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Freitag, 24.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2006

Das Internat als Insel der Verzweiflung

Paul Ingendaay: "Warum du mich verlassen hast"

Rezensiert von Roland Krüger

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Ingendaay bemüht sich um eine Sprache, wie sie von Jugendlichen Mitte der siebziger Jahre gesprochen wurde. (AP Archiv)
Ingendaay bemüht sich um eine Sprache, wie sie von Jugendlichen Mitte der siebziger Jahre gesprochen wurde. (AP Archiv)

Paul Ingendaay, Kultur-Korrespondent der "FAZ" in Madrid, erzählt in seinem Debütroman die Geschichte eines 15-Jährigen, der in den siebziger Jahren ein katholisches Jungeninternat besucht und das Gefühl hat, dass die Welt draußen ohne ihn stattfindet. "Warum du mich verlassen hast" ist auch die abgewandelte Geschichte der eigenen Jugend des Autors in einem Jungeninternat am Niederrhein.

Deutschland in den siebziger Jahren. Marko Theunissen, fünfzehn, besucht schon seit fünf Jahren ein katholisches Jungeninternat. Das neue Schuljahr, von dem er rückblickend erzählt, soll sein letztes sein.

Markos kleiner Bruder Robert wird ebenfalls auf das Internat geschickt, und Marko fühlt sich verantwortlich für ihn. Dabei ist er längst noch nicht reif, eine solche Verantwortung zu übernehmen - an der Schwelle zum Erwachsenen steht Marko ja gerade selbst.
Den furchtbar eintönigen Tages- und Wochenablauf durchbrechen Marko und seine drei Freunde Motte, Onni und Tilo durch schüchterne Versuche, Mädchen kennen zu lernen. Durch erste Erfahrungen mit Alkohol und Zigaretten versuchen sie, sich gegen die strenge Anstaltsordnung aufzulehnen.

Doch die Erzieher am Internat dulden es nicht, wenn Regeln gebrochen werden und verhängen harte Strafen. Nur einer von ihnen, Bruder Gregor, zeigt sich von einer anderen, seiner persönlichen Seite. Er führt nächtliche, philosophische Gespräche mit Marko, vor allem über Literatur, nachdem er bemerkt hat, wie sehr Bücher Marko in ihren Bann ziehen.

Besonders Daniel Defoes Held Robinson Crusoe hat es Marko angetan. Die Figur des Schiffbrüchigen, weitab jeder Zivilisation, der vollkommen auf sich selbst gestellt ist, nimmt sich der Fünfzehnjährige zum Vorbild. Er zitiert aus dem Buch und passt diverse Passagen scheinbar an sein eigenes Leben an. Dabei stellt er fest, dass Menschen immer wieder mit den gleichen Fragen konfrontiert werden.

Als Markos Eltern ihm viel zu spät ihren längst gefassten Entschluss offenbaren, sich scheiden zu lassen, fühlt er sich verraten und einsamer als Robinson Crusoe. Und es passieren weitere Dinge, die ihn verstören: Die nächtlichen Gespräche lässt Bruder Gregor abrupt abbrechen, schließlich erhängt sich der Geistliche, und Marko wird, nachdem er auf das geheimnisumwitterte "Buch der Ordnungen" gestoßen ist, das ihm Antworten über Bruder Gregor gibt, von der Schule verwiesen. Die Schulleitung will den Selbstmord lieber vertuschen.

Der Roman ist in der Ich-Form verfasst, und er enthält glänzende Dialoge. Ingendaay bemüht sich um eine Sprache, wie sie von Jugendlichen Mitte der siebziger Jahre gesprochen wurde. Die Lektüre wird mit dem Genuss feinsinnig-hintergründiger Sprachspiele belohnt, manchmal auch mit herrlichem Sarkasmus, und manche Bezeichnungen sind derart treffend, dass man im Lesen kurz innehält, weil man sich die Worte noch einmal auf der Zunge zergehen lassen möchte.

Dass nicht ganz klar wird, wie der Roman angelegt ist, ob als Bildungs-, Adoleszenz-, Schelmen- oder – wenn man an die Parallelen zu Robinson Crusoe denkt – als Abenteuer-Roman, tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch.

Bemerkenswert ist die Zitierweise. Aus guten Gründen – und das thematisiert Paul Ingendaay in seiner Nachbemerkung – werden wörtliche Zitate aus Defoes Robinson Crusoe nicht ausgewiesen. So gelingt es dem Autor, seinen Helden Marko mit dem Schiffbrüchigen eins werden zu lassen. Ironischerweise warten beide auf Freitag, für Marko der Tag, der die strengen, katholischen Collegiumsregeln zumindest etwas brüchig werden lässt, denn das Wochenende macht auch vor den Mauern des Jungeninternats nicht Halt. Robinson nannte seine Insel "Island of despair", und so bezeichnet Marko das Schulgebäude ebenfalls als "Insel der Verzweiflung".

Paul Ingendaay wurde 1961 in Köln geboren und lebt heute als Kultur-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Madrid. "Warum du mich verlassen hast" ist sein erster Roman. Beinahe 28 Jahre lang, lässt Ingendaay auf seiner Website wissen, habe er den Romanentwurf mit sich herumgetragen und gehadert, ob er, der Literaturkritiker, ihn wirklich niederschreiben solle.

Im vergangenen Sommer schließlich sind es in einem Rutsch gut 500 Seiten geworden, länger hätte der Autor wohl auch nicht mehr warten dürfen, denn die erzählte Geschichte ist – natürlich abgewandelt – auch die Geschichte seiner eigenen Jugend. Ingendaay war selbst Schüler eines Jungeninternats am Niederrhein, dicht an der Grenze zu Holland, und sicherlich hat er sich selbst dort erste philosophische Gedanken über die Welt der Erwachsenen gemacht.

Ingendaay allerdings ging nicht – wie sein Romanheld – vorzeitig von der Schule ab; auf das Abitur folgten Studium und Promotion. In einem Aufsatz "Vom langsamen Entstehen eines Romans" vergleicht der Autor den Reifungsprozess, den ein Mensch auf dem Weg vom Jugendlichen zum Erwachsenen durchmacht, mit dem Entstehen eines Romans: von der Idee zum gedruckten Buch.
1997 erhielt Ingendaay den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2002 veröffentlichte er eine "Gebrauchsanweisung für Spanien", und er ist Mitherausgeber der Patricia-Highsmith-Werkausgabe.

"Warum du mich verlassen hast" war in diesem Frühjahr nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse – zu Recht! – unterlag jedoch Ilija Trojanows "Der Weltensammler".

Es gibt durchaus eine Schwäche bei Ingendaays Roman, und das ist dessen Länge. Dreihundert Seiten hätten es auch getan. Man wird den Eindruck nicht los, der Autor war nach der langjährigen "Schwangerschaft" mit dem Buch einfach nicht mehr in der Lage, gewisse Details und auch Wiederholungen wegzulassen. Dass ein katholisches Jungeninternat eine furchtbar öde Angelegenheit für einen Heranwachsenden sein muss, der den ersten echten Kuss eines Mädchens herbeisehnt, und der glaubt, die Welt finde gerade jetzt, ohne ihn, außerhalb der Internatsmauern statt, das hätte man kürzer ausdrücken können.

Auch die Parallelen zu Robinson Crusoe hätten die Leser entdeckt, wenn es einige weniger gewesen wären. Und wir hätten Ingendaay auch dann geglaubt, dass er Seneca gelesen hat oder Salinger und Hebbel und Kierkegaard, um zu wissen, wie wichtig im Leben der Zweifel ist, wenn er die Beweise dafür etwas dünner gesät hätte.

Aber ein gutes Buch wegzulegen, weil es ein paar Längen hat, wäre bei Paul Ingendaays Debütroman "Warum du mich verlassen hast" grundverkehrt. Man würde im wahrsten Sinne viel versäumen.

Paul Ingendaay: Warum du mich verlassen hast
Roman, SchirmerGraf Verlag
München, 512 Seiten, 24,80 Euro

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