Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Sonntag, 20.05.2018
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 21.03.2008

Das geht mir am Popo vorbei...

Diesmal geht es um die Redensarten: Etwas geht mir am Popo vorbei, Mein Name ist Hase, Auf den Hund kommen, Schindluder mit jemandem treiben, Da wird der Hund in der Pfanne verrückt, Aus dem Mustopf zu kommen, Mein Freund und Kupferstecher, Pustekuchen u.a .

Etwas geht mir am Popo/Arsch vorbei

Interessanterweise erleben Wörter unvermutete Karrieren, so dass das ein vor zweihundert Jahren ganz ehrerbietig verwendetes "Weib" oder ein "Fräulein" heute zu Schimpf- oder Tabuwörtern werden konnten. Mit dem "Arsch" ging es ähnlich. Zwar gehört er zu den meistverwendeten Begriffen, doch in der Hochsprache vermeidet man ihn in aller Regel. Bis in die Goethezeit hinein fand niemand etwas dabei, das gute deutsche Wort zu verwenden oder gar durch den kindlich verdoppelnden "Popo", der von dem lateinischen "podex" herrührt, zu ersetzen. Deshalb plädiere ich für eine Renaissance des deutlichen Sprachgebrauchs, auch in der Hochsprache. Soviel Einleitung darf wohl sein, wenn eine Hörerin fragt, warum einem etwas "am Popo vorbeigeht". In diesem Fall ist einem eine Sache so unbedeutend, dass sie nicht einmal würdig ist, den Arsch zu bemühen, indem man darauf schisse, nein, sie geht einem dran vorbei als das Unwichtigste überhaupt. Wie heißt es heute gerne: "Dich ignorier ich doch nicht einmal!"

Mein Name ist Hase (ich weiß von nichts)

Manchmal stehen hinter Sprichwörtern und Redewendungen Namenspatrone, deren Charakter oder Handlungen sie bedingten. Wenn wir heute mit dem Halbsatz oder Ganzsatz Unwissenheit vorgeben, ehren wir - meist unbewusst - eine mutige Tat: Kein Hasenfuß war Mitte des 19. Jahrhunderts der Heidelberger Student Viktor Hase. Das Wintersemester 1854/55 ging dem Ende entgegen, als ein fremder Student auf der Flucht in Heidelberg eintraf. Er hatte im Duell seinen Gegner erschossen und suchte eine Möglichkeit, über die Grenze nach Straßburg zu gelangen.

Hase lieh ihm, was streng verboten war, seine "Studentenlegitimationskarte". Die genügte dem Flüchtling als Pass, um nach Frankreich zu kommen, wo der falsche Hase die Karte fortwarf. Doch sie wurde gefunden und erregte Verdacht. Die französischen Behörden schickten sie deshalb an das Universitätsgericht in Heidelberg, das wiederum Hase vorlud. Der ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und ergriff nicht das Hasenpanier. Als angehender Jurist wusste er, dass er sich nicht selbst belasten und nur auf die Frage nach seinem Namen antworten musste. Also sagte er vor dem Gericht: "Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts!" Da man ihm nichts nachweisen konnte, verließ er das Gericht als freier Mann. Seine mutige Tat und seine Kaltblütigkeit - schließlich hatte er seinem Kommilitonen geholfen, dem Gericht nur das Nötigste gesagt - machten Hase zum Helden und seinen forschen Spruch zum geflügelten Wort, das von den Studenten in ganz Deutschland verbreitet wurde.

Auf den Hund kommen

Mindestens drei schöne Geschichten existieren zur Erklärung der beliebten Redewendung. Die erste erzählt von alten Getreidetruhen, auf deren Boden als Schmuck ein Hund eingeschnitzt gewesen. Ging das Korn aus, trat der Hund zutage und man litt offensichtlich unter Armut. Die zweite erzählt von alten Fuhrwerken, die zu transportieren halfen. Wohlhabende und Durchschnittsverdiener spannten Ochsen oder Pferde davor, wer aber wenig Geld besaß, nahm den besten Freund des Menschen und ließ ihn den Karren aus dem Dreck oder überhaupt ziehen. So jemand war vom üblichen Zugvieh auf den Hund gekommen. Die dritte erzählt von der alten Rechtspraxis, dass Verurteilte einen Hund als Zeichen ihrer Strafe zu tragen hatten. Sie zeigte unmissverständlich und für jeden erkennbar, dass dieser Mensch einem Hunde gleich zu behandeln sei, den jedermann verjagen, ja erschlagen dürfe. Und da alle guten Dinge drei sind, stimmt die letzte Erklärung, die von den auch in Sachen der Rechtsgeschichte sehr beschlagenen Brüdern Grimm herausgefunden wurde.

Schindluder mit jemandem/etwas treiben

Ein übles Schimpfwort ist "Schindluder" schon für sich, und in der Wendung bezeichnet man damit, das jemand einem übel mitspielt oder man Besitz oder Fähigkeiten verludern lässt, leichtsinnig riskiert. Das Wort "Schinder" kennt man vielleicht noch von dem Namen des berühmten Räubers "Schinderhannes"; der hieß Johannes, kurz Hannes, und arbeitete beim Schinder. Der hatte die Aufgabe, krankes, nicht für den Verzehr zu gebrauchendem Vieh die Haut abzuziehen. Die Tätigkeit bezeichnete man dementsprechend als "schinden", dessen Partizipform "geschunden" heute noch ab und zu begegnet. "Luder" kennt man als Schimpfwort für leichte Mädchen, unanständige, verachtenswerte Frauenspersonen; damit hängt der Ausdruck "Lude" für den Zuhälter zusammen. Das Wort "Schindluder" diente als Fachbegriff für Vieh, das zum Schinder musste, weil es schlimm erkrankt war oder schon tot, also nicht mehr zur Fleischbank kommen durfte. "Luder" allein bezeichnete das Fleisch des Tieres, das zum Schinder gekommen war und als Köder bei Jägern beliebt war.

Wenn jemand mit etwas oder jemandem Schindluder treibt, dann behandelt er jemanden oder etwas mit der gleichen, hier aber als unangemessen beurteilten Missachtung, mit der man das todkranke oder tote Vieh behandelte. "Treiben" bedeutet hier soviel wie "spielen".

Da wird der Hund in der Pfanne verrückt

Eigentlich ist der Ausdruck nur eine Steigerung der üblichen Redensart "das ist ja zum Verrücktwerden", wenn etwas schier Unglaubliches geschehen ist. Doch gibt es für den Ausruf eine literarische Vorlage, nämlich das beliebte Volksbuch von Till Eulenspiegel. Es erschien 1515 und beschreibt in der "46. Historia" einen Streich, den Eulenspiegel einem Brauer in Einbek spielt. Der fordert Eulenspiegel auf, einen neuen Biersud anzusetzen, wobei er besonders sorgfältig Hopfen sieden solle. Seltsamerweise - und damit die Geschichte möglich wird - hat der Brauer einen Hund mit Namen "Hopf". Eulenspiegel, der ja alles möglichst wörtlich nimmt, packt ihn und wirft ihn in die Braupfanne; schließlich lautet die alte Akkusativform für das bittere Braugewürz und den Hundenamen gleich: Hopfen. So krepiert der arme Hopf unter verrückten Zuckungen in der heißen Braupfanne. Er überlebt aber als Redensart bis heute.

Da hängt der Haussegen schief

Ehestreit und Paargroll kann man kaum netter bezeichnen, denn man lässt offen, wer Schuld hat und wie schlimm es um den häuslichen Frieden steht. Der Haussegen gehörte über Jahrhunderte zu den wichtigen Ausstattungsstücken eines Hauses, wurde oft an Wände geschrieben, in Balken geschnitzt oder aber in gedruckter Form aufgehängt. In dieser letzten Variante konnte er zum Symbol für die ganze Atmosphäre und für die Stimmung der Bewohner im Haus werden. Es ist außerdem klar, dass alles Gerade positiv, alles Schiefe und Krumme negativ bewertet wurde. Ein gerader Segen steht also für Friede, Freude, Eierkuchen, ein schiefer für Streit, Zwist, Zank, als ob der nicht mehr senkrecht hängende Segensspruch seine Kraft verloren hätte oder durch die Auseinandersetzung aus dem Lot gebracht wurde.

Für jüdische Haushalte könnte das Gegenteil gelten, denn dort muss die "Mesusah" oder "Mezuzah" aus dem Lot sein. In einem Behälter befinden Gottesworte auf Pergament geschrieben, denn in der Bibel heißt es an verschiedenen Stellen, die Juden sollten die Worte des Herrn auf die Pfosten ihrer Türen schreiben. Die Behälter hängen deshalb schräg, weil sich die Rabbiner nicht darauf einigen konnten, welche Lehrmeinung richtig sei, die, welche eine senkrechte Anbringung vorschrieb, oder die, welche eine waagrechte dekretierte. In einer Art salomonischem Urteil entschloss man sich zur 45-Grad-Lösung. Dass dieses - sehr oft unauffällige - Behältnis an und in jüdischen Häusern den doch so umstandslos zu erklärenden Spruch beeinflusst haben sollte, ist ausgeschlossen. Interessant wäre dennoch, ob es in jüdischen Kreisen den Ausdruck "bei denen hängt die Mesusah grade" gibt, um Streit zu bezeichnen.

Jemandem drei Kreuze wünschen/hinterherwerfen/hinter jemandem drei Kreuze machen

Das Schlagen des Kreuzes kommt nicht nur an den vorgeschriebenen Stellen der Messe vor, es begleitete früher und mancherorts noch heute allerlei Handlungen als Segensgeste oder als Abwehrgeste. Man rief gleichsam den Segen des Kreuzes auf sich herab und wies Unglück bringende, dämonische oder böse Kräfte ab. Das Kreuzschlagen beendet aber auch eine Sache, schlägt man gleich drei, geschieht das umso entschiedener. "Hinter jemandem drei Kreuze machen" und "drei Kreuze hinterherwerfen" bedeutet also, mit ihm absolut nichts mehr zu tun haben zu wollen, wohingegen "jemandem drei Kreuze wünschen" sich auf die Leiden Christi am Kreuz bezieht. Man sagt ja auch "es ist ein Kreuz mit dem und jenem", wenn man davon gequält wird - ein wenig eben wie Christus. Die magische Zahl drei wünscht jemandem also extreme Martern an den Hals.

Es sieht aus wie in Kötzschenbroda auf dem Bahnhof

Zwei Ereignisse machten den Ort bei Radebeul bekannt. 1645 schloss man im dortigen Pfarrhaus der Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden, was für Sachsen das Ende des 30-jährigen Krieges bedeutete. 401 Jahre später besang Bully Bulahn den Ort in der deutschen Textvariante des "Chattanooga Choo-Choo", denn Kötzschenbrodas Bahnhof war der einzige im ganzen Großraum Dresden, der noch betriebsbereit war. Alle Reisenden nach Dresden mussten also dorthin, obwohl dieser Bahnhof natürlich sehr klein war im Vergleich zu den mächtigen Vorkriegsbahnhöfen Dresdens. So konnte sich ein verächtlicher Spruch zu dem doch so wichtigen kleinen Bahnhof bilden.

Aus dem Mustopf zu kommen

Wenn jemand besonders einfältig ist, begriffsstuzig, desorientiert, dann ranzt man ihn schon mal an mit einem: "Komm mal endlich aus dem Mustopf." Mus ist die einfache, nicht immer sehr ansehnliche, doch weit verbreitete und erfolgversprechende Form, in die Obst, vor allem Pflaumen und Äpfel gebracht werden, um haltbar zu werden. Dazu kocht man es zerkleinert im Mustopf ein, wodurch eine sämige, gleichförmige Masse entsteht. "Ich fühl mich ganz zermust/zermatscht" hängt damit zusammen: Aus einer Sache in Form wird formlose Masse. In der Soldatensprache bürgerte sich der Ausdruck ein "in den Mustopf greifen", womit verhüllend der Kotkübel gemeint war. Doch hat damit die Wendung "aus dem Mustopf kommen" nichts zu tun. Hier vergleicht man die Beschränkt- und Blindheit eines Menschen mit jemandem, der gleichsam im Mustopf nur gleichförmigen Brei wahrnimmt, in ihm steckt und sonst nichts sieht.

Mein Freund und Kupferstecher

Leider weiß man über die Herkunft dieser Wendung nichts. Es gab die Idee, der Dichter Friedrich Rückert, der mit einem Kupferstecher befreundet war, habe sie in die Welt gesetzt, doch ist sie älter. Als besondere Ansprechform kann sie sowohl lobend wie kritisch gemeint sein, was die Erklärung weiter erschwert.

Pustekuchen

"Jemandem etwas husten" oder "pusten", bedeutet das gleiche, nämlich ihm etwas abzuschlagen. Lehnt man also Kuchen ab, wenn man "Pustekuchen!" sagt? Wohl eher nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat das Wort nicht einmal etwas mit dem ähnlichen Ablehnungsruf "Ja, Pusteblume!" zu tun, sondern mit dem Rotwelschen. Dort gibt es das Wort "kochem", das mit dem jiddischen "chochem" verbunden ist und "klug, wissend" heißt. Daraus konnte das Volk schon einen Kuchen machen, "puse" aber heißt "leer" und "poschut" "wenig", woraus der Ausdruck "puse/poschut kochem" werden konnte, also "leer klug" oder "wenig klug", was als Ablehnung schon denkbar wäre. Und wenn man auf dem Markt beispielsweise öfters "poschut kochem" hört, kann man schon auf "Pustekuchen" kommen. Allerdings legte ich für diese recht überzeugende Deutung meine Hand nicht ins Feuer.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur