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Mittwoch, 24.01.2018

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.05.2011

Das religiöse Leben kehrt zurück

Juden in Mazedonien

Von Simone Böcker

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Eine jüdische Zeremonie in Skopje (dpa)
Eine jüdische Zeremonie in Skopje (dpa)

Ein neues Museum in Skopje zeigt die lange Geschichte jüdischen Lebens in der Balkanregion bis zur fast vollständigen Auslöschung im Zweiten Weltkrieg. Dass dieses Museum überhaupt entstehen konnte, ist das Verdienst einer kleinen, aber sehr aktiven Gemeinde.

Olivera Jovanova, groß, mit dunkeln Locken, greift zum Telefon. Die 27-Jährige ist Vorsitzende der jüdischen Jugendvereinigung. Vom Büro der Jüdischen Gemeinde in Skopje aus organisiert sie das nächste Vereinstreffen. Das jüdische Gemeindezentrum ist für die elf jungen Menschen schon fast ihr zweites Zuhause. Einmal in der Woche treffen sie sich hier und diskutieren Fragen, die mit dem jüdischen Glauben verbunden sind.

"Wir haben keinen eigenen Rabbi. Wenn wir also eine Frage in Bezug auf die Religion haben, dann diskutieren wir sie hier und versuchen, eine Lösung zu finden. Da geht es manchmal um jede noch so kleine Sache, wie zum Beispiel um die Haltung zu Tattoos."

Neben vielen anderen Aktivitäten führt die Jugendorganisation außerdem auch die Sonntagsschule fort, die sie einst selbst als Kinder besucht haben. Jeden Sonntag bringen sie den Jüngsten der Gemeinde mehr über jüdische Kultur und Tradition bei. Olivera und ihre Freunde gehören zur ersten Generation, die nach dem Zusammenbruch des atheistisch geprägten Jugoslawien wieder religiös aufgewachsen ist.

"Das religiöse Leben kam wegen uns Kindern zurück, weil wir sehr an unseren Wurzeln interessiert waren. Wir haben angefangen, die Religion auszuüben und wir haben es dann unseren Eltern beigebracht. Sie haben das sehr leicht angenommen. Und unsere Großeltern waren sehr glücklich darüber. So ist das religiöse Leben in viele Häuser zurückgekehrt."

Über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Mazedonien und dem Balkanraum insgesamt informiert nun auch ein neu eröffnetes Museum in Skopje. Auf drei Ebenen zeigen Fotos und Schautafeln das religiöse, soziale und kulturelle Leben der Juden in den letzten Jahrhunderten. Das Museum ist Teil des Holocaust-Erinnerungszentrums, das im nächsten Jahr vollständig fertig gestellt werden wird. Olivera Jovanova war mit ihrer Organisation aktiv an den Vorbereitungen beteiligt.

"Für uns ist das Erinnerungszentrum natürlich eine große Sache. Aber es ist nicht in erster Linie für uns gedacht, wir brauchen so einen Erinnerungsort nicht. Wir geben hier einen Teil der Geschichte unserer Vorfahren weiter an die heutigen Generationen, damit sie erfahren, wie die Leute früher zusammen gelebt haben. 20 Prozent der Bevölkerung in Skopje war einmal jüdisch. Und die religiösen Gemeinschaften lebten gut miteinander."

Nach Krieg und Holocaust haben ca. 50 Überlebende die jüdische Gemeinde wieder aufgebaut. Heute umfasst die Gemeinde ca. 200 Menschen. Mit dem Erinnerungszentrum ist für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Im Jahr 2000 hatte die mazedonische Regierung ein Restitutionsgesetz verabschiedet. Darin auch ein Paragraf, der den ehemaligen Besitz von Juden betraf, der nach dem Krieg wegen fehlender Erben in Staatseigentum übergegangen war. Museumsdirektor Goran Sadikario:

"Bis 2007 haben wir alle Daten und Dokumente über jüdischen Besitz gesammelt, die wir finden konnten, und bekamen die Kompensationssumme. Wir wollten das Geld zum Andenken an die Verstorbenen verwenden. Aber es soll noch mehr werden: ein regionales jüdisches Kulturzentrum für den Balkan und Osteuropa. Wir möchten ein Institut für jüdische Studien einrichten, das den Dialog zwischen den Nationen und Religionen pflegt."

Doch die Zukunft der aktiven Gemeinde ist trotzdem ungewiss. Wie Olivera finden viele junge Menschen ihre Liebe im Ausland und verlassen wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation ihre Heimat. Olivera hofft, dass das Erinnerungszentrum ein sichtbarer Teil des jüdischen Lebens ins Skopje bleiben wird. Und für sie und ihre Freunde ist klar: Egal wo sie einmal wohnen werden, sie werden ihre Tradition und Kultur weiterleben.

"Es ist wie eine Verpflichtung, eine Familienpflicht. Und außerdem ein wirklich schönes Gefühl, wenn deine Großmutter vor einer Stunden noch ihre Religion geleugnet hat, weil der Nachbar im Raum war. Und danach fragt sie dich aber, wie es in der Jüdischen Gemeinde war. Du erzählst es ihr und siehst an ihren Augen, wie glücklich sie das macht."

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