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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.06.2014

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens

Ehemalige politische Gefangene singen Beethovens Freiheitsoper in Cottbus

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Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in Cottbus in den Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen. Bereits bei den Proben habe er einen "großen Rucksack Bitterkeit abgeworfen". Beim Freiheits- und Demokratiefest ab 28. Juni singen fast 300 Mitwirkende bei der Open-Air-Aufführung im Innenhof des einstigen Gefängnisses.

Katrin Heise: Im Mai vor genau 200 Jahren feierte die endgültige Fassung von Beethovens Oper "Fidelio" Premiere, und in ihr wollte Beethoven sich die Prinzipien der politischen Freiheit, der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit gegen jede Tyrannei vornehmlich zum Ausdruck bringen. Der mithilfe politischer Intrigen ins Gefängnis geworfene und von Ermordung bedrohte Held wird schließlich von seiner Frau befreit. Zu den ergreifendsten Momenten gehört in der Oper der Gefangenenchor, und Ende Juni wird "Fidelio" in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus aufgeführt. Zurzeit laufen da die Proben, Mitwirkende sind auch ehemalige Gefangene, die in genau diesem Zuchthaus Cottbus eingesessen haben. Einer von ihnen ist Gilbert Furian, und den begrüße ich jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Gilbert Furian: Guten Tag, Frau Heise!

Heise: Wenn Sie, Herr Furian, da im Chor der Gefangenen mitsingen und dabei auf die Mauern Ihres Gefängnisses sozusagen blicken, was geschieht da mit Ihnen?

Furian: Ja, das hat eine doppelte Befriedigung: Erstens gucke ich auf ein Gebäude, was von Gefangenen gekauft wurde, um es in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Außerdem singe ich in einer Oper mit auf diesem Hof des Gefängnisses, auf dem ich sehr oft zur Arbeit marschieren musste, und Singen war damals verboten. Das ist also eine ausgesprochene Befriedigung, sich auf diese Weise diesem Ort noch mal als freier Mensch zu nähern.

Heise: Wenn Sie das so sagen, dann habe ich nicht den Eindruck, dass Sie zum Mitmachen überredet werden mussten.

Furian: Nein, ich musste nicht überredet werden. Erstens habe ich wie gesagt eine besondere Beziehung zu dem Ort, aber es kommt auch dazu, dass ich eine ganz alte Leidenschaft fürs Theater habe. Ich hab schon als jugendlicher Oberschüler am Stadttheater Görlitz ungefähr 40 Mal in der Oper "Nabucco" den Gefangenenchor mitgesungen.

Heise: Also der Gefangenenchor ist es dann doch immer wieder?

Furian: Ja.

Heise: Aus dem persönlichen Erleben heraus oder ist es dann eher musikalisch begründet?

Keine Selbsttherapie

Furian: Also der Hauptgrund ist ein musikalischer. Ich mache diese Mitwirkung bei "Fidelio" nicht als Selbsttherapie – was da nötig war, hab ich alles lange vorher abgearbeitet –, sondern im Wesentlichen wirklich aus der Freude an diesem musikalischen Ereignis an diesem besonderen Ort.

Heise: Aber diese Freiheitsoper "Fidelio", ich meine, man hat sie ja nicht umsonst gewählt, man hat sie ja quasi mit Ausrufungszeichen gewählt – bedeutet die etwas für Sie?

Furian: Also die Oper, wenn ich ehrlich sein soll, bedeutet mir nicht so sehr viel, weil vieles, was in der Oper passiert und wie es passiert, sozusagen meinem konkreten Erleben überhaupt nicht entspricht. Da gibt es zum Beispiel am Ende einen ungeheuren Jubel, als klar wird, die Gefangenen sollen alle entlassen werden. Diesen Jubel gab's bei mir, bei meiner Entlassung nicht. Ich hatte mir angewöhnt, meine Gefühle sozusagen unter Kontrolle zu halten, zu minimieren, und war dann eben auch bei der Entlassung völlig gefühllos, da kam keine Freude. Insofern ist es schwierig, es gibt nicht so einen direkten Zusammenhang zwischen meinem Erleben und dem, was da auf der Bühne passiert.

Heise: Die Regie führt Martin Schüler. Hat der mit Ihnen – und Sie sind ja nicht der einzige ehemalige Gefangene – hat der mit Ihnen bei den Proben genau so etwas diskutiert, gab's da so einen Austauschprozess, so einen Blick in die Vergangenheit, so genau das, wo Sie sagen, das war bei mir anders, hat man sich darüber ausgetauscht?

Furian: Er hat mich auch mal gefragt, ob alles das, was er so als Regieeinfälle hat, ob das in Ordnung ist oder ob ich da irgendwas korrigieren müsste, und da hab ich ihn genau auf das angesprochen. Und er ist immer auch auf Sachen eingegangen, die ich aus meiner Erfahrung eingebracht habe. Er hat zum Beispiel gesagt: Ja, wie haben Sie denn diese freie Stunde – die Gefangenen durften ja mal kurz in den sogenannten Garten –, wie haben Sie denn im Gefängnis diese freie Stunde verbracht? Und dann hab ich gesagt: Na, ich bin immer auf und ab gegangen. Sagt er: Dann machen Sie das auf der Bühne auch! Es gibt also eine Stelle, wo die Solisten beschäftigt sind und der Chor, die Gefangenen, dürfen einfach mal ausruhen und in die freie Luft gucken, da gehe ich eben auch auf und ab, wie ich das damals im Cottbuser Gefängnis auf dem Flur gemacht hab.

Figuren, die damalige DDR-Häftlinge darstellen sollen, sind in einer rekonstruierten Gefängniszelle in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg) zu sehen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Figuren, die damalige DDR-Häftlinge darstellen sollen, sind in einer rekonstruierten Gefängniszelle in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg) zu sehen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Heise: Ehemalige politische Gefangene singen Beethovens Freiheitsoper in Cottbus. Mit dabei unser Gesprächsgast Gilbert Furian. Herr Furian, Ihr Lebens- und Berufsweg war ja mehrfach berührt von Zusammenstößen mit der Staatssicherheit. Ins Gefängnis sind Sie dann schließlich gekommen, weil Sie Interviews mit Punks in der DDR geführt haben und diese Aufzeichnungen dann auch heimlich veröffentlicht haben, auch in den Westen bringen wollten. Was haben Sie während Ihrer Zeit in Cottbus erlebt, also im Gefängnis?

Furian: Also das Erleben in Cottbus war erst mal geprägt durch mein Bemühen von Anfang an, durch mein Verhalten eine vorzeitige Entlassung zu erreichen – da war überhaupt noch nicht im Blick, dass es Bemühungen der Staatssicherheit geben könnte, mich an die Bundesrepublik zu verkaufen –, sondern ich wollte nur vorzeitige Entlassung, habe also bei der Arbeit immer 180 Prozent, wie ich den Unterlagen entnehmen konnte, Normerfüllung gemacht, habe jede Weisung des Wachpersonals erfüllt, aber es war zusätzlich erschwert durch meinen Leichtsinn. Ich hatte dort ungeniert erzählt, dass ich nicht in den Westen will.

Heise: Das heißt, es gab zwei Gründe, nicht in den Westen zu wollen, überangepasst zu sein, der  Sie wahrscheinlich bei den Mitgefangenen sehr unbeliebt gemacht hat.

Furian: Das hat mich dann in den Augen der Gefangenen eben auch, ja, zu einem Gegner gemacht und in die Nähe des DDR-Regimes gerückt. Und da hatte ich Glück, dass mein sogenannter Erzieher dann versucht hat, mich gegen solche Attacken, die es gab – bis zu Prügelandrohungen –, ein bisschen abzuschirmen.

Heise: Das heißt, es war eine schwere Zeit in Cottbus, die Sie durch Ihre Überangepasstheit, wie Sie es eben genannt haben, dann aber auch relativ kurz halten konnten. Sie wurden tatsächlich freigekauft, quasi gegen Ihren Willen, weil Sie ja nicht in den Westen wollten, Sie wurden dann aber – da hat man Ihnen dann quasi nachgegeben – in die DDR entlassen.

Willkommen im großen Knast!

Furian: Ja. Das war natürlich auch keine wirkliche Freiheit. Nicht zufällig hat mich mein dienstältester Freund am Bahnhof Lichtenberg bei meiner Ankunft empfangen mit den Worten: Willkommen im großen Knast! Und die Situation nach der Entlassung hatte natürlich was davon. Ich hatte ja Bewährung – sie hatten gesagt, schon bei der kleinsten Ordnungswidrigkeit würde ich wieder ins Gefängnis wandern –, das heißt, ich war in dieser Zeit nicht nur politisch absolut abgeduckt und angepasst, sondern auch im normalen Leben. Ich bin nie bei Rot über die Straße gegangen und habe nie in der U-Bahn eine Schwarzfahrt riskiert.

Heise: Sie haben eben davon erzählt, wie Ihr Verhältnis zu den Mitgefangenen war oder zu vielen Mitgefangenen, das Misstrauen, was Ihnen da auch begegnete. Jetzt treffen Sie ja auf ehemalige Insassen, während der Opernproduktion beispielsweise – wie begegnen Sie sich?

Furian: Erst mal tauscht man sich natürlich aus über die Zeit, wie war es in deiner Zeit. Das interessiert mich immer, damit ich mehr Hintergrund habe. Ich mache ja in Cottbus auch Führungen, und da interessiert mich schon, wie war das tatsächlich in den 70er-Jahren – wie war das in den 60er-Jahren. War das anders oder wo war es anders als in den 80er-Jahren –, damit ich ein bisschen komplexeres Bild bekomme, um dann den Besuchern der Gedenkstätte das vorzuführen.

Blick in ein Erzieherzimmer mit Schreibmaschine, Telefon, Tischlampe, Stempel und Stiftanspitzer im ehemaligen DDR-Gefängnis der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Blick in ein Erzieherzimmer mit Schreibmaschine, Telefon, Tischlampe, Stempel und Stiftanspitzer im ehemaligen DDR-Gefängnis der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Abrechnung mit der Geschichte

Heise: Ehemalige politische Inhaftierte haben sich im Verein Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. zusammengeschlossen, Sie haben das eben am Anfang ja schon mal erwähnt, und eben das Gefängnis gekauft, zur Gedenkstätte umfunktioniert. Und wenn Sie so erzählen und sagen, Sie machen Führungen in Cottbus, heißt das, diese Haft bei Ihnen hat das gesamte weitere Leben geprägt?

Furian: Also so würde ich das nicht sagen. Ich habe, sagen wir mal, keinen wirklichen Knacks abbekommen. Ich hatte eine brauchbare Überlebensstrategie, das war sozusagen ...

Heise: Ja, die Verdrängung, oder?

Furian: ... gefühlsmäßig tot zu stellen, alles zu verdrängen, was bedrohlich hätte werden können, und habe dann hinterher meinen Freunden darüber erzählt, auch immer natürlich mit der Angst, die Staatssicherheit könnte sich dafür, wenn sie das mitkriegt, einen anderen Paragrafen ausdenken. Und habe dann zwei Bücher zu dem Thema gemacht, habe Gefangene befragt und auch, was dann der wichtigste Teil meiner Abrechnung mit dieser Geschichte war, Leute der Gegenseite befragt, also Richter, Staatsanwälte, Schließer, meinen Vernehmer bei der Staatssicherheit und zum Beispiel auch meinen Erzieher aus dem Strafvollzug Cottbus. Und nachdem ich die alle befragt hatte und wusste, was sind das für Menschen, wie musste man beschaffen sein, um auf dieser Seite so eine Arbeit zu machen, da war es für mich eigentlich, als hätte ich so einen großen Rucksack Bitterkeit abgeworfen.

Heise: Kommen wir noch mal auf die Produktion, auf die Theaterproduktion oder Opernproduktion zu sprechen. 28.6. wird Premiere sein. Wenn wir mal einen Blick ins Publikum werfen: Der Chor mit ehemaligen Gefangenen singt im Gefängnis, das ist ja ziemlich dick aufgetragen, mehrfaches Ausrufezeichen sozusagen dahintergesetzt. Sind diese Ausrufungszeichen notwendig, was die Aufarbeitung der DDR-Geschichte angeht? Was denken Sie?

Furian: Also es könnte ein zusätzlicher Aspekt sein, vielen Leuten, die sich dieser Geschichte bisher nicht genähert haben, diese Sache nahezubringen, weil es eben letztlich trotz aller Gefühlsbetontheit unaufdringlich ist. Da wird nicht der direkte Anti-DDR-Zeigefinger erhoben, sondern es wird eine ganz allgemeine Geschichte erzählt von einer Frau, die ihren Mann aus dem Gefängnis befreit, und andere Gefangene kommen bei der Gelegenheit auch mit frei. Und das spielt natürlich alles an einem authentischen Ort, und das könnte für die Besucher, die vielleicht vorher noch nie auf dem Gelände waren, der Grund sein, sich dieser DDR-Geschichte noch mal bewusst zu nähern.

Heise: Ehemalige politische Gefangene der DDR singen in der Oper "Fidelio" im Zuchthaus Cottbus mit. Gilbert Furian ist einer von ihnen. Das Staatstheater Cottbus inszeniert in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, die Premiere ist am 28.6. Ich wünsche Ihnen, Herr Furan, gutes Gelingen!

Furian: Ich danke sehr!

Heise: Und einen schönen Tag, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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