Seit 14:07 Uhr Kompressor
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:07 Uhr Kompressor
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.12.2008

Darf man Israel in Deutschland kritisieren?

Von Michael Wolffsohn

Podcast abonnieren
Israel ist in deutschen Medien längst ein Land wie jedes andere auch. (AP)
Israel ist in deutschen Medien längst ein Land wie jedes andere auch. (AP)

Scheinheilig, ja scheinheilig ist die Frage, ob man Israel in Deutschland kritisieren dürfe. Scheinheilig ist auch die Feststellung, Israelkritikern würde "immer" Antisemitismus unterstellt. Scheinheilig ist die Weinerlichkeit von Israelkritikern, die sich selbst zu "Märtyrern" der politischen Korrektheit stilisieren und sich "verfolgt" fühlen, weil "man" in Deutschland Israel eben nicht kritisieren dürfe.

Schluss, Schluss, Schluss, ich kann die Frage nicht mehr hören: "Darf man, wer, wie soll oder kann in Deutschland Israel kritisieren?"

Wer diese Frage stellt, unterstellt, dass es keine Kritik an Israel gäbe. Davon kann keine Rede sein, denn oft und scharf ist von und gegen Israel die Rede. Seit Jahren beobachte und analysiere ich Berichte und Analysen in- und ausländischer Medien über Israel. Auch auf die bewertenden, abwertenden oder aufwertenden Zwischentöne habe ich geachtet. Das Ergebnis ist eindeutig: Holocaust oder nicht, Israel ist für deutsche und andere Medien, auch für die Öffentlichkeit insgesamt, längst ein Land wie jedes andere auch.

Gäbe es diese Kritik nicht, wäre unsere Gesellschaft nicht demokratisch, denn Kritik gegen alle und jeden gehört zur Demokratie wie Essen und Trinken zum Leben. Wer wollte ernsthaft bestreiten, dass Deutschland eine Demokratie ist, in der man seine Meinung frei äußern darf?

Wer die politische und mediale Diskussion in Deutschland auch nur oberflächlich kennt, weiß, dass Israel, wie andere Staaten auch, manchmal noch heftiger unter die Lupe genommen und kritisiert, ja, regelrecht zerpflückt wird. Israel ist, vor allem in Deutschland und hier mehr als überall in der westlichen Welt, einer der, wenn nicht gar der weltweit unbeliebteste Staat. Die Israel-Abneigung der Bundesbürger übertrifft die der EU-Bürger um ein Vielfaches.

Woher haben die Deutschen dieses Bild, diese negative Israel-Image? Sie erfahren Israel nicht von den Marsmenschen, sondern über die Medien, denen sie, oft wortgetreu, das Zerrbild von Israel nachplappern; an Stammtischen ebenso wie an Tischgesellschaften der vermeintlich Feinen und Großen. Das ist die Wirklichkeit jener scheinheiligen Frage.

Weshalb aber diese Frage? Weil Stammtisch und Tischgesellschaften genau wissen: Das Israel-Zerrbild der meisten Deutschen ist eigentlich absurd. Man kann über Israel viel sagen, auch Negatives. Aber ist es wirklich negativer zu bewerten als Ahmadinedschads Iran oder des "Geliebten Führers" Kim-Jong-Ils atomar gerüstetes, spätstalinistisches Nord-Korea? Wahrlich nicht. Dennoch sehen es die meisten Bundesbürger so.

Durch die Behauptung, Israelkritik wäre in Deutschland weder vorhanden noch erlaubt, signalisieren Stammtischler und Tischgesellschaften eines: Sie widersetzen sich der normativen Staatsräson der bisherigen Bundesrepublik. Sie wollen es "den Juden" und aller Welt, vor allem sich selbst beweisen: "Die Tugendskala der Geschichte hat sich verändert. Damals waren wir moralisch ganz unten, heute sind wir ganz oben. Die wahren Tugendträger sind wir. Das einstige Opfervolk, die Juden, sind heute Täter. Und weil wir aus der Geschichte gelernt haben, identifizieren wir uns mit den Opfern. Damals waren es die Juden, heute sind es die Palästinenser. So oder so, die Top-Tugend sind wir."

Die bisherige Staatsräson der bundesdeutschen Republik war bescheidener. Sie besagte: Israel ist für uns Deutsche kein Staat wie jeder andere, wenn Geschichte nicht zur Phrasendrescherei verkümmern soll. Die bisherige Staatsräson der Bundesrepublik sagt auch dies: Heutige Deutsche tragen keine Schuld am millionenfachen Judenmord, aber sie tragen Mit-Verantwortung dafür, dass die Nachfahren der Opfer leben und überleben können, ohne tödlichen oder terroristischen Gefahren ausgesetzt zu sein, etwa einer iranischen Atombombe.

Das Israel-Zerrbild der selbsternannten israelkritischen Märtyrer ist letztlich ein Zerrbild der bundesdeutschen Wirklichkeit, es untergräbt willentlich und wissentlich die normativen Grundlagen unseres Gemeinwesens. Dumme Fragen darf man stellen. Die Frage "Darf man in Deutschland Israel kritisieren?" ist nicht dumm, sie ist scheinheilig und hinterhältig, denn in der Hinterhand präsentieren uns die Fragesteller eine unethische und undemokratische deutsche Republik.


Der Historiker Michael Wolffsohn (AP)Der Historiker Michael Wolffsohn (AP)Der Historiker Michael Wolffsohn wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Er kam als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Berlin, Tel Aviv und New York arbeitete er bis zu seiner Habilitation an der Universität in Saarbrücken. 1981 wurde er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule in München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Keine Angst vor Deutschland!", "Die Deutschland-Akte - Tatsachen und Legenden in Ost und West" und "Meine Juden - Eure Juden".

Politisches Feuilleton

RisikowahrnehmungWenn Abgase gefährlicher als Attentäter sind
Ein junger Mann mit Atemmaske auf einer Anti-Feinstaub-Demo in Berlin-Neuköllnläuft während einer Feinstaub-Demo in Berlin-Neukölln. (Imago)

Es ist viel wahrscheinlicher, durch die Abgasbelastung an der vierspurigen Zubringerstraße zu sterben als durch die Kugeln eines Amokläufers, meint der Soziologe Stefan Kühl: In den Medien höre man dennoch nur von Attentaten, jedoch nichts von den 30 Toten pro Tag durch Stickoxide.Mehr

Reformationsjubiläum Lutherjahr - jetzt reicht es!
Playmobil-Figur von Martin Luther zum Reformationsjahr 2017 (picture alliance / Universität Jena)

Luther wird mindestens seit Jahresbeginn auf allen Kanälen gefeiert. Dabei wurde auch klar: Hasskommentare, grassierendes Übergewicht und Psychoanalyse gehen auf den Reformator zurück, meint Autor Paul Stänner - nicht ganz ernsthaft. Er hat bereits vor dem Höhepunkt am 31. Oktober genug.Mehr

Schwarzseher und SchönrednerDie Moral der Überzeugten
Gartenzwerge aufgereiht hinter einem niedrigen Gartenzaun (imago/CHROMORANGE)

Mancher, der sich vor Überfremdung fürchtet, kennt kaum Fremde. Aber umgekehrt sind auch jene realitätsblind, die für Weltoffenheit werben, aber selbst von Problemvierteln abgeschottet wohnen. Schriftsteller Michael Lösch kritisiert auf beiden Seiten eine "Moral der Überzeugten". Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur