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Tonart | Beitrag vom 17.05.2017

Datenschutz im NetzStreaming als Überwachungsinstrument?

Von Christoph Möller

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Spotify, YouTube, iTunes: Verschiedene Musik-Apps sind auf einem iPad zu sehen. (dpa / picture alliance / Ole Spata)
Musikstreaming-Dienste sammeln viele Daten über ihre Nutzer. Wie sehr liefern sich diese dadurch aus? (dpa / picture alliance / Ole Spata)

Musikstreaming-Dienste können erschreckend viel über ihre Nutzer erfahren: nicht nur ihr Alter und ihren Wohnort, sondern auch Geschmack und Online-Freunde. Kritiker monieren, die Dienste agierten wie Überwachungsapparate, die Nutzer manipulieren. Was ist dran an dieser These?

Kraftwerks "Computerwelt" 1981 – die Musiker wussten damals schon: Eigentlich sammeln doch alle nur unsere Daten.

Computersysteme als nimmermüde Datensammler: schon damals Thema. Heute, wo uns Daten über das Smartphone quasi aus der Tasche gezogen werden: die neue Normalität. Auch beim Musikhören über Streamingservices. Jeder Klick wird gespeichert, sagt Gloria González Fuster, die an der Universität Brüssel zu Datenschutz forscht:

"Es geht ja nicht nur darum, dass jeder Klick überwacht wird. Streamingservices wissen auch, wer wir sind, wo wir uns gerade befinden, wie schnell wir uns bewegen, ob wir gerade rennen oder stillsitzen. Und ich würde sagen, das ist ganz klar eine Form von Überwachung."

Die Anbieter wissen nicht exakt, wo wir sind. Die GPS-Funktion muss in der Regel freiwillig aktiviert werden, um etwa bei Spotify das "Running"-Feature freizuschalten, eine Playlist, die Musik passend zum Joggen generiert. Marcel Grobe, Pressesprecher von Spotify Deutschland:

"Und da sagen wir, okay, möchtest du Informationen freigeben oder preisgeben, damit wir dir eine 'Running'-Playlist erstellen können? Und dazu fragen wir ab. Wenn du deine Informationen, wie zum Beispiel deine Mobile-ID-Daten uns geben möchtest, dann können wir dir das erstellen, ansonsten kannst du das Feature nicht nutzen. Das ist der Deal, den man betreibt."

Der gläserne Musikhörer - ein gefundenes Fressen

Wer keine Daten teilt, muss ohne Spotify joggen. Das Argument: Je besser wir wissen, wer du bist, desto besser unser Angebot, und die Musik, die wir empfehlen. Nach echter Überwachung klingt das nicht. González Fuster:

"Ja, teilweise stimmt es, dass sie Daten sammeln, um das Angebot zu verbessern, und dir möglichst gut Musik zu empfehlen. Aber wenn du genauer schaust, wie viel und welche Daten sie sammeln, dann geht das deutlich darüber hinaus."

Alter, Geschlecht, Herkunft, und wer sich mit seinem Facebook-Profil einloggt, Freunde und deren Aussehen - diese und noch mehr Information sammelt zum Beispiel Spotify und teilt die Daten mit Werbepartnern, die dann personalisiert Werbung schalten. Der gläserne Musikhörer - ein gefundenes Fressen für die Wirtschaft. Und Spotify, ein Unternehmen, dass sich als kumpelhafte Community präsentiert, in Wahrheit eine riesige Datenkrake? Grobe:

"Überhaupt nicht. Also, man sollte es glaube ich unterscheiden: Es geht um Musik. An sich eine sehr positive Sache, die Leute gerne hören, meistens auch mit Liebe und sehr viel Emotionen verbinden. Und das ist, glaube ich, eine andere Form von Datensammeln, was wir hier machen, das sollte man vielleicht als Deutscher dann auch versuchen, nicht ganz so negativ zu sehen."

Rechtlich ist das Datensammeln legal. Gloria González Fuster hat aber ein Problem damit, dass nicht transparent ist, was genau mit den Daten passiert. Die gute Erfahrung, die Nutzer mit Musikstreaming machen, scheint außerdem dafür zu sorgen, dass sie ohne Wenn und Aber zu entmündigten Informationslieferanten werden:

"Ich glaube, das ist der Trick. Sie tun alles dafür, dass du wieder und wieder Musik hörst und wertvolle Daten produziert. Das ist das Verhalten, das du annehmen sollst. Du wirst quasi dazu diszipliniert, unablässig Daten zu produzieren. Je mehr, desto besser."

Aufmerksames Lesen von Datenschutzrichtlinien ist nie verkehrt

Bloß, was tun? Offline gehen. Oder: Alternativen suchen. Eine Art Streamingservice mit Punk-Attitüde gibt es schon: Resonate ist ein unabhängiger Anbieter, der keine Daten verkauft, und von Fans und Musikern über eine Art Genossenschaft getragen wird. González Fuster:

"Wenn man etwa an Punkrock- oder Hardcore-Bands denkt. Die haben auch gemerkt, dass es nicht reicht, sich zu beschweren und Protest-Songs zu singen. Kapitalismus ist überall. Sie wussten, dass es notwendig ist, neue Wege zu finden, wie Musik produziert, verbreitet und verkauft wird."

Allerdings ist Resonate noch nicht im Regelbetrieb - aktuell findet sich dort auch nur die Musik von etwas über 1000 Musikern – im Gegensatz zu den geschätzten zwei Millionen auf Spotify.

Dass in absehbarer Zeit ein Streamingservice populär wird, der seine User weniger überwacht, ist unwahrscheinlich. Die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung, die nächstes Jahr in Kraft tritt, sorgt aber immerhin dafür, dass auch Streaminganbieter offenlegen müssen, was sie mit den Daten der Nutzer anstellen. Und möglicherweise ist die Idee, Streaminganbieter als Überwachungsapparate zu verstehen, gar nicht verkehrt. Denn vielleicht achten wir dann genauer darauf, wie wir Musik hören und unter welche Datenschutzrichtlinien wir einen Haken setzen.

(ske)

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