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Lesart | Beitrag vom 13.02.2018

Dan Josefsson: "Der Serienkiller, der keiner war" 39 eingebildete Morde

Von Volkart Wildermuth

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Cover von Dan Josefsson: "Der Serienkiller, der keiner war". Im Hintergrund ist Sture Bergwall zu sehen, der infolge einer Therapie 39 Morde gestand, die er gar nicht begangen hatte. (btb / dpa / picture-alliance)
Vom Täter zum Opfer: Das Beispiel von Sture Bergwall (r) zeigt, wie leicht die Erinnerung labiler Menschen von Therapeuten manipuliert werden kann. (btb / dpa / picture-alliance)

In Folge einer Therapie erinnert sich Sture Bergwall an grausige Missbrauchserfahrungen, gesteht 39 Morde und wird verurteilt. Nur: Er hat sich alles eingebildet, nichts ist passiert. Wie konnte es dazu kommen?

Der Journalist Dan Josefsson hat die Hintergründe dieses Skandals aufwendig recherchiert und beschreibt in seinem Buch, was einen Menschen überhaupt dazu bringt, falsche Geständnisse abzulegen und welche Rolle Therapeuten dabei spielen. Dabei deckt der Autor ein subtiles Netz psychologischer Abhängigkeiten auf, in dem es zwei zentrale Figuren gab: den angeblichen Massenmörder und die Psychotherapeutin Margit Norell. Deren Lebenswege stehen im Mittelpunkt der fast 600 Seiten.

Der vermeintliche Mörder wird zum Lieblings-Patienten

Sture Bergwall, ein drogenabhängiger Kleinkrimineller, wird Anfang der 90er-Jahre in der forensischen Psychiatrie in der schwedischen Kleinstadt Säter behandelt. Die Ärzte dort wollen Kriminelle durch Psychotherapie heilen. Bergwall gilt nach einer Weile als stabil und soll entlassen werden. Weil er aber glaubt, in Freiheit keine Perspektive zu haben, gesteht er einen Mord, den er nie begangen hatte.

Der vermeintliche Mörder wird bald zu einer Art Lieblings-Patient Margit Norells und ihrer Schüler. Die charismatische Psychotherapeutin hat einen sektenähnlichen Kreis um sich versammelt, der in Verbrechen eine Art Hilfeschrei der Täter sah. Im Hintergrund krimineller Taten vermutet Margit Norell verdrängte Missbrauchserfahrungen in der Kindheit.

Und auch Bergwall glaubt im Laufe der Therapie, sich daran zu erinnern, wie sein Zwillingsbruder von den Eltern getötet worden war. Gleichzeitig gesteht er immer mehr Morde.

Aufmerksamkeit vom Therapeuten

Für Patient und Therapeuten entstand so eine absurde Win-in-Situation: Bergwall blieb in der Klinik, erhielt Psychopharmaka in hohen Dosen und die Aufmerksamkeit der Therapeuten. Margit Norell mit ihren "Schülern" wiederum erhielt eine Bestätigung für ihre Theorie.

Dass Bergwall keinerlei Täterwissen offenbarte, dass nie Leichen gefunden wurden, war dabei völlig egal. Sogar Polizei und Richter waren von seiner Schuld überzeugt. Erst als Bergwall die Psychopharmaka absetzte und die Therapie abbrach, kam die Wahrheit ans Licht.

Die Erinnerung labiler Menschen ist leicht manipulierbar

Dan Josefsson arbeitet in seinem Buch die Logik hinter diesem unglaublichen Fall akribisch heraus und führt immer tiefer in die Geschichte hinein. Dabei besteht die entscheidende Lehre für ihn darin, dass Gedächtnis und Realitätswahrnehmung viel weniger stabil sind, als man glaubt. Er zeigt, wie leicht es ist, psychisch labilen Menschen angebliche Erinnerungen einzureden und das Therapeuten wissenschaftliche Daten völlig ausblenden, wenn es um die gegenseitige Bestärkung geht, die einzig wahre Sicht auf die Psyche Krimineller zu haben.

Ein Gegenmittel für solch fehlgeleiteten und in sich abgekapselten Ansichten wäre ein breiter Austausch unter Therapeuten. Da der bislang nicht erzwungen werden kann, bleibt zu befürchten, dass es immer wieder Psychotherapeuten geben wird, die bei ihren Patienten eindringlich nach verdrängten Missbrauchserfahrungen suchen und dass so vermeintliche Erinnerungen entstehen.

Dan Josefssons Buch ist ein eindringlicher Weckruf. Bleibt zu hoffen, dass er auch gehört wird.

Dan Josefsson: "Der Serienkiller, der keiner war und die Psychotherapeuten, die ihn schufen"
Übersetzt von Stefan Pluschkat
btb Verlag, 592 Seiten, 12,00 Euro

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