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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.03.2012

Dalos: Ich bin ein "geborener Oppositioneller"

Der ungarische Schriftsteller György Dalos über seinen neuen Roman und das Nationalbild der Ungarn

György Dalos im Gespräch mit Ute Welty

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György Dalos hat jetzt einen neuen Roman herausgebracht: "Der Fall des Ökonomen". (Doris Poklekowski)
György Dalos hat jetzt einen neuen Roman herausgebracht: "Der Fall des Ökonomen". (Doris Poklekowski)

Der Schriftsteller Dalos sieht im Nationalbild seiner Landsleute einen Grund für den Konflikt Ungarns mit der EU. Mit seinem Roman "Der Fall des Ökonomen" ist er auf der Buchmesse in Leipzig vertreten. Darin wird die Geschichte eines Mannes beschrieben, der sich auf Kosten seines verstorbenen Vaters bereichert.

Ute Welty: Ist es Hilflosigkeit oder Verrat oder einfach nur geschmacklos? "Der Fall des Ökonomen" ist die Geschichte eines gescheiterten Sohnes, der sich auf Kosten seines verstorbenen Vaters bereichert und dessen Opferrente weiterbezieht. Irgendwann aber wird der Vater auf dem Papier 100 und dann will die Presse diesen letzten Holocaust-Überlebenden groß feiern.

Das alles erzählt György Dalos mit mindestens genauso viel Abstand wie Humor, unter anderem auf der Buchmesse in Leipzig. Guten Morgen, Herr Dalos!

György Dalos: Guten Morgen.

Welty: Vielleicht tun Sie sich als Ungar ja leichter, aber mir als Deutsche bleibt schon ein bisschen das Lachen auch im Halse stecken und ich nehme an, das war verstärkt Ihre Absicht.

Dalos: Ich glaube nicht, weil ich merke nicht, wenn ich etwas Witziges oder Humoristisches sage. Ich denke einfach in irgendeiner Weise, und vielleicht ist die Welt so, dass daraus Humor wird. Das Lachen steckt in der Welt.

Welty: Wie sind Sie konkret auf diese wunderbar absurde Konstruktion der Geschichte gekommen?

Dalos: Ich habe vieles gelesen, vor allem in der internationalen Presse, was mit der Wiedergutmachung läuft. Ich kenne ein bisschen die Geschichte seit 1954 und vor allem die Jahrzehnte, wo die Einwohner des ehemaligen Ostblocks aufgrund des Eisernen Vorhangs, die jüdischen Opfer, nicht zu ihrer Wiedergutmachung oder nur sehr spät gekommen sind. Deswegen beschäftigte mich die Geschichte, und dann habe ich gehört, dass eine Mafia in den USA aufgeflogen ist.

Aber ich glaube, dass das nicht meine Art war, das ist nicht mein Thema. Mein Thema war die Art und Weise, wie dieser Gábor Kolozs, der Protagonist meines Buches, gegen jedes Gesetz und gegen jede Moral ist, obwohl er den Anspruch hat, ein moralischer Mensch zu werden. Das ist nicht einfach jüdisches Elend, sondern das Elend eines gewissen Typus von Intellektuellen, was mit der Wende einher ging.

Welty: Das ganze endet 2006 unter anderem in Krawallen vor der Synagoge in Budapest, und zwar am 23. Oktober, dem Jahrestag des ungarischen Volksaufstandes. Wie sähe das Ende Ihres Buches im Budapest des Jahres 2012 aus?

Dalos: Ich habe ganz bewusst dieses Datum vom 23. Oktober gewählt, weil ausgerechnet an diesem Tag alle Widersprüche, alle Wunden der ungarischen Gesellschaft sich gezeigt haben - auf der einen Seite Randgruppen, die offen antisemitisch und rassistisch sind, auf der anderen Seite dieses völlige unvorbereitet sein und der Dilettantismus der jeweiligen Machthabenden, mit sozialen Konflikten umzugehen.

Welty: Und 2012 im Ungarn unter Viktor Orban, das viele nicht mehr verstehen, und auch in der EU beobachtet man die Entwicklung ja mit großer Sorge?

Dalos: Es gibt da zwei verschiedene Dinge. Das erste, dass Ungarn teilweise selbst verschuldet in einen Interessenkonflikt mit der EU und mit den Banken geraten ist - ich sage teilweise selbst verschuldet, weil andererseits waren natürlich die grundsätzlichen Probleme des Landes ohnehin da.

Es gibt aber auch eine ideologische Seite, nämlich dass die überwiegend linksliberalen Medien in Westeuropa natürlich diese Art von pathetisch-romantisierendem Nationalbild sehr schlecht ertragen können, und da gibt es natürlich auch so eine gewisse Oberflächlichkeit, zu wenig Wunsch, sich ein bisschen in die tieferen Schichten der Psychologie, ich würde sagen, der ungarischen Gesellschaft hineinzubegeben. Aber ich glaube, dass da Ungarn keine Ausnahme ist. Die Griechen versteht man ebenso wenig.

Welty: Helfen Sie uns doch ein bisschen dabei, die Ungarn besser zu verstehen.

Dalos: Man muss versuchen, über Ungarn so zu reden - und ich spreche jetzt nicht darüber, dass man unbedingt die jeweilige Regierung in Schutz nehmen muss; ich bin sozusagen fast ein geborener Oppositioneller -, aber man muss auch erklären, dass es sich um ein Nationalbewusstsein handelt, was aus einer Kette von falschen oder wirklichen Frustrationen und Enttäuschungen besteht.

Vor einem Monat gab es eine nicht ohne die Hilfe der Regierung organisierte Pro-Orban-Demonstration in Budapest, und da sah man ein Transparent - ich war dabei, ich habe es gesehen -, wo sämtliche historische Wunden aufgelistet wurden, wo angeblich die westliche Hilfe ausblieb, so gegen das Osmanenreich, gegen die Habsburger, gegen die Sowjetunion, und als letztes stand - völlig absurd - die Forderung der EU gegenüber Ungarn, die Forderung des IWF gegenüber Ungarn.

Welty: Der ungarische Schriftsteller György Dalos im Interview der "Ortszeit". Ich danke und ich wünsche dem Fall des Ökonomen viel Erfolg.

Dalos: Danke sehr.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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