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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.07.2012

Das menschliche Gehirn ist ein Flaschenhals

Stefan Rieger: "Multitasking. Zur Ökonomie der Spaltung", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012

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Multitasking pur: Telefon, Computer und zwei Kinder sind schwer unter einen Hut zu bringen. (picture alliance / dpa /Karl-Josef Hildenbrand)
Multitasking pur: Telefon, Computer und zwei Kinder sind schwer unter einen Hut zu bringen. (picture alliance / dpa /Karl-Josef Hildenbrand)

Der Medienwissenschaftler Stefan Rieger wirft einen kulturwissenschaftlichen Blick auf das Phänomen Multitasking. Er streift alles von der Kognitionsforschung über die Ikonografie des Multitasking bis zur historischen Traktaten über die "Zertheilbarkeit des Ich's".

In den 1920er-Jahren verblüffte der amerikanische Varieté-Artist Harry Kahne sein Publikum damit, dass er mit Händen und Füßen vier verschiedene Texte gleichzeitig auf eine Tafel schrieb, während er obendrein mit den Zuschauern parlierte. Als "man with the multiple mind” wurde er zum Prototyp des Multitaskers. In heutigen Zeiten verschärfter medialer Zerstreuung ist die Fähigkeit, beim Fernsehen zu chatten, zu telefonieren und Emails zu schreiben, alltäglich geworden. Hatte Multitasking in den Neunzigern Konjunktur als Management-Mode, verbreiten die Erkenntnisse der Neurowissenschaften heute Ernüchterung: Das menschliche Gehirn ist ein Flaschenhals, der sich nicht beliebig verbreitern lässt.

Dennoch scheint die Faszinationskraft der Effizienzsteigerung durch das scheinbar simultane Erledigen unterschiedlicher Aufgaben ungebrochen, wie die Fülle der Selbsthilferatgeber zum Thema zeigt. So gilt Multitasking mal als Ausweis von Medienkompetenz, mal als Symptom einer der Informationsflut geschuldeten Aufmerksamkeitsstörung.

Der Bochumer Medienwissenschaftler Stefan Rieger wirft in seinem Essay "Multitasking” nun einen kulturwissenschaftlichen Blick auf das Phänomen und versucht, die medialen und historischen Konturen der Parallelverarbeitung einzufangen. Er will das Feld weder den kulturpessimistischen Unkenrufern überlassen, noch den Selbsthilfegurus oder den unhistorisch argumentierenden Psychologen. Rieger diagnostiziert die Figur des Multitasking als ein Signum der Moderne, als Effekt neuer Technologien – und als Antwort auf den Imperativ der Selbstoptimierung.

Als Flaschenhals bezeichneten Informatiker die Tatsache, dass klassische Computer Befehle nur strikt seriell abarbeiten können. Von dort wanderte der Begriff in die Psychologie ein. So führt Rieger vor, wie die Erforschung der menschlichen Kognition von Computer und Informationstheorie geprägt wird. Die Lösung hieß Multitasking: durch Parallelverarbeitung soll die Arbeitsgeschwindigkeit erhöht werden - zunächst von Computern, dann auch von Menschen.

In einer tour de force durchstreift Rieger die unterschiedlichsten Wissensgefilde: von der Kognitionsforschung zur tayloristischen Arbeitswissenschaft, von der Ikonografie des Multitasking mit ihren Darstellungen vielarmiger indischer Gottheiten und Kraken zur Gedächtniskunst, bis hin zu goethezeitlichen Traktaten über die "Zertheilbarkeit des Ich’s”. Theoretischer Kompass ist ihm dabei das Konzept einer "Medienanthropologie”, die die systematischen wechselseitigen Verschaltungen von Menschen und Medien, von humaner und maschineller Datenverarbeitung, historisch zu rekonstruieren sucht.

Damit will er die Kulturwissenschaft vom Stigma des Abseitigen und bloß Anekdotischen befreien. Doch löst das Bändchen diesen hochgesteckten Anspruch nicht ein, sondern ergeht sich in einem Gestus nervöser Sprunghaftigkeit in Details und Nebengleisen. Die am Ende zitierte Maxime "Do less, more slowly” scheint der Autor für seine eigene Arbeit ignoriert zu haben.

Besprochen von Philipp Albers

Stefan Rieger: "Multitasking. Zur Ökonomie der Spaltung"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
135 Seiten, 12,00 Euro

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