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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.08.2011

Das Volk, der Souverän

Trotz aller Ernüchterung: Die Ägypter empfinden ihre Revolte als Befreiung

Von Jan Kuhlmann

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Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (AP)
Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (AP)

Es sind ernüchternde Nachrichten, die wir aus dem Nahen Osten hören. In Syrien töten täglich Kugeln der Armee Zivilisten, die für die Freiheit auf die Straße gehen. In Libyen erschöpfen sich das Regime und seine Gegner in einem Bürgerkrieg. Selbst aus Ägypten, lange ein Musterland der arabischen Revolte, melden sich immer mehr frustrierte Stimmen.

Die Armee hat das Land fest im Griff. Hinter vorgehaltener Hand sprechen viele Ägypter von einer Militärdiktatur. Und mögen die führenden Köpfe des Mubarak-Regimes auch gestürzt worden sein – in der zweiten und dritten Reihe sitzen überall immer noch die Vertreter des alten Systems. Nicht zuletzt treten die Islamisten immer selbstbewusster auf.

Ist der Traum von Freiheit und Demokratie in der arabischen Welt schon vorbei? Folgt auf den Frühling eine neue Eiszeit? Hier kommt die gute Nachricht: Nein, der Traum ist trotz aller Schwierigkeiten noch nicht ausgeträumt. Die Ägypter zum Beispiel haben im Frühjahr nicht nur einen Diktator gestürzt – sie haben ein ganz neues Selbstverständnis gefunden.

Bei ihren Protesten riefen sie immer wieder: "Das Volk will den Sturz des Systems." Übersetzt werden kann das auch mit "Wir sind das Volk" - ein Ruf, der in Deutschland allzu bekannt ist. Wir sind das Volk: Hier gehen Menschen auf die Straße, die nur noch sich selbst als Souverän akzeptieren - in den arabischen Ländern mit ihren patriarchalischen Strukturen etwas Einmaliges.

Einen Diktator á la Mubarak werden sie nicht mehr hinnehmen, ob er nun eine Uniform oder ein religiöses Gewand trägt. Das nämlich haben die Ägypter aus der Revolte gelernt: dass sie stark genug sind, auch einen übermächtigen Gegner zu besiegen.

Und noch etwas haben vor allem die Jüngeren mitgenommen: dass es sich lohnen kann, gegen die Älteren und die Autoritäten aufzubegehren. Für eine konservative Gesellschaft wie die ägyptische liegt darin das wirklich Revolutionäre. Über Jahrhunderte war es Usus, dass die Jüngeren die Älteren nicht infrage stellen, sondern die Söhne den Spuren ihrer Väter folgen. Davon aber haben sich die jungen Ägypter freigemacht, ein Traditionsbruch, ein Tabubruch – und das erfolgreich.

Sie sind jetzt selbstbewusst genug, sich ihre Freiheiten nicht mehr nehmen zu lassen und notfalls wieder auf die Straße zu ziehen für das, was sie wollen: Demokratie und Rechtsstaat. Längst haben sie die Revolte in andere Bereiche der Gesellschaft getragen. An den Unis fordern die Studenten mehr Mitspracherechte. Europa fühlt sich an seine 68er erinnert.

Das Volk als Souverän – sogar die Muslimbrüder haben sich diesen Grundsatz mittlerweile zu eigen gemacht. Die führenden Köpfe der Organisation betonen zu fast jeder Gelegenheit, dass nur noch das ägyptische Volk über seine Belange zu entscheiden habe. Selbst für gemäßigte Islamisten ist das eine bemerkenswerte Rhetorik, gilt doch für konservative Muslime allein Gott als höchste Instanz.

Radikale Islamisten lehnen mit diesem Argument die Demokratie ab. Nach ihrer Interpretation kann nur Gott der Souverän sein, nicht aber das Volk, also der Mensch. Von dieser rigiden Lesart distanzieren sich die Muslimbrüder mittlerweile. Vor allem unter den Jüngeren von ihnen sind viele zu finden, denen die gemäßigten und demokratisch erprobten Islamisten der türkischen AKP geistig nahe sind, nicht aber Saudi-Arabien, die Taliban oder gar Al-Kaida.

Das macht nicht alle Muslimbrüder sofort zu lupenreinen Demokraten. Aber es zeigt, dass sich viele Islamisten auf die Suche nach etwas Neuem gemacht haben – etwas, dass sie Demokratie und Islam miteinander vereinbaren lässt. Der Ausgang dieses Prozesses ist ungewiss. Aber Deutschland, Europa und die USA sollten den Fehler vermeiden, die Muslimbrüder per se einfach als extremistische Kraft zu brandmarken. Das würde nur die Radikaleren unter ihnen stärken.

Und nicht zu vergessen: Wandel durch Annäherung war vor nicht allzu langer Zeit schon einmal ein recht erfolgreiches Prinzip – das irgendwann in den Ruf "Wir sind das Volk" mündete.


Jan Kuhlmann (privat)Jan Kuhlmann (privat)Jan Kuhlmann, Jahrgang 1971, schreibt als freier Journalist in Berlin über Islam, Integration und Nahost. Studiert hat er Geschichte, Islamwissenschaft und Arabisch an der Universität Hamburg und der American University Cairo (AUC). Danach war er unter anderem Politik-Korrespondent der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" in Berlin.

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