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Tonart | Beitrag vom 24.03.2016

Compilation: "Aloha Got Soul"Soul und Funk aus Hawaii

Von Mathias Mauersberger

Ein Mann mit Gitarre auf Hawaii im Februar 2015 (imago stock&people)
Hawaiianer gelten als sehr musikalisch, Compilations gab es aber bislang kaum. (imago stock&people)

Wer an Haiwaii denkt, dem fallen Blumenketten und kitschige Aloha-Musik ein. Die erste Compilation ihrer Art richtet sich gegen das Klischee. Sie bietet einen Querschnitt des hawaiianischem Funk und Soul - zwar tanzbar, aber vor entspannt und sanft.

Weiße Sandstrände, Palmen – und nur einige Meter davon entfernt Restaurants und jede Menge Clubs. So muss man sich das Stadtviertel Waikiki in der hawaiianischen Hauptstadt Honolulu vorstellen – zumindest in den Siebziger Jahren. Wo heute Luxushotels in den Himmel ragen, da brodelte vor etwas mehr als vier Jahrzehnten die Livemusik-Szene der Stadt: In Clubs wie dem "Hula Hut" oder "The Point After" spielten jeden Abend lokale Bands und Künstler, deren Namen heute längst vergessen sind, die der Hawaiianer Roger Bong nun aber wieder entdeckt hat.

"Während der 70er gab es in Hawaii eine Art 'kulturelle Renaissance'. Die Hawaiianer kämpften dafür, ihre traditionelle Sprache, Musik und Kunst wieder zu beleben. Und sie waren erfolgreich: Ende der Siebziger wurde beispielsweise Hawaiisch als Amtssprache wieder eingeführt. Aber es gab eben auch Musiker wie Mike Lundy, die sich schon seit Jahren ihrer eigenen Art von 'RnB' gewidmet hatten. Deren Musik gehörte damals eher zum Underground, während die traditionelle hawaiianische Musik zum Mainstream zählte."

"Viele Hawaiianer suchen etwas Neues"

Roger Bong ist mit seinen 29 Jahren zu jung, um den hawaiianischen Soul-Underground hautnah miterlebt zu haben – er ist aber seit Jahren als Botschafter in Sachen hawaiianischer Grooves unterwegs: Im Jahr 2010 gründete der passionierte Plattensammler den Blog "Aloha Got Soul" – um auf die einzigartige Musikszene der Inseln aufmerksam zu machen. Und um dem hawaiianischen Musik-Mainstream einen frischen Sound entgegenzusetzen.

"Ich hörte durch Zufall diesen Mix des japanischen DJs Muro – eine Mischung aus hawaiianischem Soul und Funk. Für mich war das vollkommen neu, und ich war sofort begeistert! Meine Leidenschaft für Musik und alte Platten hatte plötzlich eine neue Richtung. Seitdem ist es mein Ziel, diese Musik vor allem beim lokalen Publikum bekannter zu machen. Man hört hier heutzutage vor allem eine Mischung aus jamaikanischem und hawaiianischem Reggae. Ich glaube aber, viele Hawaiianer suchen etwas Neues."

16 Songs hat Roger Bong für das britische Label Strut Records zusammengestellt – viele davon sind bislang nur auf Original-Vinyl in Hawaii erschienen. Die knackigen Bläsersätze des Stücks "Yesterday’s Love" der Gruppe Aura, der samtweiche Funk von Roy & Roe in "Just don’t come Back" – immer wieder erinnern die Stücke an den populären Soul und Disco der Sechziger und Siebziger, an Bands wie Earth Wind & Fire oder Tower of Power. Und doch lässt sich eine besondere Note heraushören, die Roger Bong als typisch hawaiianisch beschreibt.

"Wenn man die Augen schließt und an Kalifornien denkt, wo Tower of Power herkommen, und sich dann im Gegenzug Hawaii vorstellt, dann wird der Unterschied deutlich. Hawaiianischer Soul hat eine eigene Atmosphäre: Er ist 'laid-back' und 'smooth', entspannt und sanft. Es ist nicht leicht, das in musikalischen Fachbegriffen zu erklären. Aber für mich ist diese Qualität typisch hawaiianisch."

Mitte der Achtziger Jahre veränderte sich die Szene in Honolulus Strandviertel Waikiki: Viele Clubs wurden von japanischen Investoren aufgekauft, andere verzichteten auf lokale Live-Bands und engagierten lieber preiswerte DJs. Während Künstler wie Mike Lundy noch versuchten, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen, gingen Bands wie Tender Leaf oder Nova getrennte Wege. Einzig allein die Sängerin Nohelani Cypriano tritt bis heute zweimal die Woche in Waikiki auf – und hat mit "O Kailua" den politischsten Song der Compilation beigesteuert.

Die Magie der Insel

"Nohelani Cypriano erzählt in 'O Kailua' von einem kleinen, verschlafenen Ort auf der Insel Oahu und dessen Wandel durch den zunehmenden Tourismus. Ich weiß nicht, wie Kailua aussah, als der Song entstanden ist – aber heute ist dort alles völlig kommerzialisiert. Es sind überall Hochhäuser und Eigentumswohnungen entstanden. Der Songtext ist also heute noch relevant - und dürfte auch Menschen außerhalb Hawaiis vermitteln, wie sich die Dinge hier entwickelt haben."

Mit "Aloha Got Soul" hat Roger Bong die weltweit erste Compilation veröffentlicht, die sich dem hawaiianischem Funk, Soul und Disco der späten Siebziger, frühen Achtziger widmet. Und belebt damit eine verschollen geglaubte Epoche neu: Der britische Radio-DJ Gilles Peterson spielte einige Tracks in seiner Radiosendung bei der britischen BBC, das Vinyl-Magazin "Wax Poetics" widmete der CD eine ausführliche Besprechung. Aber was ist nun das Besondere an diesen Stücken, die - über 40 Jahre nach Erscheinen- einen zweiten Frühling erleben? Für Roger Bong liegt der späte Erfolg des Insel-Souls vor allem an der Magie Hawaiis, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat.

"Viele Menschen, die nach Hawaii kommen, fühlen hier etwas, das sie nie zuvor empfunden haben. Die Natur, die Schönheit des Meeres und der Berge, die Sonne und die Spiritualität der Menschen – all das macht den 'Aloha spirit' aus und ist für jeden, die hier lebt, spürbar. 'Aloha' ist ja eigentlich nur eine Begrüßung und heißt übersetzt so viel wie 'Hallo'. Aber es ist auch eine Lebensweise: Eine Form der Liebe und des Respekts gegenüber Mensch und Umwelt. Dieser Geist zieht sich durch alles, was auf Hawaii passiert – inklusive der Musik!"

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