Seit 11:00 Uhr Nachrichten
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 21.12.2009

"Da wurde Rufmord begangen gegen Autoren"

Schriftsteller Richard Wagner greift Banater Schwaben an

Richard Wagner im Gespräch mit Susanne Führer

Podcast abonnieren
Wagner: Ich will Klarheit über die Vergangenheit. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)
Wagner: Ich will Klarheit über die Vergangenheit. (Stock.XCHNG / Davide Guglielmo)

Der Schriftsteller Richard Wagner hat der Landsmannschaft der Banater Schwaben erneut vorgeworfen, in ihren Reihen seien noch immer Ex-Spitzel des ehemaligen rumänischen Geheimdienstes Securitate aktiv. Er habe "ganz konkrete Erkenntnisse" und könne seine Anschuldigungen anhand von Akten der Securitate belegen.

Susanne Führer: "In Deutschland leben völlig unbehelligt ehemalige Spitzel des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Nach ihrer Auswanderung aus Rumänien haben sie die konservative Politik der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland betrieben. Aber die Landsmannschaft ist offenbar nicht bereit, ihre eigene Geschichte zu recherchieren." Das sagte in der vergangenen Woche der Schrifsteller Ernest Wichner in unserem Programm. Wir haben daraufhin Peter-Dietmar Leber, den Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft der Banater Schwaben befragt:

Peter-Dietmar Leber: "Wir haben alle Funktionsträger unseres Verbandes angeschrieben hinsichtlich einer möglichen Mitarbeit beim ehemaligen rumänischen Geheimdienst Securitate, haben sie danach befragt und haben von all diesen Funktionsträgern, die wir heute in unseren Reihen haben, eine sogeannte Ehrenerklärung verlangt. Wir haben desgleichen einige Stiftungen angeschrieben, wir haben Kontakt aufgenommen zu der Behörde für die Verwaltung des Studiums der Securitate-Akten in Bukarest und wollen diese Vorwürfe und diese unrühmliche Vergangenheit aufklären."

Susanne Führer: Soweit Peter-Dietmar Leber von der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Der Schriftsteller Richard Wagner ist auch ein Banater Schwabe, wenn auch nicht Mitglied der Landsmannschaft. Er hat Rumänien 1987 gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Herta Müller verlassen und lebt seitdem in Berlin. Herzlich willkommen, Herr Wagner!

Richard Wagner: Danke!

Führer: Sie kämpfen ja seit Jahren für die Aufklärung der Taten der Securitate. Freuen Sie sich, dass die Landsmannschaft das nun auch tun will? Sie haben ja gerade gehört, was Herr Leber gesagt hat.

Wagner: Ja, ich würde mich freuen, wenn ich so naiv wäre, das alles glauben zu können, wie es gesagt wird. Herr Leber erzählt uns seit 20 Jahren, dass er die Landsmannschaft reformieren will. Ich habe noch nichts davon gemerkt. Das ist das eine. Zum anderen vertritt diese Landsmannschaft ja auch kaum jemand von unseren Landsleuten. Nicht nur ich bin Nichtmitglied darin, sondern viele andere auch. 17.000 Mitglieder hat die Landsmannschaft Banater Schwaben, das sind ungefähr 5 Prozent der Leute, die aus dem Banat stammen. Das sollte eigentlich schon der Geschäftsführung dieser Landsmannschaft zu denken geben.

Zum anderen sind sie jetzt einfach wach geworden, weil so viel an die Öffentlichkeit gekommen ist. Wir hatten ja eine Tagung unlängst in München, wo die Aufarbeitung das Thema war, und da kamen auch diese Vorwürfe der Landsmannschaft gegenüber. Das Ganze schwelt schon seit einer Weile. Herta Müller hat sich schon im Sommer in der "Zeit" dazu geäußert, und jetzt haben sie eben Angst gekriegt.

Und was heißt eine Ehrenerklärung von diesen Lügnern? Also, die werden natürlich eine Ehrenerklärung abgeben, dass sie nie und nimmer einen Securitate-Offizier in ihrem Leben gesehen hätten. Da muss man schon ganz anders vorgehen. Und bei der Behörde in Bukarest wird man auch nicht über Nacht fündig werden, also das geht nicht von heute auf morgen.

Führer: Welche Erkenntnisse, Herr Wagner, haben Sie denn über ehemalige Mitarbeiter der Securitate in der Landsmannschaft?

Wagner: Also wir haben ganz konkrete Erkenntnisse aus unseren Akten, weil in unseren Akten geht es ja darum, durch die Securitate eine gezielte Maßnahme der Kompromittierung und Diskreditierung der Banater deutschen Autoren aus der Aktionsgruppe Herta Müller und andere, also meine Person ...

Führer: Also Sie meinen jetzt die Akten, die über sie angelegt worden sind von der Securitate?

Wagner: Die über uns angelegt worden sind, da steht das klar als Maßnahme drin. Und dann ist interessant, an wen das adressiert ist. Weil die schreiben ja auch dort, was sie vorhaben. Und da werden Papiere fabriziert, die man verbreiten soll in der Bundesrepublik. Und eine wichtige Adresse oder Zwischenadresse davon ist die Landsmannschaft der Banater Schwaben und ihr Mitteilungsblatt "Banater Post". Diese Geschichte ist in den 80er-Jahren, das ist ungefähr, von 1982 bis 1987 geht das bis zu unserer Ausreise und auch danach weiter.

Und da geht es darum, dass man diese Informationen zur Landsmannschaft bringt über einen IM, der in unseren Akten überall vorkommt, das ist der IM Heier, das war Hans Mocker, ein älterer Herr, der schlechte Gedichte schrieb und eine stalinistische Vergangenheit hatte, ansonsten auch Opernsänger war und Ähnliches. Und diesen Mann haben wir nicht ernst genommen. Der ist aber unter dieser Maske des Nicht-ernst-genommen-Werdens ist er sehr aktiv gewesen. Und der durfte reisen, der reiste nach München.

Er hat einen Stiefsohn, Horst Fassel, ein Akademiker, der bis vor Kurzem in Tübingen bei dem Donauschwäbischen Institut für die Kultur der Donauschwaben gearbeitet hat. Und der wurde – das lässt sich im Moment nicht klar beweisen, inwieweit er sich dessen bewusst war, was er da für Informationen bekommt oder ob er nur instrumentalisiert worden ist von seinem Stiefvater. Das wissen wir noch nicht genauer, das müsste zum Beispiel die Landsmannschaft recherchieren. Nämlich dieser Horst Fassel war auch von 1983 bis 1987 der verantwortliche Redakteur der "Banater Post". Und dort sind die ganzen Schmähschriften, unter anderem gegen Herta Müller, erschienen.

Führer: Über ehemalige Securitate-Spitzel in Deutschland spreche ich mit dem Schriftsteller Richard Wagner im Deutschlandradio Kultur. Herr Wagner, was mir jetzt nicht so ganz klar geworden ist, sind denn Menschen, die heute aktiv sind in der Landsmannschaft, die Positionen bekleiden, gehören die auch nach Ihren Recherchen zur ... , waren das auch ehemalige IM?

Wagner: Es gibt einen, das ist Walther Konschitzky, der langjährige Kulturreferent der Banater Schwaben, jetzt nach der Wende, also von 1992 bis vor Kurzem, also bis sein Name eben fiel in der Diskussion, der kommt in unseren Akten unter dem Namen Sorin vor, und zwar in Akten von mehreren Autoren.

Bei Herta Müller zum Beispiel wird das klar, dass er Sorin ist, durch einen Fehler, den sein Führungsoffizier Padurariu bei der Abschrift von IM-Berichten. Und zwar steht dort, dass er mit dem Informanten Sorin über das Umschlagsfoto für die ursprüngliche Ausgabe von "Niederungen", dem Debütband von Herta Müller bei Rotbuch, gesprochen habe. Und dieser Umschlag besteht aus einem Foto von Walther Konschitzky. Also er ist Sorin.

Führer: Aber der ist jetzt auch nicht mehr aktiv. Der Herr Leber von der Landsmannschaft hat übrigens gesagt, er habe mit ihm gesprochen und er habe nun eine andere Version der Ereignisse abgegeben. Und Herr Leber hat keine Akten, also keine Fakten, also kann jetzt dazu nicht Stellung beziehen.

Wagner: Ich habe mit Walther Konschitzky ausführlich über diese Sache gesprochen. Er redet sich heraus, er leugnet nicht in dem Fall Sorin. Ich habe ihm auch diese Unterlagen gezeigt, die ich habe, und er leugnet nicht, dieser Sorin, mit Sorin gemein zu sein. Er hätte aber nicht gewusst, dass er Sorin ist und er sei irgendwie von diesem Securitate-Offizier abgeschöpft worden, sagte er mir gegenüber. Also er hätte von nichts gewusst.

Führer: Herr Wagner, Sie beschuldigen ja offenbar die Organisation als Ganzes, also nicht einzelne Mitglieder, sondern schon, dass das in der Landsmannschaft eine strukturell quasi angelegt ist. Das finde ich erstaunlich. Wie kommen Sie dazu?

Wagner: Ja, also zwei Gründe: Also zum einen würde ich Ihnen mal zitieren aus einem Steckbrief, so heißt das hier, des Bundes der Vertriebenen von Frühjahr 1985, da wird gewarnt vor Herta Müller. Und da steht:

"Sehr geehrte Damen und Herren, die Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Rumänien machte das Präsidium des BDV darauf aufmerksam, dass die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller die Bundesrepublik Deutschland bereist und durch Interviews und Lesungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Das Land Bremen hat ihr einen Kulturpreis verliehen. Herta Müller wohnt in Rumänien, ist Kommunistin und Inhaberin des rumänischen Staatspreises. Mit ihrem Buch 'Niederungen' schildert sie in diskriminierender, moralisch und religiös anstößiger Weise das angebliche Verhalten von Volksdeutschen in Rumänien gegen Ende des Krieges. Es wird auf die Verfasserin eines solchen Machwerkes aufmerksam gemacht. Sollte Ihnen das Auftreten der Genannten und eventuell vorgesehene Ehrungen bekannt werden, bitte ich um Mitteilung. Mit freundlichen Grüßen, Rasmus."

Das war der Vorsitzende damals der Landsmannschaft der Westpreußen. Also das ist der Stand der Dinge damals gewesen und das Verhalten. Und woher kommt das? Die Landsmannschaft der Banater Schwaben ist 1950 gegründet worden, und zwar von Leuten, die vorher in der sogenannten Volksgruppe gewesen sind während des Zweiten Weltkriegs, also der gleichgeschalteten Nazi-Organisation. Und einer der Gründer ...

Führer: Was auch nie aufgearbeitet worden ist.

Wagner: Das wurde absolut nicht aufgearbeitet. Einer der Gründer, Hans Lieblich (Anm. d. Red.: Name wie gehört), der schrieb zum Beispiel 1939 in einem Gedicht: "Derweil bei euch die Fahnen wehen und alles sich scharrt um Standarten, werden wir im Ostland stehen und unseren Kunfttag erwarten." Der hat die Landsmannschaft mit gegründet. Und der Vorsitzende der Landsmannschaft in den 80er-Jahren, Sepp Schmidt, der war der Schulamtsleiter während des Zweiten Weltkriegs in Banat.

Führer: Herr Wagner, wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sind von den ehemaligen Securitate-Spitzeln oder sonstigen Verleumdern – der Brief, den Sie gerade vorgelesen haben, ist ja eindrücklich genug – ist jetzt keiner mehr aktiv in hohen Posten in der Landsmannschaft. Also Rücktritt kann nicht ihr Ziel sein, was ist denn das Ziel Ihrer Recherchen? Was wollen Sie: Strafe, Reue?

Wagner: Nein, ich will Klarheit über die Vergangenheit. Wir wollen eine Aufarbeitung, wir wollen, dass das wahrheitsgemäß dargestellt wird und besonders die Beteiligung der Landsmannschaft an unserer Verfolgung, Verleumdung und Diskreditierung. Das ist ja nicht egal. Es wurden hier Briefe herumgeschickt an Redaktionen, zum Beispiel an die ARD ist einer gegangen laut den Unterlagen, da ist versucht worden, da wurde Rufmord begangen an Autoren. Und wir kämpfen bis heute dagegen, hier ein Image aufgesetzt bekommen zu haben, gegen das man sich schwer wehren kann, der Kollaboration und Ähnlichem. Und wir möchten, dass das aufgearbeitet wird.

Führer: So gesehen ist der Nobelpreis für Literatur für Herta Müller für Sie alle ja geradezu ein Segen jetzt, oder?

Wagner: Ja, der Nobelpreis ist immer ein Segen. Und es ist natürlich so, dass uns das insgesamt auch hilft. Es ist nicht nur für Herta Müller eine Ehrung für ihre Arbeit, sondern es hilft uns allen insgesamt.

Führer: Der Schriftsteller Richard Wagner im Deutschlandradio Kultur. Herzlichen Dank für Ihren Besuch, Herr Wagner!

Wagner: Danke schön!

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur