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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.07.2016

Das große Schwimmbäder-SterbenVom Sportbecken zur Kultur-Location

Von Azadê Peşmen

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Kinder spielen am 20.05.2014 im Freibad Prinzenbad in Berlin unter pilzförmigen Brunnen. (picture alliance / dpa /  Hauke-Christian Dittrich)
Kinder spielen im Freibad Prinzenbad in Berlin. Viele anderen Kommunen und Städte dagegen können sich keine Schwimmbäder mehr leisten. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Innerhalb von nur acht Jahren wurden in Deutschland 371 Schwimmbäder geschlossen. Andere werden in Spaßbäder umgewidmet, wer sportlich schwimmen möchte, hat Pech. Und: Wegen des Bäder-Schwunds lernen auch immer weniger Kinder Schwimmen.

Sommer, Sonne Freibad: im Becken planschende Kinder,  Eltern, die sie mit Argusaugen dabei beobachten und Bademeister, die am Beckenrand prüfen, ob alle Regeln eingehalten werden. In den meisten Bundesländern haben die Sommerferien bereits begonnen, und bei steigenden Temperaturen zieht es viele ins Freibad.

Selbstverständlich ist das allerdings nicht. Freibäder und auch Hallenbäder zu betreiben, gehört zu den freiwilligen Aufgaben einer Kommune. Und es sind genau diese freiwilligen Aufgaben, die hinten runter fallen, wenn Kommunen knapp bei Kasse sind. Gerade in ländlichen Regionen macht sich das bemerkbar, wenn dort ein Schwimmbad schließt gibt es für die Bewohner häufig weniger Ausweichmöglichkeiten, als in der Stadt.

Die Kommunen sagen: Wir haben kein Geld

Achim Wiese, Sprecher der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft DLRG findet, dass sich die Kommunen es sehr einfach machen:

"Die Gründe für das Bädersterben sind eindeutig, zumindest wird das von den Kommunen immer so gesagt: Wir haben kein Geld. Punkt. Das nehmen wir natürlich so nicht hin und akzeptieren diese Begründung auch nicht. Denn wir als DLRG sagen ganz deutlich: Wenn ich zum Beispiel als Häuslebauer einen Kredit aufnehme, dann wird gesagt: Sorge dafür, dass du genug Geld in dreißig Jahren beispielsweise für ein neues Fenster, neues Dach neuen Heizkörper hast."

Der DLRG zufolge sind zwischen 2007 und 2015 in Deutschland 371 Bäder geschlossen worden. Weitere 670 sind akut von der Schließung bedroht. Es werden zwar auch neue Bäder gebaut, allerdings sind es oft Kombibäder, bei denen "Spaßbad" im Programm steht. Das nimmt allerdings Sportlern die Möglichkeit zu schwimmen.

"…weil im Spaßbad, da ist es nicht mehr möglich, weil da eben ‚Juhu‘ und ‚Freude‘ im Vordergrund stehen. Für die echten Leistungsschwimmer, was sie jetzt meinen, ist da überhaupt kein Platz mehr. Also, die, die wirklich Bahnen schwimmen müssen, um vernünftige Zeiten zu trainieren. Die Möglichkeit besteht dann nicht. 

Street-Art statt Schwimmbad

Das hat zur Folge, dass auch immer weniger Kinder schwimmen lernen. Eigentlich ist das im Lehrplan vorgesehen. In der 3. und 4. Klasse ist das ein fester Bestandteil des Sportunterrichts. Jedoch findet der immer seltener statt. Der DLRG zufolge haben aufgrund der Bäderschließungen ein Viertel der Schulen keinen Zugang zu einem Schwimmbad.

Der Palazzo Veneziano verbindet das Haupgebäude mit dem alten Saunabereichs, aufgenommen am Samstag (17.07. 2010) in der ThermeErding in Oberbayern. (picture alliance / dpa / Ursula Düren)Immer mehr klassische Schimmbäder mit Sportbecken werden zu "Spaßbädern" - hier die ThermeErding in Oberbayern. (picture alliance / dpa / Ursula Düren) 

Was passiert aber mit den Bädern die geschlossen werden? Kunst, Musik, Design, Urban- sowie Street-Art und ein Café mit ausgewählten Speisen und Getränken – das "Stattbad" war nicht nur eine einzigartige Location, sondern internationaler Ort des interdisziplinären Dialogs zwischen den verschiedenen Formen zeitgenössischer Kultur. Aus dem Berliner Stadtbad  im Bezirk Wedding wurde das Stattbad – mit doppel "t". Ein kulturelles Zentrum mit vielen verschiedenen Veranstaltungen. Dass Künstler sich alter Bauwerke annehmen, dort leben, arbeiten und feiern, ist in Großstädten auf der ganzen Welt nichts Neues – hilft aber den Schwimmern nicht weiter.

Aber es geht auch anders:

"Herzlich willkommen, schön, dass sie sich die Zeit genommen haben. Mein Name ist Hans Dieter Jaeschke, meiner Frau und mir gehört das Oderberger Stadtbad."

Ockerfarbene Ballustraden und aufwendig gestaltete Fresken umrahmen das Schwimmbecken. Das sieht man allerdings nicht. Es verbirgt sich unter dem hellblauen, täuschend echt aussehenden Fliesenboden, auf dem die Besucher stehen. Das Stadtbad in der Oderberger Straße ist sowohl Veranstaltungsort, als auch eine Schwimmhalle. Einmal pro Woche lädt der Besitzer Hans-Dieter Jaeschke zu einer Führung ein und erklärt, dass er fast alles so belassen hat wie es war. Das denkmalgeschützte Gebäude hat er für 18 Millionen Euro saniert.

Der Clou des Projektes ist der Hub-Boden, den er in das Schwimmbecken hat einbauen lassen. Er macht aus dem Schwimmbecken bei Bedarf einen ebenerdigen Boden und das ohne das jedes mal das teure Wasser abgelassen werden muss.

"Sie drücken hinten auf einen Knopf, die Luken gehen auf, und wenn die Luken hochgefahren sind, offen sind, die klappen sich so hoch, dann geht der Boden automatisch runter und dadurch das der Boden runter geht, drückt der das Wasser zusammen und das Wasser quillt dann durch diese Luken  nach oben. Und dann bleibt der Boden bei 1, 35 m stehen. Das ist die normale Tiefe eines Hotel -Schwimmbades."

Aus Duschkabinen wurden Hotelzimmer 

Die Duschkabinen, die sich im Stockwerk höher befinden, wurden aber größtenteils so belassen. Das war auch eine der vielen Auflagen des Denkmalschutzes. Einige Zugeständnisse wurden dem Ehepaar Jaeschke aber trotzdem gemacht. So durften sie zum Beispiel einzelne Duschkabinen zusammenlegen. Daraus sind Hotelzimmer entstanden, aber auch ein paar Seminarräume, in denen heute Schüler aus aller Welt Deutsch lernen.

Wer hier nicht nur wohnen will sondern – wie gewohnt – auch schwimmen möchte, muss sich aber noch ein wenig gedulden: Das Stadtbad geht im Herbst diesen Jahres in Betrieb und ist nicht nur für Hotelgäste zugänglich, sondern auch für die Öffentlichkeit. Allerdings ist es in der Oderbergerstraße nicht die Kommune, die das Bad betreibt, sondern ein privater Investor. Das geschieht bundesweit immer häufiger. Eine Entwicklung die die DLRG, die auch eigene Schwimmbäder betreibt, kritisch sieht. Achim Wiese von der DLRG:

"Wir sind ein gemeinnütziger Verein und wir können nicht als Ziel haben ein Schwimmbad zu übernehmen, denn da stehen auch wirtschaftliche Faktoren dahinter und und und. Da will die DLRG gar nichts mit zutun haben. Das ist sozusagen die letzte Konsequenz. Das ist aber nicht das, was wir eigentlich wollen, sondern da hat die Kommune die Verantwortung und die soll sie gefälligst auch übernehmen."

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