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Zeitfragen | Beitrag vom 17.05.2018

Das Internet, der Raum, die ZeitAcht Miliarden Zeitgefühle

Von Jochen Dreier

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Menschen kommunizieren mit drahtlosen Technologien  (imago stock&people)
Weltweit vernetzt: Das Internet bringt uns einander näher, verändert aber auch unser Gefühl für Raum und Zeit. (imago stock&people)

Die vernetzte Welt ist kleiner geworden. Wir können leicht jemanden auf der anderen Seite der Erde erreichen, Nachrichten von dort konsumieren oder Filme schauen. Raum und Zeit scheinen keine unabdingbar miteinander verbundenen Dimensionen mehr zu sein.

Sprecherin: "Der folgende Beitrag beginnt in 30 Sekunden."

Schön, dass sie sich die Zeit nehmen, diese Sendung zu hören. Oder nehme ich Ihnen die Zeit? Aber vielleicht ein paar grundlegende Dinge zuerst.

Kinderlied: "What does the clocks on the wall say. TickTock."

Erstens: Nein. Unsere Uhren machen heute nicht mehr TickTock. Sie sind entweder still oder klingen so… 

(iPhone-Pling)

Und zweitens: Nein, das Internet verändert die Zeit natürlich nicht. Physikalisch gesehen. Aber Zeit ist für uns Menschen keine physikalische Konstante, sie ist ein Ablauf, eine Aneinanderreihung von Ereignissen, ein Gefühl. Ein Leben, wenn man so will. Viele Leben, um genau zu sein. Acht Miliarden Zeitstränge, Zeitgefühle und Zeitwahrnehmungen.

Also müsste man eigentlich fragen, ob das Internet das Zeitgefühl verändert.  Doch die Frage wäre müßig, denn wir wissen ja auch - um allgemeinverständliche Beispiele zu nehmen - das Sex das Zeitgefühl verändert oder Alkohol. Der Unterschied ist, dass solche Gefühle nicht von Dauer sind. Es sind Intervalle. Das Internet aber, das ist da. Jetzt. Immer.

Was passiert mit uns?

Wenn das Netz also das Zeitgefühl verändern sollte, dann in einem großen Kontext. Und dann könnte man durchaus davon sprechen, dass das Internet die Zeit - auf der Welt - verändert.

Aber passiert das wirklich?

Joe Edelman: "Ja. Absolut. Ich denke unsere Zeitwahrnehmung hat direkt damit zu tun, was wir erleben und was es für unsere Leben bedeutet."

Janina Loh: "Ich glaube, dass momentan ein ganz schöner Hype darum gemacht wird, entschuldige, wenn ich mich da so radikal ausdrücke, aber momentan sind sehr viele sehr schnell dabei sind von irgendwelchen Transformationen und Paradigmenwechseln und radikalen Einbrüchen zu sprechen, nur um zu zeigen, dass wir gerade ganz schön krasse Technologien entwickeln. Aber ich denke, so schnell verändern sich fundamentale Bedingtheiten des Menschen nicht."

Jorck: "Einmal ist es so ein Wegfall der Pausen, durch diese Kommunikationsweisen, es gibt kaum noch Leerzeiten. Und dann hast du so eine zunehmende Time-Space-Compression, dass sich Zeit und Raum eben zunehmend verdichten. Und ich durch diese Medien eigentlich immer noch an einem anderen Ort bin, mit anderen Menschen und Gesprächen vernetzt bin."

Wir sind durchschnittlich rund sechs Stunden am Tag im Internet. Weltweit hochgerechnet werden alle Nutzer im Jahr 2018 zusammen eine Milliarde Jahre online sein.

Die Zeit als vierte Dimension – was sich so unspektakulär anhört, ist eine radikal neue Sicht der Welt. Raum und Zeit sind gemäß der Relativitätstheorie zu einer untrennbaren Einheit verschweißt: der Raumzeit. Der britische Literaturwissenschaftler Laurence Scott schrieb im Jahr 2015 ein Buch mit dem Titel "The Four Dimensional Human" - Der vierdimensionale Mensch. Die vierte Dimension, die wir jetzt nun neben den drei anderen dazugewonnen haben, wäre nach seiner These die digitale Sphäre, das Internet, das World Wide Web. Drei Dimensionen plus Internet?

Tick tack, tick tack!

