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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.10.2009

Das Übel einer unendlich gewordenen Freiheit

Autor Hillenkamp über sein Buch "Das Ende der Liebe"

Sven Hillenkamp im Gespräch mit Katrin Heise

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Ist die Liebe am Ende? (AP)
Ist die Liebe am Ende? (AP)

Für Sven Hillenkamp bricht in seinem Essay die Epoche der Nichtliebe an. Es gebe für die Menschen Freiheiten mit negativen Seiten, "die auch die Liebe unmöglich machen".

Katrin Heise: "Das Ende der Liebe, Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit", so überschreibt Sven Hillenkamp seinen Essay, mit dem er klarstellt, die Epoche der Nichtliebe bricht an. Herr Hillenkamp, ich grüße Sie, guten Tag!

Sven Hillenkamp: Ja, guten Tag!

Heise: Um die Liebe oder besser um die verloren gegangene Liebe kümmern sich ja meistens Paartherapeuten, Paartherapeuten wie Arnold Retzer. Hören wir uns zusammen mal an, was Arnold Retzer zum Thema Freiheit und Liebe hier im "Radiofeuilleton" gesagt hat.

Arnold Retzer: Mit der Freiheit ist das so eine Sache. Auf die Dauer ist ja Freiheit, die häufig verbunden ist mit Autonomie, mit der Vorstellung, ich habe viele Möglichkeiten, auf die Dauer auch kein Honigschlecken. Jede Paarbeziehung, jede Ehe hat den unauflöslichen Widerspruch in sich, den Konflikt zwischen Autonomie, Freiheit wenn man so will, dem Wunsch nach Freiheit und auf der anderen Seite das Bedürfnis nach Gebundensein, nach Eingebundenheit mit dem anderen zu balancieren.

Und da ist es meiner Beobachtung nach so, dass die Freiheit oder die Möglichkeiten für den Erfolg einer Ehe überbewertet werden. Nehmen wir das Beispiel des freien Singles. Diese Lebensform des Singles ist in den allermeisten Fällen keine frei gewählte Form, sondern ist eine Form, die häufig eher erlitten wird, nämlich in Ermangelung eines Partners.

Heise: Sagte der Paartherapeut Arnold Retzer über die Schwierigkeiten der Liebe mit Freiheit. Und jetzt kommen Sie, Herr Hillenkamp, und machen die Freiheit sogar für das Ende der Liebe insgesamt verantwortlich. Ist da nicht Freiheit in der Liebe vor allem die Freiheit, die sich jetzt auch Frauen nehmen können nach Zeitaltern, Epochen des Zwangs, einen für sie Ausgewählten nehmen zu müssen und bei dem auch noch aus Abhängigkeit bleiben zu müssen, ist diese Freiheit denn jetzt nicht eine Bereicherung, eine Chance für die Liebe?

Hillenkamp: Na ja, Sie haben zunächst vollkommen recht, diese Freiheit ergibt sich für die Frauen ja zum ersten Mal und auch erst seit Kurzem. Wenn man daran denkt, wie in den 70er-Jahren noch zum Beispiel in Deutschland die Gesetzgebung aussah, dass Männer den Beruf der eigenen Ehefrau kündigen konnten und so Ähnliches, das sind also neue Freiheiten und sehr positive Freiheiten, und dass Frauen eben jetzt auch nach der Liebe und nach dem Sex suchen und nicht mehr wie leblose Objekte am Wegesrand sitzen und drauf warten, dass jemand dahergeritten kommt. Jetzt reiten die Frauen eben auch durch die Gegend, das ist natürlich gut so.

Das, was ich versuche zu beschreiben, sind die Nachtseiten der Freiheiten und wie eben Freiheit umschlägt in Zwang. Und das sind natürlich besonders schwierige Geschichten, weil sie eben mit eigentlich unseren wertvollsten und liebsten Entwicklungen zusammenhängen, also mit eben der Frauenbefreiung, mit der Möglichkeit, den eigenen Beruf zu wählen, sich selbst zu entwickeln. Und diese Freiheiten, die will ja niemand aufgeben, und trotzdem haben sie eben negative Seiten, die auch die Liebe unmöglich machen.

Heise: Was beobachten Sie da, was macht tatsächlich die Liebe unmöglich?

Hillenkamp: Immer mehr Menschen leben in einer Welt, wo sie unbegrenzte Möglichkeiten wahrnehmen. Davon erzählt mein Buch. Das sind unbegrenzte Möglichkeiten der Liebe und des Sex, also einer Unendlichkeit möglicher Partner, zwischen denen man wählen kann. Es sind aber auch unendliche Möglichkeiten, sich selbst weiterzuentwickeln, sich therapeutisch zu entwickeln, den eigenen Berufsweg weiterzutreiben, eine unendliche Auswahl von Lebensformen und Wohnorten. Wobei man sich das nicht so vorstellen darf, dass man da wie im Supermarkt sich das alles rausgreifen kann, also den großen Erfolg und den Sex mit vielen Partnern, sondern das Problem ist, der Einzelne muss an jedem Punkt eigentlich denken: Wenn ich mich vielleicht anstrenge und ganz hart an mir selbst arbeite und weitersuche und diszipliniert bin und so weiter, dann erreiche ich vielleicht noch etwas Besseres.

Heise: Also immer die Unzufriedenheit mit dem Erreichten?

Hillenkamp: Genau. Es gibt sozusagen, es ist, also das ist etwas geschichtlich nie Dagewesenes, dass der einzelne Mensch aus seiner Perspektive in seinem Leben nicht mehr sagen kann, wo Schluss ist, sondern egal was er erreicht – und das gilt eben für das Berufliche genauso wie für die Liebe –, kann es vielleicht immer noch weitergehen, das weiß er eben nicht. Und daraus entsteht eine permanente Sehnsucht, weil man hinter dieser Unendlichkeit per se zurückbleiben muss – eine Unendlichkeit lässt sich ja nicht erreichen –, und es entsteht eine permanente Scham, weil diese freien Menschen dieses Zurückbleiben als ein persönliches Versagen erfahren.

Heise: Bei Ihnen läuft diese Wahlfreiheit auch auf – habe ich so verstanden – auf Beliebigkeit hinaus, weil man immer weiterhin ausprobiert. Warum?

Hillenkamp: Na ja, es ist Beliebigkeit – ich weiß nicht, ob es Beliebigkeit ist, ich glaube, es ist so, dass diese freien Menschen, die ja eine riesige Auswahl vor sich sehen, die wissen eigentlich sehr genau, was sie wollen. Deswegen weiß ich nicht so richtig, ob das Wort Beliebigkeit treffend wäre. Es entstehen ja endlose Kataloge im Kopf.

Ein Mensch, der mit einer ganz großen Auswahl konfrontiert ist, der fragt sich, was will ich denn überhaupt, und hat dann eine Liste im Kopf von Eigenschaften, die der Partner haben soll und eine ebenso lange Liste von Eigenschaften, die der Partner auf keinen Fall haben soll. Das heißt, diese Menschen wissen eigentlich sehr gut, was sie wollen und auch aus sehr vernünftigen Gründen.

Sie wollen mit dem anderen reden können, sie wollen sich erotisch begegnen, sie wollen sich auf intellektueller Ebene begegnen – das sind alles eigentlich sehr vernünftige Gründe, aber diese Liste wächst ins Endlose. Man kann das manchmal wie eine Parodie im Internet sehen, wo Menschen, die sich bei diesen Partnersuche-Diensten anmelden, dann erst mal 217 Fragen beantworten müssen, bis hin zur Raumtemperatur, die sie schätzen.

Das ist aber keine Internet-Erscheinung, sondern das entsteht eben im Kopf von Menschen, die eine riesige Auswahl wahrnehmen und die dann auch natürlich ganz viele Erinnerungen haben, denn die Menschen sind ja schon ganz vielen begegnet und haben erotische Begegnungen, Liebesbegegnungen mit vielen gehabt und stellen sich eigentlich dann, bauen sich den gewünschten Partner auch aus diesen Erinnerungen zusammen und denken, der soll dann eigentlich küssen wie der und das Gespräch soll aber sein wie mit dem. Und so entsteht im Kopf – ich nenne das die Hydra – ein unendliches Wesen aus Erinnerungen, Kriterien, Eigenschaften, Zukunftshoffnungen, Wahrnehmungen jeden Tag auf der Straße. Die Menschen begegnen ja auch immer mehr Menschen im Alltag, auf der Straße, bei der Arbeit, überall ist es möglich, sich anzusprechen. Und daraus entsteht ein unendliches Wesen, dem eigentlich kein Einzelner mehr gerecht werden kann.

Heise: Der Autor Sven Hillenkamp begründet im Deutschlandradio Kultur seine Befürchtung, das Ende der Liebe sei erreicht im Zeitalter unendlicher Freiheit. Bei Ihnen wird auch geschildert, dass also einer nach dem anderen quasi ausprobiert wird. Ich hab mich dann gefragt, wie kommen Sie darauf, dass tatsächlich alle Menschen in absoluter Freiheit leben, denn es gibt ja nach wie vor moralische Verpflichtungen, es gibt Zwänge, und es ist nach wie vor auch nicht leicht, jemanden sitzen zu lassen, sich weiter an den Nächsten zu wenden?

Hillenkamp: Ja, Sie haben vollkommen recht, es gibt nach wie vor natürlich die alten Zwänge, also es gibt die alten Zwänge der Herrschaft, der Unterdrückung, der Frauendiskriminierung, der Armut, die gibt es nach wie vor. Und in manchen Bereichen verschlimmern sich die Zustände ja sogar wieder, wenn man jetzt an soziale Ungleichheit anguckt und eventuell zum Beispiel auch an das Ausbremsen von Frauen in Karrieren in Deutschland.

Aber das Problem ist, dass diese Freiheit – die ist eben wie gesagt nicht zu verstehen als Supermarkt oder Schlaraffenland, wo sich jeder alles nehmen kann, sondern die Türen haben sich gerade so weit geöffnet, dass der Einzelne eben nicht wissen kann, ob er nicht vielleicht noch etwas weiterkommt, wenn er sich selbst nur anstrengt.

Man kann das sehen vielleicht, selbst wenn jemand mitten in der Finanzkrise gekündigt wird, hätte er früher vielleicht gesagt, das ist die Wirtschaftskrise, das ist der Kapitalismus, heute denkt er vielleicht, na ja, wenn ich mich nur früh weitergebildet hätte, wenn ich vielleicht früher ins Ausland gegangen wäre, bessere Erfahrungen gemacht hätte, wenn ich in einer anderen Branche gearbeitet hätte, wäre ich vielleicht nicht gekündigt worden.

Das heißt, so – oder bis vielleicht jemand, der Krebs bekommt, vielleicht denkt, wenn ich nur mehr Yoga gemacht hätte und früher meinen Stress reduziert hätte und mich besser ernährt hätte, hätte ich diesen Krebs nicht bekommen.

Heise: Da sind wir bei der eigenen Verantwortung für das eigene Glück. Wie sieht eigentlich das Zeitalter der Nichtliebe für Sie aus, leiden die Menschen darunter oder vergessen sie die Liebe einfach?

Hillenkamp: Sie leiden darunter. Also es ist … Mein Buch erzählt von sehr romantischen Menschen, die eine große Liebessehnsucht haben und diese Liebessehnsucht auch nicht einfach aufgeben können und das auch nicht wollen und dementsprechend darunter leiden, ja.

Heise: Sie kommen am Ende Ihres Buches aber auf die Vernunftehe zu sprechen. Was verstehen Sie darunter?

Hillenkamp: Ja, die Vernunftehe entsteht – oder man müsste eigentlich sagen Vernunftbeziehung, weil es nicht um Heirat geht – entsteht, aus ganz paradoxen Gründen kommt diese Vernunftehe zurück, aus ganz paradoxen Gründen, aus der unendlichen Liebesfreiheit. Ein Grund ist das, was wir gerade schon hatten, dass Menschen, die eine riesige Auswahl wahrnehmen, diese Kataloge produzieren, Kataloge guter, vernünftiger Gründe.

Und Liebe funktioniert ja eigentlich auch nach einem anderen Drehbuch, nach dem Drehbuch der Sehnsucht und nicht nach so einer Liste rationaler Gründe. Das heißt, so bringt die Freiheit einmal eben diese Rationalisierung hervor, sodass man am Ende doch wieder die gute Partie sucht, vielleicht nicht, also ich nenne das die therapeutische Vernunftehe, also diese freien Menschen suchen vielleicht nicht jemand, mit dem sie dann einfach nur materielle Sicherheit erwarten und irgendeinen Haushalt begründen wollen, sondern sie suchen den Menschen, der ihnen gut tut, und haben eben so eine Liste der Kriterien für dieses Gut-Tun im Kopf.

Ein anderer Grund ist, dass in einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten der letzte Zwang die Zeit ist. Während früher die Eltern in den Raum marschiert kamen und sagten, du musst jetzt heiraten und du musst jetzt Kinder kriegen, ist es heute die Zeit, die in den Raum marschiert kommt, weil diese freien Menschen ihre Suchen und ihre Entwicklungen immer weiter ausdehnen, bis sie an die Zeitgrenze stoßen, und die Zeit selbst in den Raum marschiert kommt und sagt: Wenn du jetzt nicht heiratest oder dich jetzt nicht für einen Beruf entscheidest, dann wird deine Existenz im Leerlauf vergehen. Und so übernimmt die Zeit die Rolle, die die Autoritäten früher hatten, und zwingt zu einer Entscheidung, selbst wenn man mit der Entscheidung unglücklich ist.

Heise: Sagt Sven Hillenkamp, Autor des Buches "Das Ende der Liebe". Herr Hillenkamp, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch!

Hillenkamp: Ja, bitte sehr!

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