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Dienstag, 21.11.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2009

Das erlernbare Talent

Werner Siefer: "Das Genie in mir", Campus Verlag, 2009, 270 Seiten

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Charles Darwin dient Siefer in seinem Buch als Beispiel dafür, dass Genialität nicht angeboren ist. (AP Archiv)
Charles Darwin dient Siefer in seinem Buch als Beispiel dafür, dass Genialität nicht angeboren ist. (AP Archiv)

Talent ist eine Eigenschaft, die der Mensch nicht in die Wiege gelegt bekommt, sondern die jeder erlernen kann, wenn er will. Das behauptet zumindest Werner Siefer in seinem Buch "Das Genie in mir".

Das sind Genies, das sagt sich schnell, wenn man von Menschen spricht, die Außergewöhnliches geleistet haben. Einstein, Mozart, Leonardo da Vinci - ihre Namen stehen für große, ungewöhnliche Leistungen, die weit über das Treiben ihrer Zeitgenossen hinausgegangen sind und noch Jahrzehnte nach ihrem Tod für Bewunderung sorgen. Das allein ist sicher schon besonders. Aber woher kommt diese Fähigkeit, sich im Denken und Handeln derartig von der Masse abzuheben? Ist diese Genialität angeboren? Ist das Talent, etwas Besonderes zu leisten, bereits mit der Zeugung in den Genen festgelegt? Oder sind diese Menschen vielmehr Beispiel dafür, was man mit Fleiß, Ausdauer und Dank einer anregenden Umwelt erlernen kann?

Es geht also um die Frage nach "nature or nurture", um die alte "Gene oder Umwelt Debatte". Genau in dieses seit Jahrzehnten umkämpfte Wespennest der Hirnforschung stößt Werner Siefer mit seinem neuen Buch "Das Genie in mir". Scharfsinnig und gut recherchiert räumt er mit den modernen Mythen zur Genieverehrung auf. Er zeigt nicht nur anhand der Lebensgeschichte etwa eines Mozarts, wie oft Verklärung dabei eine Rolle spielt und analysiert dezidiert, wie lange und oft Mozart am Klavier saß und übte. Der Autor unternimmt darüber hinaus einen Streifzug in die Kulturgeschichte der Genialität, hat Hirnforscher in ihren Wirkungsstätten besucht und sie zu ihren Forschungsergebnissen befragt.

Seine These lautet: Talent ist eine Eigenschaft, die der Mensch nicht in die Wiege gelegt bekommt, sondern die jeder erlernen kann, wenn er will. Letzteres macht den großen Unterschied. Der Wille muss da sein und die Ausdauer, auch bei noch so großem Widerstand an sich selbst zu glauben, überzeugt davon zu sein, dass man es schafft. Beweise dafür sind für Werner Siefer neben Charles Darwin, der lange nicht wusste, was er aus seinem Leben machen sollte und seine Eltern an den Rand der Verzweiflung trieb, Sportsgenies wie Boris Becker, Steffi Graf oder Michael Schuhmacher.

Um seine These zu belegen, erklärt der Wissenschaftsjournalist ausführlich, was heute mit Hilfe neuster Bildgebender Verfahren über die Funktionsweise des Gehirns bekannt ist. Das ist spannend zu lesen, wenngleich manches dem kundigen Leser bekannt sein dürfte. Etwa die Tatsache, dass das menschliche Gehirn enorm wandelbar ist. Es wächst ein Leben lang weiter, Neuronen werden täglich neu gebildet, neue Synapsen entstehen.

Neu hingegen ist die Erkenntnis, dass dieses Zusammenspiel vom Myelin koordiniert wird. Myelin nennt man die Leitungsbahnen umgebende Schicht, auch als weiße Masse bekannt. Forscher konnten zeigen: Je früher man mit dem Üben einer bestimmten Tätigkeit beginnt, umso dicker war anschließend die Myelinschicht. Das konnte man vor allem bei Kindern beobachten, aber auch noch im hohen Alter ist das Gehirn erneuerbar. Rätselraten oder Sudoku lösen, sich viel und regelmäßig bewegen, all das kann die Denkfähigkeit und die Leistung des Gedächtnisses erhöhen und einen möglichen Abbau verzögern. Dabei liegt es an jedem Einzelnen, wie und was er lernen will.

Doch erst das permanente Training mit entsprechender Anleitung bringt den Erfolg, so der Autor. Und zwar unabhängig vom IQ. Zumal nicht jeder Mensch mit einem hohen Intelligenzquotienten eine herausragende Lebensleistung erbringt. Intelligenz, so schreibt Siefer, ist eine Eigenschaft, die sich auf Scharen von Genen verteilt ist. Das einzige schlau machende Gen hat noch keiner gefunden, so sehr man auch gesucht hat.

Werner Siefer hat ein kluges Buch geschrieben. Jedes seiner Argumente ist gut belegt. Er wägt ab und lässt immer wieder auch die Nature-Anhänger zu Wort kommen, beschreibt und ordnet ihre Versuche ein, etwa die sogenannte Minnesota-Studie über den Intelligenzquotienten voneineiigen Zwillingen, die nach Geburt getrennt in unterschiedlichen Familien aufwuchsen. Und genau indem Werner Siefer das Für und Wider aufzeigt, versetzt er den Leser in die Lage, sich ein genaues Bild zu machen. Herausgekommen ist so ein erkenntnisreiches Sachbuch über Begabung und Übung.

Besprochen von Kim Kindermann

Werner Siefer: Das Genie in mir. Warum Talent erlernbar ist.
Campus Verlag, 2009
270 Seiten, 19,90 Euro

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