Das klingt irgendwie konstruiert und Einstein wäre damit sicher nicht einverstanden. Doch vielleicht steckt etwas Wahres darin. Um das rauszufinden, müssen wir grundsätzlicher beginnen, mit Jonas Geißler, Zeitforscher und Buchautor, den ich in einem BBC-Studio in Bristol erreiche. Als Soziologe und Berater setzt er sich zusammen mit seinem Vater Karl-Heinz Geißler mit der Zeit auseinander.

"Raum und Zeit hängen zusammen. Und das heißt, wann immer wir unsere Perspektive auf den Raum verändert haben, haben wir auch unsere Perspektive auf die Zeit verändert. Und Raum können wir sinnlich erfassen, Zeit können wir nicht sinnlich erfassen. Deswegen wechseln wir sozusagen die Vorstellungen von Zeit. Und in der Vormoderne, wo die meisten Menschen dachten, die Erde wäre eine Scheibe, da haben sie Zeit anders wahrgenommen als sie es heute tun. Und auf dem Weg dahin gab es, heute würde man sagen, ein paar disruptive Veränderungen."

Kindermusik: "What does the clocks on the wall say. TickTock."

Ein alter Metallwecker mit lateinischem Ziffernblatt. (Unsplash/Ales Kriver)Ein alter Metallwecker mit lateinischem Ziffernblatt. - wer hat heute so etwas noch? (Unsplash/Ales Kriver)

Die Erfindung der mechanischen Uhr prägte den Übergang von Vormoderne zur Moderne. Plötzlich war Zeit nicht mehr Qualität bestimmender Moment, wie das Wetter beispielsweise, sondern Quantität. Vorher war es der Rhythmus der Natur, jetzt der immer gleiche Takt der Maschine.

"Die Zeit war frei, und wir konnten sie mit einer neuen Qualität besetzen und das war Geld. Die Natur raus, Geld rein. Und seit wir die mechanische Uhr haben, haben wir den Grundstein für die kapitalistische Ordnung gelegt. Und wenn wir jetzt eine begrenzte Größe, die Zeit, ein Jahr hat immer 365 Tage, mit einer unbegrenzten zusammenbringen, nämlich Geld, dann wird es attraktiv zu beschleunigen, denn damit kann ich mehr Geld und damit mehr Wohlstand erzeugen. Seit wir die Uhr haben, haben wir eine enorme Beschleunigungsgeschichte hingelegt."

Früher wurde die Uhr einmal pro Woche aufgezogen

Zeitrechnung hat uns diszipliniert und erzogen. Schule, Militär und Industrialisierung, die Aufteilung in Arbeit und Freizeit. Wir leben nach der Uhr, sie bestimmt wann wir wo an welchem Ort sind oder sein müssen. Ein Klassiker der amerikanischen Volksmusik ist das Lied "Grandfathers Clock", hier gesungen von Johnny Cash.

Liedtext: "My grandfather's clock was too large for the shelf
So it stood ninety years on the floor
It was taller by half than the old man himself
Though it weighed not a pennyweight more."

Eine alte Taschenuhr, daneben eine Tintenfeder auf einem aufgeschlagenen Buch. (Unsplash/Eduardo Olszewski)Uropas Maß der Zeit: Die Taschenuhr - Millenials kennen so etwas nicht mehr. (Unsplash/Eduardo Olszewski)

90 Jahre ohne zu Schlummern, 90 Jahre den Takt des Lebens vorgegeben. Wenn die Zeit abgelaufen ist, dann stoppt die Uhr, so der Text weiter. Einmal die Woche musste man die Mechanik aufziehen, ein wenig klingt das für mich wie Wochenende. Doch das war früher. Die Standuhren sind aus den Wohnzimmern verschwunden, die Kirchenuhren läuten noch durch die Städte, doch die Messen bleiben leer. Die Stadttore werden nicht mehr geschlossen. Die Stadt schläft nicht, der Supermarkt ist bis 23 Uhr, das Internet  24/7 geöffnet.

Jonathan Crary: "Der Slogan 24/7 propagiert eine Zeit ohne Zeit, eine Zeit, die aus allen materiellen oder bestimmbaren Umgrenzungen herausgelöst ist, eine Zeit ohne Abfolge oder Wiederholung. Ihr kategorischer Reduktionismus verherrlicht eine halluzinatorische Präsenz, die dauerhafte Abfolge unaufhörlicher, reibungsloser Operationen."

65 Milliarden WhatsApp-Nachrichten pro Tag

Schreibt der Kunstkritiker Jonathan Crary in seinem Buch "24/7 - Schlaflos im Spätkapitalismus". Aber was ist eine Zeit ohne Zeit? Oder anders: Wenn die Zeit nur noch eine Abfolge von Aufgaben und Operationen ist, was passiert dann mit dem Raum? Und spielt das Internet dabei eine Rolle?

Geissler: "Seit 30 Jahren ändern wir wieder unser Raum-Zeit-Verständnis, in dem wir Raum und Zeit auflösen im Netz. Im Netz gibt es nämlich gar keinen Raum und gar keine Zeit mehr. Und plötzlich ist der Takt viel zu starr und es geht eher um Flexibilisierung statt um Standardisierung. Es geht eher um "am Punkt sein" und weniger um Pünktlichkeit. Und das Gerät, mit denen wir diese fluiden, agilen Zeiten koordinieren, ist auch weniger die Uhr, sondern das Smartphone. Was mir zum Beispiel die Freiheit gibt, meine Verspätung pünktlich ankündigen zu können."

1,5 Milliarden Nutzer von WhatsApp verschicken am Tag 65 Milliarden Nachrichten. Das sind rund 43 am Tag. Eine Nachricht an eine Gruppe wird statistisch als eine Nachricht gezählt.

Hamburg, 17. November 2016 - WhatsApp-Icon auf einem auf einem iPhone PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY  Hamburg 17 November 2016 Whatsapp  Icon on a on a iPhone PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY   (imago stock&people)WhatsAppen statt Briefe schreiben oder telefonieren. (imago stock&people)

Während ich diesen Text geschrieben habe, habe ich folgende Dinge nebenher gemacht: Drei Gespräche über zwei Messenger geführt, anstatt zum Bücher- aus Versehen zum Kühlschrank gegangen, ein Paket angenommen, drei Videos zur Hälfte geschaut: Childish Gambino, My Neighbourhood und ein Live-Auftritt des DJ-Megastars Hardwell. In der Reihenfolge übrigens von gut zu schrecklich. Eigentlich unwichtig, aber das sind diese kleinen Informationen, die immer überall warten.

Und wir sind in wenigen Momenten von Einstein zum Smartphone gekommen. Vielleicht ging das jetzt doch etwas zu schnell. Obwohl, was ist schon ein Moment?

Zitat  aus "Atlas Obscura":

"Jahrhundertelang, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war ein Moment etwas sehr Spezifisches. Ein Vierzigstel einer Stunde, also ungefähr neunzig Sekunden. Doch die Moderne nutzt den Begriff anders. Es kann eine sehr kurzer Zeitspanne sein oder sich über Stunden, Tage und Wochen hinziehen."

Wie definiert man Moment?

So steht es zumindest in einem Artikel des Magazins "Atlas Obscura". Die Pop-Gruppe Ok Go, bekannt für ihre aufwendigen Videos, machte aus 4,2 Sekunden explodierender Farbbeutel und Feuerwerk, in Zeitlupengeschwindigkeit vier Minuten Film. Sie nannten es "This one Moment".

Oder ist ein Moment heute folgendes?

Zitat: "Klicke auf dem Tab Moments auf den Button Neuen Moment erstellen.
Wähle Tweets aus, die du deinem Moment hinzufügen möchtest:
Klicke auf ein Häkchen-Symbol neben einem Tweet, um ihn deinem Moment hinzuzufügen."

Sie haben Minute elf Minuten des Beitrags erreicht. Die deutsche Messzeit im Internet. Es hat sich gerade ein Single über eine Datingplattform verliebt - laut Werbung. Sie vermutlich nicht. FOMO-Alarm. Fear of Missing out. Zu dicht, die Zeit.

Die Gruppe der sogenannten Millennials, also alle die grob von 1980 bis 2000 geboren wurden, verbringt rund zehn Stunden in der Woche mit Datingplattformen und Dating-Apps. Das sind rund 90 Minuten pro Tag. Etwas mehr als ein Arbeitstag, verteilt auf sieben Spielfilme.

Loh: "Also ich glaube, dass durch die modernen Informations- und vor allem Kommunikationstechnologien vor allem zwei Stränge oder zwei Entwicklungstendenzen deutlich werden. Und zwar zum einen, dass wir jetzt voll und ganz oder zumindest zu einem deutlich größeren Ausmaß ein gewisses Kontrollbestreben und auch Machtstrukturen, die sich in der Entwicklung der modernen Massengesellschaft und vor allem aus meiner Sicht in kapitalistischen System herauskristallisiert haben. in den letzten Jahrzehnten sind diese Bestrebungen sehr viel deutlicher geworden.

Und zum anderen so eine Hoffnung, wie soll ich sagen, nicht alleine zu sein. Und eigentlich immer, auch wenn niemand aktiv gerade da ist, wie wir das am Telefon vielleicht noch mitbekommen, sondern wir nur wie in einer Art Aura, dass wir wie von Geistern umgeben sind, durch die modernen Kommunikationstechnologien, wir immer das Gefühl haben, dass jemand zuhört, dass jemand irgendwie anwesend ist."

Alles verschwimmt

Die Geister, die ich rief. Wir alle halten die Gesprächsströme selbst fließend. Mit jeder Antwort, mit jeder Frage, füttern wir den Kreislauf. Wir wissen, da ist noch jemand, der Blick aufs Display verrät, hat er sich gerade mit mir beschäftigt? Janina Loh ist Philosophin an der Universität Wien. Und natürlich sprechen wir über einen Videochat, sie vor einer Bücherwand in ihrem Arbeitszimmer, ich in meinem Wohnzimmer. Die Räume verschwimmen.

Lohs Schwerpunktthema ist Transhumanismus, wie der Mensch sich weiterentwickelt beziehungsweise wie sich Transhumanisten den zukünftigen Menschen vorstellen. Das Internet, das Smartphone macht uns noch nicht zu einer Mischform aus Maschine und Humanoid. Wir sind eben keine Prozessoren mit vielen Rechenkernen.

Jorck: "Das Schwierige dabei ist, dass du die Umwelt um dich herum nicht mehr direkt wahrnimmst. Sondern immer mit den Gedanken woanders bist. Das kommt so aus der Psychologie. Es wird auch immer wieder gezeigt, dass diese Multi-Task-Fähigkeit, die in unserer Gesellschaft so hoch geschrieben wird, und man prinzipiell das Gefühl hat, das funktioniert, aber eigentlich können Tests zeigen, du bist nicht in der Lage mehr als zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Du machst vielleicht zwei Dinge gleichzeitig und in kurzer Folge immer wieder zwei Dinge gleichzeitig, aber du kannst dich nicht auf viele Dinge gleichzeitig fokussieren."

Nicht nur der virtuelle Raum verändert sich

Gerrit von Jorck promoviert an der TU Berlin über Zeitwohlstand und Postwachstumstheorien. Auf seinem Schreibtisch ein Druck der berühmten Karl Marx Karikatur von Roland Beier aus dem Jahr 1990. Ein etwas resignierter Marx mit der Bildunterschrift: "War halt so ne Idee von mir…"

Eine Idee einer anderen Verteilung. Zeit ist Geld, sagt aber der Kapitalismus. Arbeite, dann hast du Geld für Konsum. Postwachstumstheoretiker sagen, arbeite nicht so viel, konsumiere dann aber auch weniger und hab mehr Zeit. Zeit für andere Dinge. Oft geht diese Theorie auch davon aus, dass eben heute eine andere Arbeits- und Freizeitgestaltung möglich ist, durch das Netz. Der Balkon kann genauso Arbeitsraum sein. Das heißt also, nicht nur der virtuelle Raum verändert sich, sondern auch der in der realen Welt. Im Silicon Valleys klingt diese Entwicklung grundsätzlich positiv. Unsere Produkte und Technologien helfen Zeit zu sparen, besser zu leben, heißt es dort.

Wie hier bei Googles Geschäftsführer Sundar Pichai, als er die neuen Funktionen des Google Assistant im Mai 2018 vorstellte:

"But done correctly, it will save time for users and create a ton of value for businesses. Say you're a busy parent in the morning and your kid is sick and you want to call for a doctors appointment..."

Es war einer der ersten warmen Frühlingstage, der Berliner Stadtpark in Neukölln voll mit sichtlich von der Sonne erfreuten Menschen auf Decken und Bänken. Ein Tag, den man nicht in Gebäuden ausklingen lässt. Verabredet war ich mit dem US-Amerikaner Joe Edelman, eigentlich in einem Café, welches uns dann zu dunkel erschien, und so suchten wir uns eben diese Bank im sanftroten Licht der sinkenden Sonne.

Es läuft einiges schief

Ein schöner Platz zum Arbeiten, meinte ich. Edelman gehört zu den Mitbegründern von CouchSurfing, hat danach in verschiedensten Start-Ups des Silicon Valleys gearbeitet und seit zwei Jahren sein Zuhause in der deutschen Hauptstadt gefunden. Endlich hätte er Menschen um sich, die abends auf einer Brücke dem Sonnenuntergang zuschauen, meint er. Das Tempo hier wäre ein anderes. Im Netz veröffentlicht er immer wieder lange Essays, wie die Gesellschaft mit dem Internet umgeht, was mit ihr passiert, was schief läuft. Und es läuft seiner Meinung einiges schief.

Joe Edelman hat vor fünf Jahren zusammen mit Tristan Harris die "Time Well Spent-Bewegung" gestartet. Was wie ein Schweigeseminar mit Yoga klingt, möchte dass Menschen die Zeit im Netz bewusst nutzen, um der Leere zu entgehen, und um die Sucht zu bekämpfen, die Apps absichtlich auslösen. Mark Zuckerberg hat diesen Slogan zu Facebooks  Ziel 2018 erklärt. Natürlich!

"Eine Sache, die die Technologie des Internets macht und das unterscheidet sich sehr von allen vorherigen, sie empfiehlt uns Dinge. Sie empfiehlt uns Artikel, Videos, sie entscheidet welche E-Mails wichtig sind und welche nicht. Womit sie auch teilweise entscheidet, mit wem wir an einem bestimmten Tag kommunizieren. Es ist schon seltsam, dass eine Technologie unseren Alltag strukturiert. Mir fällt kein vorheriges Beispiel ein, dass Menschen jemals so viele Empfehlungen bekommen haben. Und das kann eine gute Sache sein. Aber dafür muss sie wirklich den Menschen dienen und nicht den Unternehmen. Was sollte das Ziel sein? Momentan ist das Ziel, dass wir möglichst viel Zeit mit den Empfehlungsmaschinen selbst verbringen.

Als ich mit Tristan über "Time Well Spent" sprach, da waren wir der Meinung, dass Empfehlungsalgorithmen, die so viel über die User wissen, sie nicht vom Leben abhalten sollten. Schau dir Netflix an: Ich glaube es gäbe durchaus eine Situation, wo Netflix sagen könnte: Ich glaube, du solltest jetzt gar keinen Film schauen. Draussen ist es schön. Aber das widerspricht natürlich dem Markt."

Wir oft sitze ich selbst abends vor Netflix und schaue mir die Vorschaubilder an. Ist das jetzt eine gute Idee, diese Serie anzufangen, diesen Film noch zu schauen? Am Ende schaut man eine halbe Folge einer mäßig spannenden Serie und schläft dann ein, weil man schon so müde von der Auswahl war. Zeitverschwendung durch zu viele Empfehlungsalgorithmen?

Netflix hat 125 Millionen User. Zusammen spielen sie eine Milliarde Stunden Filme und Serien pro Woche ab. Ob sie dabei wach waren, ist statistisch nicht erfasst.

Klar, wie Jonas Geißler betonte, organisieren wir unsere Zeit immer mehr über das Smartphone. Und immer mehr versucht es dabei, automatisch zu helfen. Die künstliche Assistenten überblicken den Kalender, wissen wie wir nach Hause fahren müssen, um möglichst schnell zu sein. Das hat sicher viele Vorteile. Wartezeiten verkürzen, Wege schneller finden, Zeitwohlstand gewinnen. Es ist alles flexibel geworden. Filme laufen nicht mehr um 20.15 Uhr, sondern dann, wann wir wollen. Wir kommen nicht mehr pünktlich oder unpünktltich, wir kündigen uns an.

Wenn Max sich verabredet...

Jorck: "Und dann eben der Punkt der Flexibilität, dieser Unverbindlichkeit die die Digitalisierung eben auch zulässt. Das ist mittlerweile ja auch absolut anerkannt, dieses fünf Minuten vorher abzusagen, weil man eben auch absagen kann, den andern noch erreichen kann."

Der Schweizer Autor und Kolumnist Linus Reichlin schrieb im Magazin "Reportagen" vom Mai 2018 über die Smartphone-Nutzung seines Sohns Max. Es klingt etwas überspitzt, aber mal ehrlich, jeder findet sich darin etwas wieder.

Zitat Reportage: "Es genügt nicht, den Tag, den Ort und die Zeit eines Treffens festzulegen, denn Max lebt in einer zusätzlichen Dimension, die den Gesetzen der Quantenmechanik gehorcht: Hier ist alles bis zuletzt pure Möglichkeit. Es ist möglich, dass Max am Dienstag, 12 Uhr, ins Restaurant Chopstick kommt, aber man muss diesen Prozess der Verwirklichung einer Möglichkeit in Gang halten, indem man ihm am Tag vorher eine SMS schreibt: ‚Treffen morgen immer noch okay?‘ Schreibt er zurück ‚O. k.‘, bedeutet das nur, dass er jetzt vorhat, morgen zu kommen. Es kann aber jederzeit etwas dazwischenkommen. Also muss man ihm am nächsten Tag um 10 Uhr schreiben: "Sehe dich in zwei Stunden, freue mich!" Schreibt er "O. k.", weiss man: Er wird kommen. Schreibt er nichts, weiss man: Um 11 Uhr wird er schreiben, dass er a) erst um 13 Uhr kommen kann oder b) gar nicht."

Transitsituationen haben sich zu Kommunikationsmomenten verändert. Vor allem im Übergang verbinden wir uns. Planen, sich ankündigen, absagen. Wer eine S-Bahn betritt, sitzt mit zwanzig anderen schweigenden Menschen im Waggon, die sich aber unterhalten. Schönes Spiel im Zug immer: Die Sekunden zählen bis die Reisenden ihre Smartphones zücken, nachdem eine Verspätung durchgesagt wurde…

Früher waren Reisen anders. Etwas, wo zwar Raum überwunden wurde, damit aber auch eine Zeit verlassen wurde: die Zeit der Zurückgebliebenen. Und die Zeit der Wartenden am anderen Ende der Strecke, die hatte man noch nicht erreicht. Kommunikations-raum-zeit-frei, um den Begriff hier kurz zu erfinden, sind heute fast nur noch Flugzeuge ohne W-Lan, manche Schiffe auf dem offenen Meer und Regionalzüge in der Provinz. Aber auch das wird sich in ein paar Jahren erledigt haben.

Wenn man ankommt, hat man von der Reise meist schon erzählt. Zufälle oder Überraschungen, wenn Ort und Zeit ständig geteilt werden, scheinen zu verschwinden.

Edelman: "Eine der Probleme mit Smartphones ist, dass durch sie die Linie verwischt zwischen Einsamkeit und Geselligkeit. Zu einem Teil ist das schon unter US-amerikanischen Teenagern zu merken. Sie verbringen weniger Zeit mit ihren Freunden analog, weil sie sich von Zuhause über Messenger schreiben. Es fühlt sich an, als würde dadurch Entdeckungen, Überraschungen und Zufälle verloren gehen. Ein Empfehlungsalgorithmus könnte natürlich durchaus dagegen steuern und sagen: Los, trefft euch, erlebt Abenteuer zusammen während ihr euch die Welt gemeinsam anschaut. Die tiefe Frage für mich ist: Wie wollen Menschen ihr Leben verbringen und was zeigt ihnen Technologie?"

Abhängen im Snapchat

Junge Menschen würden jetzt zu Recht argumentieren, dass sie durchaus Zeit mit ihren Freunden verbringen, in Chats, Karaoke-Apps, Snapchat, dass sie kreativ sind. Deutlich ist aber eine Verdichtung. Tatsächlich ist es sozial wesentlich einfacher gleichzeitig mit vielen Freunden digital verbunden zu sein und mit ihnen zu kommunizieren, wenn man alleine in seinem Zimmer sitzt. Wenn man bei einem analogen Treffen auch den digitalen Gesprächen ausgewogen und zeitparallel gerecht werden möchte, entstehen schnell soziale Spannungen. Sie können ja gerne mal ausprobieren, ob sie mir noch weiter zuhören, wenn sie jetzt auf die letzte Nachricht auf ihrem Telefon antworten.

Zeitforscher sprechen davon, dass wir immer mehr Handlungsepisoden pro Zeiteinheit haben. Dadurch, dass die Geschwindigkeit der Informationsübertragung quasi an ihren physikalischen Endpunkt angelangt ist, entsteht jetzt eben eine Komprimierung. Das Digitale fordert mehr Aktionen, mehr Aufmerksamkeit in der aber gleich gebliebenen verfügbaren Zeit.

Zitat "The Economist/Magazin 1843" - Of Mice an Men:

"Finger springen wie beim Stepptanz auf Keyboards und quälen Plastikmäuse. Die Skills von Cyber Athleten werden in der Anzahl ihrer Aktionen pro Minute gemessen: Die Top Spieler liegen durchschnittliche bei zehn Inputs pro Sekunde."

Ich weiß nicht genau, wie viele Wörter pro Minute ich auf meinem Bildschirm tippen kann, aber es sind viele. Wie E-Sportler meistern wir alle die ständige Flut in Messengern, E-Mails und Push-Nachrichten. Dabei liefern uns die Apps direkt den Zeitdruck mit. WhatsApp, Telegram, Facebook, sie alle haben als Standardeinstellung ein Feature, dass anzeigt ob eine Nachricht gelesen wurde. Ein digitaler Staffelstab oder wie Fangen spielen: "Du bist dran!".

Loh: "Wenn wir bei Whatsapp sehen, dass die Person, der ich die Nachricht geschrieben habe, sie gelesen hat, aber dann nicht antwortet, dadurch dass man es sieht, entsteht ein gewisser Erwartungshorizont, gewisse Erwartungshaltung. Und ich finde es sehr irritierend, wenn die nicht sofort erfüllt wird. Und ich fühle mich umgekehrt, eben als jemand der die Nachricht bekommt und sie dann liest, gleichzeitig diesem Druck ausgesetzt, dass jetzt etwas von mir erwartet wird."

Wir glauben der Technik

Neben dem Gelesen-Feature zeigen uns Apps ebenso an, wann jemand das letzte Mal aktiv war oder es gerade ist. Auch immer schön, diese obligatorischen Beziehungsstreitigkeiten - "du warst aber gestern noch lange wach, wem hast du denn da geschrieben". Aber diese beiden Funktionen zeigen neben ihrer kontrollierenden Funktion noch etwas anderes: Wir glauben der Technik.

Nash Trust the machine: "Geräte und Software haben Fehler, sie glitschen oder frieren ein. Und dann wird angezeigt, dass du online bist, bist du aber nicht. Ich habe Freunde, die hatten intensive Gespräche über Messenger und plötzlich brach das Gespräch ab und eine Seite dachte, sie wurde absichtlich ignoriert, immerhin sagte die App ja, die Person ist online und hat die Nachrichten gelesen. Und dann plötzlich geht das Gespräch weiter mit der Entschuldigung, dass es einen Telefonfehler gab. Eine Menge Leute vertrauen dem System mehr, als der Person. Wo ist da die Grenze?"

Der Programmierer und Teilzeitmedienkünstler Iain Nash hat zusammen mit seinem Kollegen Anastasis Germanidis ein Programm als Metapher für dieses Technikvertrauen entwickelt: Godotify.  Auf den PC heruntergeladen, logge ich mich über das Programm bei Facebook an. Wenn jetzt jemand eine Messenger-Nachricht an mich schreibt, dann werden dem Absender ständig die hüpfenden Punkte angezeigt, die den Anschein erwecken, ich würde gerade schreiben. Mache ich aber nicht. Dafür kann ich bei Godotify in der App sehen, wie lange die Menschen den Punkten vertrauen und auf meine Antwort warten. Perfide, zynisch, brilliant.

Germanidis: "Wir waren bei der Veranstaltung Stupid Hackathon, wo einen Tag Apps entwickelt werden, die eigentlich niemand braucht. Wir wollten was mit Messengern machen, einen Bot oder so. Dann hat Iain gesagt, es wäre sehr einfach auf den Code zuzugreifen, der den Indikator auslöst, dass jemand schreibt. Also haben wir Godotify gebaut, eigentlich um unsere Freunde zu ärgern."

Loh: "Eigentlich ist ja nichts unverfügbarer als ein anderes menschliches Wesen. Eigentlich kann ich ja nichts auf der Welt weniger beeinflussen, als die Zueignung oder Abneigung eines anderen Menschen. Selbst wenn ich versuche, das zu tun, also besonders freundlich bin, in der Hoffnung, dass mein Gegenüber auch freundlich ist, dann hält den ja nichts davon ab anders zu reagieren. Und die ganzen Kommunikationstechnologien ermöglichen eben die Illusion einer solchen Kontrolle und Verfügbarmachung."

Die ständige Verfügbarkeit

Es ist offenbar so: Wir machen uns ständig verfügbar und stehen deswegen für Konsum bereit. Sie haben vermutlich, genau wie ich, schon wieder eine Nachricht auf dem Telefon. Vielleicht von Facebook? Instagram? Geben Sie dem Impuls nach und schauen jetzt nach - was möchte die App? -, verpassen Sie eine Meinung von Gerrit von Jorck.

"Man spricht da von diesem Prosumententum. Also, je mehr Zeit ich auf Facebook verbringe oder generell in den sozialen Medien, umso mehr Daten werden über mich gesammelt, desto effektiver kann Big Data ausgewertet werden, umso besser kann wieder personalisierte Werbung für weiteren Konsum ausgespielt werden."

Wir geben ständig unser Verhalten preis, ständig produzieren wir Daten. Mit wem bin ich wann wo. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Dadurch entwickelt sich ein weiteres Zeitphänomen, dass der Philosoph Armen Avanessian "Präemptionsphänomen" nennt. In einem Interview im Magazin Brand Eins zum Thema Geduld, sagte er:

Zitat Avanessia Brand Eins:
"Ich bin gegen dieses ständige Wiederholen des Beschleunigungsparadigmas, denn das, was wir erleben, ist keine Beschleunigung mehr. Phänomene wie "just in time" Produktion oder "Just in Time" Delivery scheinen mir noch im 20. Jahrhundert verankert zu sein. Womit wir es im 21. Jahrhundert verstärkt zu tun haben werden, ist eher eine Verkehrung der Zeit. Eine Drehung oder, um es bildlich auszudrücken, quasi eine Richtungsänderung der Zeit."

Auf mikroskopischer Ebene ist es den Gesetzen der Physik egal, in welche Richtung Zeit läuft. Für uns zeigt der Zeitpfeil aber nur in eine Richtung. In die Zukunft. Albert Einstein sagte einmal: "Es ist schon seltsam, dass wir uns bei den herkömmlichen drei Raumdimensionen in jede beliebige Richtung bewegen können. In der Zeitdimension lediglich jedoch in einer." Jetzt also eine Richtungsänderung der Zeit?

Die Zukunft wird Teil der Gegenwart. Durch Algorithmen.

Bekannt ist beispielsweise das Predictive Policing, wobei die Polizei versucht über Datenanalysen herauszufinden, wer, wo und wann in naher Zukunft ein Verbrechen begehen wird. Sogar über präventive Verhaftungen wird in Österreich bereits diskutiert.

Jede Minute 300 Stunden neue YouTube-Videos

Anfang 2018 ist ein internes Strategiepapier von Facebook veröffentlich worden. Dort steht, dass sie mit künstlicher Intelligenz die zukünftigen Handlungen ihrer User vorhersagen werden können. Werbekunden wissen dann, was Menschen in Zukunft interessant finden. Lange bevor sie es selbst wissen. Eine Art Derivatehandel für personalisierte Werbung.

Und auch die Vergangenheit nimmt immer mehr Einfluss auf die Gegenwart.

Loh: "Viele der modernen Kommunikationstechnologien machen verfügbar, was vorher unverfügbar war. Und da natürlich auch Erinnerungen. Erinnerungen sind, Hannah Arendt würde sagen, sind das was wir im Echten tun, wenn wir handeln. Das verflüchtigt sich aber eben sehr schnell. Wenn die Handlung abgeschlossen ist, ist sie schon wieder in Raum und Zeit verschwunden. Das ist unglaublich instabil und ist sofort weg und kann nicht kontrolliert werden. Und durch die Speicherung von Daten und die Zugänglichkeit von Datenspeichern, werden für einen Großteil der Menschen Erinnerungen aus dem Dunkel hervorziehbar, was früher nicht einmal annähernd in diesem Maße geleistet werden konnte."

Jede Minute werden 300 Stunden Videos auf YouTube hochgeladen. 5 Milliarden davon werden täglich angeschaut. Und ein Fünftel aller Nutzer stoppen Videos nach den ersten 10 Sekunden.

Kommen wir nochmal zurück zu Laurence Scott. Er schreibt in seinem Buch "Der vierdimensionale Mensch", dass wir eine neue Art entwickeln, unsere Zeitlinien zu navigieren. Die Zeit würde sich hinter uns verdicken und vor uns verdünnen. Das sind sehr ungenaue Beschreibungen, die viel Interpretation zulassen. Aber deutlich ist: Hinter uns sammeln wir immer mehr Erinnerungen, die gegenwärtig abrufbar sind. Vor uns, die Zukunft, wird algorithmisch schon ins Jetzt einbezogen.

Ich glaube, wir brauchen kurz etwas Musik zum durchatmen.

(…)

Das Manuskript in voller Länge als pdf finden Sie hier.

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