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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.01.2017

Das GeheimnisVom Aussterben bedroht?

Von Katharina Münk

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Ein Junge hält den Finger vor den Mund. (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Gibt es heute noch Geheimnisse? (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Das Geheimnis ist ein Faszinosum und durchaus ambivalent: Einerseits Schutzraum, andererseits Ort, an dem schreckliche Dinge aus- und verhandelt werden können. Freiheit versus Durchschaubarkeit, Autonomie versus Überwachung.

Das "Geheimnis" oder das, was wir darunter verstehen, ist ein Phänomen. In der Natur und in der Wissenschaft fällt mir nichts Vergleichbares ein. Denn ein Geheimnis ist nicht nur fragil und flüchtig. Es ist das Einzige, was sich bei Entdecken in Luft auflöst. Wen verwundert es, dass ein ganz eigentümlicher Reiz von ihm ausgeht. Es ist das Versprechen auf Wahrheit, Bedeutung und Sinn – Mangelware heutzutage.

Geheimnisse, um sich von der Außenwelt abzugrenzen

Lange habe ich beim Wort "Geheimnis" an meine alte Blechdose mit der Kaffeewerbung darauf gedacht, die ich als Kind mit allerlei skurrilen Kostbarkeiten und meinem Tagebuch befüllte und vor fremden Blicken geschützt an wechselnden, unzugänglichen Orten aufbewahrte. Mit ihr setzte ich Grenzen an meine Außenwelt: "Das dürft Ihr von mir wissen. Das dürft Ihr nicht von mir wissen." Ich bekam eine Ahnung von Identität, von Schutz – von Freiheit. 

Und heute? Heute denke ich beim Wort "Geheimnis" an WikiLeaks, an den US-Geheimdienst, an Hackerattacken, Hillary Clinton, Wladimir Putin und mein Kundenprofil bei Amazon. Weiter hätte ich mich nicht entfernen können von meiner alten, analogen Blechdose. Das mag damit zusammenhängen, dass ich das, was mich bewegt, nicht mehr in Dosen aufbewahre, sondern "im Kasten", also schreibenderweise in Form von Bits und Bytes im "System". Und dahin ist das exquisite Gefühl von Intimität. 

Darknet: Versteck für Kriminelle, aber auch Schutzraum

Auf meiner Kameralinse über dem Bildschirm klebt ein Post-it, damit man mich wenigstens nicht sieht beim Erzeugen von Daten, die im Grunde so transparent sind wie das Glas Wasser vor der Tastatur. Dabei blogge und twittere ich noch nicht einmal. Selbst künftige US-Präsidenten geben mehr Ad-hoc-Gedankenfetzen ins Netz. 
 
Manchmal frage ich mich, ob vielleicht auch Donald Trump seine wirklichen Geheimnisse in einem kleinen goldenen Schächtelchen mit einem großen T auf dem Deckel hinter den Edelzypressen auf einem seiner Golfplätze vergraben hat, damit er sich im Notfall selbst zu fassen kriegt. Besitzen der Papst, Ferdinand Piech oder Beate Zschäpe solche Kästchen, in die kein Mensch jemals geschaut hat? 

Hier ist der Punkt, an dem Geheimnisse uns viel abverlangen. Denn wer entscheidet eigentlich, ob ein Geheimnis schützenswert ist oder nicht? Das Internet bietet in seinen dunklen Verzweigungen Kinderschändern, Drogendealern und Waffenhändlern Unterschlupf – aber eben auch verfolgten Journalisten, Künstlern und mutigen Menschen, die in autokratischen Regimes ihre intellektuelle Freiheit nur leben können, wenn sie wissen, wie man hier verschlüsselt und ohne Identität kommunizieren kann. Sie bewegen sich im selben Darknet wie die zu Recht Verfolgten.  

Können wir uns einerseits Transparenz und Aufdeckung wünschen und sie fast im selben Atemzug verteufeln, wenn es um das geht, was für uns selbst als schützenswert und geheim aus gutem Grunde erachtet wird? Ich fürchte, das wird schwer. Wir werden mit konsequenter Überwachung, im Zweifel zugunsten der Aufdeckung,  leben müssen. Es ist schon viel zu spät. Jedes Geheimnis lässt sich hacken.

Die Ökonomie des Geheimen

Was also bleibt zu tun? Ganz einfach: Datensicherheit durch das Nichterzeugen von Daten, das Feiern von Leerstellen, von Stille, von Geheimnissen in ihrer analogsten Form. Atemholen. Klingt das altmodisch? Zurück an die Schreibmaschine, wie das im Übrigen der russische Geheimdienst bereits praktiziert? Nein, die Idee ist profan: Denn der eigentliche Reiz einer Person liegt in der Ökonomie des Wissens über sie. Kennen Sie das? Es gibt Menschen, die uns – kaum, dass wir sie sehen - mit sich selbst und ihrem Leben überschütten und uns besinnungslos quatschen oder bloggen. Und es gibt Menschen, die uns betören, denen wir eine Aura des Undurchschaubaren und der Souveränität zuschreiben - ganz einfach, weil sie erst einmal die Klappe halten. Weil sie hoffnungsvolle Bilder in unserem Kopf entstehen lassen, bevor sie ein einziges Wort gesagt oder geschrieben haben. 

Ja, man würde sich wünschen, auch Donald Trump hätte noch ein Quäntchen Aura, in dem ein Geheimnis, ein ungesagter Plan mitschwingt, der hoffen ließe. Andernfalls wird der Algorithmus greifen, der Trump anhand von Datensätzen klonen kann. Als ob ein Trump allein nicht schon reichen würde. 

Die Bestseller-Autorin Katherina Münk (GEIGER Images)Die Bestseller-Autorin Katherina Münk (GEIGER Images)Katharina Münk ist das Autorenpseudonym von Petra Balzer. Sie hat Sachbücher und Romane veröffentlicht, darunter den Bestseller "Die Insassen", eine Wirtschaftssatire sowie "Die Eisläuferin", eine Politsatire. Beide Bücher wurden inzwischen verfilmt. Petra Balzer war 25 Jahre Sekretärin auf Geschäftsführungs- und Vorstandsebene und ist heute neben ihrer Autorentätigkeit als zertifizierter Personal Coach für Fach- und Führungskräfte tätig.

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