Seit 13:07 Uhr Länderreport
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:07 Uhr Länderreport
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 14.03.2013

"Das war wie eine Therapie für mich"

Die Tochter von Enver Simsek über ihr Buch "Schmerzliche Heimat"

Semiya Simsek im Gespräch mit Dieter Kassel

Podcast abonnieren
Semiya Simsek, Tochter des NSU-Opfers Enver Simsek (picture alliance / dpa -  Stephanie Pilick)
Semiya Simsek, Tochter des NSU-Opfers Enver Simsek (picture alliance / dpa - Stephanie Pilick)

Enver Simsek war im Jahr 2000 das erste Mordopfer des rechtsextremen NSU. Die Arbeit an "Schmerzliche Heimat" sei für sie sehr befreiend gewesen, sagt seine Tochter Semiya. Mit dem Buch wolle sie ihrem Vater ein Gesicht geben und ein Denkmal setzen.

Dieter Kassel: Semiya Simsek ist die Tochter von Enver Simsek. Ihr Vater wurde im September 2000 in Nürnberg ermordet – er war das erste Opfer der rechtsradikalen Terrororganisation NSU, und die Familien Simsek musste deshalb besonders lange warten, bevor sie erfuhr, wer und was wirklich hinter dem Mord steckte.

Semiya Simsek hat jetzt zusammen mit dem Journalisten Peter Schwarz ein Buch geschrieben: "Schmerzliche Heimat – Deutschland und der Mord an meinem Vater"" heißt es. Es ist vor wenigen Tagen erschienen, und Semiya Simsek sitzt jetzt für uns in einem Studio in Stuttgart, um über dieses Buch zu reden. Schönen guten Tag, Frau Simsek!

Semiya Simsek: Hallo!

Kassel: Eine einfache Frage, wo ich mir nicht sicher bin, ist die Antwort so einfach: Warum haben Sie überhaupt dieses Buch geschrieben?

Simsek: Also ein Grund ist, ich wollte meinen Vater näher beschreiben. Weil man sehr oft von ihm gehört hat von den Medien, was gar nicht der Wahrheit entsprach. Er wäre ein Drogendealer, er wäre ein Mafioso, und ich wollte als Tochter ihn beschreiben, wie er wirklich war, ihm ein Gesicht geben, seinen Charakter beschreiben. Ein weiterer Grund ist, ich wollte einfach zum Prozess Druck damit erzeugen, und noch ein weiterer Grund ist: einfach so als Denkmal.

Kassel: Wie die Menschen, die das Buch lesen, auf das Buch reagieren, werden wir jetzt nach und nach merken. Es ist ja noch relativ frisch, aber wie hat die Arbeit an diesem Buch Sie selber verändert? War das auch ein bisschen Trauerarbeit?

Simsek: Also als ich angefangen habe, mich mit den Ermittlungsakten zu befassen und Erinnerungen von früher noch mal wirklich wahrzunehmen, die hochzurufen – es war sehr, sehr anstrengend. Das Buch hat fast ein Jahr gedauert, und es gab wirklich Tage, wo ich dann nach vier, fünf Stunden Arbeit fertig, fix und fertig war. Aber jetzt habe ich das Buch in der Hand und ich fühle mich einfach viel gestärkt. Ich nenne dieses Buch, es war für mich wie ein Kotzeimer, in dem habe ich meine Gefühle beschrieben, was wir erlebt haben, und jetzt bin ich froh. Das war wie eine Therapie für mich.

Kassel: Was ich sehr interessant fand an diesem Buch: Sie beschreiben natürlich unter anderem auch die Erfahrungen mit den Ermittlungsbehörden, also mit der Polizei vor allen Dingen. Sie beschreiben, was Sie selber erlebt haben, was Ihre Mutter erlebt hat, was andere in Ihrer Familie erlebt haben. Und wenn man das liest, ist man teilweise wütend beim Lesen, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, sie gehen relativ verständnisvoll damit um, an ganz vielen Stellen schreiben Sie: Ja, ich kann verstehen, dass die Polizei so vorgehen musste.

Simsek: Also ich habe wirklich viel Verständnis dafür gehabt, weil mein Vater das erste Opfer war. Mir war klar, dass man in allen Richtungen ermitteln musste, dafür hatte ich Verständnis. Aber es gab wirklich auch Vernehmungen, die an die Grenzen gingen, wo ich im Nachhinein einfach dafür kein Verständnis mehr habe.

Kassel: Was waren das denn für Momente bei Ihnen selber – Sie sind ja auch vernommen worden –, wo auch Sie – bei Ihrer Mutter war es natürlich noch schlimmer –, aber wo auch Sie gesagt haben: Ich kann und ich will jetzt nicht mehr so weitermachen?

Simsek: Also als man zum Beispiel erzählt hat, dass wir angeblich Geschwister hätten, dann dachte ich, das kann doch nicht sein. Wie soll mein Vater das zeitlich denn hinbekommen, er hat 70, 80 Stunden pro Woche gearbeitet. Oder als wir immer gesagt haben, bitte ermitteln Sie doch mal gegen rechts. Und dann kam immer so eine Antwort: Jeder Mensch hat eine dunkle Seite, und woher wollt ihr als Familie wissen, dass er doch nicht mit Drogen gehandelt hat? Man war – jetzt wissen wir das – auf dem rechten Auge einfach blind, oder man wollte blind sein. Und die Ausrede kam immer, es fehlt ein Bekennerzeichen. Es ist mir schon klar, dass da wirklich Spuren gefehlt haben, aber man hätte viel mehr nach rechts ermitteln müssen.

Kassel: Hatten Sie das Gefühl, das war nur unsensibel, oder hatten sie das Gefühl, vielleicht einzelne Menschen oder die ganze Organisation Polizei, Bundeskriminalamt, wollte einfach diese Idee nicht glauben, dass das Rechtsradikale gewesen sein können?

Simsek: Also ich kann sagen, im Nachhinein, dass die Vorurteile gegen Ausländer, gegenüber Türken, wirklich sehr, sehr ausgeprägt waren, und das hat man auch an den Ermittlungsakten gesehen. Das hat wirklich jahrelang die Ermittlungen beeinflusst.

Kassel: War das für Sie – Sie beschreiben ja in dem Buch aus gutem Grund auch Jahrzehnte schon vorher, Sie beschreiben, wie Ihre Eltern sich kennengelernt haben. Wie zuerst Ihre Mutter und danach Ihr Vater nach Deutschland gekommen sind. Wie Sie selber aufgewachsen sind. War das für Sie damals, ab 2000, nach dem Mord sozusagen die erste Erfahrung mit Ausländerfeindlichkeit?

Simsek: Man muss sagen, ab dem 4. November 2011 war es die erste Erfahrung. Mir war nie bewusst und klar, dass es wirklich Menschen geben könnte, die aus rassistischen Hintergründen morden können, die wirklich so gewalttätig werden können. Das hätte ich mir in Deutschland nicht vorstellen können.

Kassel: Als dann klar wurde, dass es den NSU gibt, den sogenannten, als klar wurde, dass die drei Menschen – eine davon noch am Leben – hinter diesen Morden stecken, in welcher Weise auch immer – das wird der Prozess hoffentlich zeigen. War das für Sie zum einen auch eine Erleichterung, weil es Ihnen gezeigt hat: Ihr Vater war eben kein Drogendealer und hat auch kein Doppelleben geführt. Oder hat das alles noch schlimmer gemacht?

Simsek: Also eine Erleichterung kann man das nicht sagen, aber es war ein befreiendes Gefühl, weil wir einfach jetzt wussten, dass mein Vater wirklich doch kein Krimineller war, sondern, genau wie wir es gedacht hatten, ein sehr, sehr guter Mensch war. Aber dann haben wir uns einfach mit anderen Fragen sofort beschäftigt, zum Beispiel: Inwieweit sicher bin ich denn hier in Deutschland? Sind wir überhaupt sicher? Gehören wir zu Deutschland? Ja, wir gehören zu Deutschland, wir sind hier geboren. Inwieweit will man uns hier haben oder nicht? Also dann kamen diese Fragen einfach auf.

Kassel: Wir reden hier im Deutschlandradio Kultur mit Semiya Simsek. Sie hat das Buch geschrieben "Schmerzliche Heimat": über ihre Familie, die Geschichte der Familie auch vor der Ermordung ihres Vaters, aber natürlich auch danach. Und Sie werden, Frau Simsek, bei dem Prozess, der Mitte April in München beginnt, als Nebenklägerin auftreten. Was erwarten Sie eigentlich von diesem Gerichtsprozess?

Simsek: Ich möchte, dass alle, die Teilnahme an diesen Morden haben und Helfershelfer sind, bestraft werden und aufgedeckt werden, dass wirklich alles zur Hundertprozentigkeit aufgeklärt wird. Wir haben als Familien beziehungsweise ich, sehr, sehr viele Fragen, die ich jahrelang mit mir geschleppt habe, auf die ich Antworten suche. Und ich erhoffe mir, dass ich einfach Antworten darauf finde.

Kassel: Wenn Sie – das wird natürlich nicht passieren bei dem Prozess –, aber wenn Sie persönlich mit Beate Zschäpe reden könnten, was würden Sie sie fragen?

Simsek: Ich habe wirklich viele, viele Fragen – eine dieser Fragen wäre zum Beispiel, warum ausgerechnet mein Vater. Nach welchen Kriterien hat man sich die Opfer ausgesucht? Kannte man die Opfer, oder wie konnte man wirklich jahrelang im Untergrund leben? Gab es auch andere Helfershelfer? Solche Fragen hätte ich.

Kassel: Wie wichtig ist Ihnen Bestrafung? Beate Zschäpe ist die einzige der drei Haupttäter, die noch am Leben ist, die anderen beiden sind Helfershelfer. Wie wichtig ist Ihnen, dass die wirklich – vielleicht sogar nicht nur als Mitläuferin, sondern wirklich als Mörderin bestraft wird?

Simsek: Also, die Fragen, die in mir so drängen, die nach Antworten suchen, die sind wirklich so groß. Und wenn ich wirklich Antworten darauf habe und ich dann sagen kann, nach dem Prozess kann ich einfach das Thema abschließen, dann hätte ich einfach persönlich kein – wie soll ich sagen, einfach? Ich wäre auch persönlich damit zufrieden, wenn Zschäpe nur sechs Jahre oder sieben Jahre bekommt.

Kassel: Hat sich für Sie in Deutschland, seitdem wir wissen, wer wirklich für diese Morde verantwortlich ist, eben auch für den Mord an Ihrem Vater, seit wir wissen, dass es eine solche Terrororganisation gab, und dass es möglich war, so lange im Untergrund zu leben als Mitglied dieser Organisation, hat sich für Sie dieses Land dadurch verändert?

Simsek: Ja, auf jeden Fall. Man hat einfach das Vertrauen in dieses Land verloren. Aber ich möchte einfach in diesen Staat, in meinen Staat, noch mal vertrauen können, und ich wünsche mir, dass es einfach nach dem Prozess gelingt.

Kassel: Und Sie glauben, das könnte der Prozess, wenn er wirklich so abläuft, wie Sie sich das vorstellen – was Frau Zschäpe macht, kann man ja nicht wissen, und die hat natürlich das Recht zu schweigen –, aber wenn das juristisch so gemacht wird, wie Sie sich das vorstellen: Dann würde das Ihr Vertrauen auch wieder stärken?

Simsek: Ja. Wenn ich wirklich weiß, man hat alles dafür getan, um mit hundertprozentiger Aufklärung dafür zu sorgen. Und der Prozess, wenn der so läuft, wie ich mir das vorstelle, dann möchte ich wirklich vertrauen können.

Kassel: Es hat sich ja in der Stimmung einiges geändert, das hat man gemerkt bei diesem schrecklichen Wohnungsbrand in Backnang am Wochenende. Inzwischen – das Endergebnis gibt es natürlich noch nicht, aber inzwischen weist alles darauf hin, dass das ein schrecklicher Unfall war, ein technischer Defekt. Aber da hat man dann sofort die Frage gestellt, weil es eben Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund waren – sieben Kinder, die da gestorben sind –, da wurde sofort die Frage gestellt: Könnte das ein rechtsradikaler Anschlag gewesen sein? Ist das eine positive Veränderung, wenn man jetzt vielleicht in Zukunft jedes Mal, wenn jemand mit Migrationshintergrund stirbt, sofort diese Frage stellt?

Simsek: Also, als ich wirklich von diesem Brandunfall gehört habe, habe ich gedacht, hoffentlich ist es keine Tat wieder, was mit Ausländerfeindlichkeit zu tun hat. Aber kurz danach konnte man das wirklich ausschließen, und ich bin persönlich eigentlich sehr, sehr vorsichtig. Ich möchte niemandem gegenüber Vorurteile haben, und ich bin der Meinung, man muss wirklich ganz gut ermitteln und beweisen können, dass das ein Unfall ist und dass das keinen rassistischen Hintergrund hat. Und ich bin auch froh, dass man dieses Motiv einfach ausschließen konnte.

Kassel: Zum Schluss die Frage. Wie geht es weiter? Sie beschreiben ja in Ihrem Buch, dass Sie inzwischen überwiegend in der Türkei leben. Ein ganz wichtiger Grund ist allerdings auch ein ganz schöner, nämlich Ihr Mann, den Sie dort kennengelernt und geheiratet haben. Aber können Sie sich vorstellen, mal jenseits der privaten Frage, ob sich das organisieren lässt, wieder in Deutschland zu leben in Zukunft?

Simsek: Ich weiß nicht, was nach 10 Jahren passiert und nach 20 Jahren passiert. Deutschland ist meine Heimat, ich bin hier geboren, aufgewachsen, und natürlich kann ich mir das auch später vorstellen, noch mal in Deutschland leben zu können. Ich habe mich auch bewusst erst mal für die Türkei entschieden, weil ich mich von Deutschland etwas zurückziehen musste. In der Türkei kann ich einfach selber entscheiden, wann ich was lesen möchte, wann ich mich mit dieser Thematik auseinandersetzen will.

Kassel: Die Menschen in der Türkei – Ihre Familie, Ihre neue Familie durch Ihren Mann und auch Freunde –, wie beobachten denn die das aus der Türkei, was dann auch in München passieren soll, dieser Prozess? Sind die so optimistisch wie Sie, dass es sein könnte, dass man dort Antworten bekommt und sich die Lage verändert. Oder sind vielleicht da sogar umgekehrt die Vorurteile gegen Deutschland gestiegen, dass die sagen, na ja, die wollen uns Türken sowieso nicht haben?

Simsek: Ich muss ganz ehrlich sagen, die Vorurteile sind in der Türkei gestiegen, die kennen halt den deutschen Staat nicht, die sind hier nicht selber aufgewachsen. Und die neigen natürlich eher dazu, auch Vorurteile zu haben, wo ich auch selber sie bremsen muss. Aber die Öffentlichkeit in der Türkei, die türkische Community, die ist auch sehr, sehr gespannt auf diesen Prozess.

Kassel: Semiya Simsek, sie ist die Tochter des 2000 von der rechten Terrorvereinigung NSU ermordeten Enver Simsek und Autorin des Buches "Schmerzliche Heimat", das sie zusammen mit dem Journalisten Peter Schwarz geschrieben hat. Das Buch ist gerade im Rowohlt.Berlin-Verlag erschienen. Frau Simsek, ich danke Ihnen sehr für Ihre Zeit, für das Gespräch, und auch ich hoffe, dass die Hoffnungen, die Sie haben in Bezug auf den Prozess in München, dass diese Hoffnungen wahr werden.

Simsek: Dankeschön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur