückt. Und das ist Jana Meier enorm wichtig.

"Wir ja in der Klinik gelernt haben, wie wir mit ihm umgehen sollen, weil vorm Krankenhaus, wir haben geredet, geredet, auf ihn drauf getrichtert - auf deutsch gesagt - erzähl uns was. Jetzt wissen wir, wir bleiben ruhig, dann gehen wir nochmal raus, oder gehen fünf Mal raus bis er dann wirklich kommt oder geben ihm ein zwei Tage und das hätten wir vorher gar nicht gemacht."

Die Eltern wissen, wenn Tim sich zurückzieht, müssen sie aufmerksam bleiben. Ihm zur Seite stehen. Doch Martin und Jana Meier sind auf einem guten Weg. Sie haben akzeptiert, ihr depressives Kind braucht keine Vorwürfe, sondern Hilfe. 

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