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Profil / Archiv | Beitrag vom 05.05.2010

Comic-Reportagen aus dem Alltag

Die Comic-Zeichnerin Ulli Lust im Porträt

Von Anette Selg

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Mit "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" schoß Ulli Lust über Nacht an den Sternenhimmel erfolgreicher Comic-Zeichnerinnen: "Dieser Comic ist eine Sensation", lobte die "FAZ". So viel Lorbeeren machen neugierig auf diese Österreicherin, die in Berlin zuhause ist.

Ulli Lust: "Ich hab mein Leben lang immer als Kind auch schon immer geschrieben und gezeichnet, aber ich denke, dass die Kombination aus beidem mein bestes Talent ist."

Die Verbindung aus Schreiben und Zeichnen ist tatsächlich ihr Ding: Ulli Lusts Comic "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" ist einzigartig. Der schwarz-weiß gezeichnete Band, der grün nachkoloriert wurde, erzählt mitreißend die Geschichte zweier Punkmädels, die sich im Spätsommer 1984 von Wien nach Italien aufmachen. Ulli und Edi wollen Meer und Spaß, erleben aber Schreckliches. Ulli wird vergewaltigt.

Ulli Lust: "Diese Mittel, die der Comic bietet, die sind extrem vielfältig und viel zu wenig ausgereizt. Das ist ein neues Medium und es ist einfach spannend, da drin zu arbeiten, weil man Entdeckungen machen kann und nicht in so ’ner langen Reihe neben irgendwelchen anderen Leuten auch mal was macht."

Schonungslos offen erzählt Ulli Lust, die 1967 in Wien als Ulli Schneider geboren wurde, ihre Geschichte. Malt Männer, deren Augen Arme haben und Frauenkörper schamlos abtasten. Dabei fällt auf: Ihre Figuren sind scheinbar schlicht gezeichnet, mit wenigen Strichen, und doch geht eine ungeheure Kraft von ihnen aus. Landschaften hingegen wirken liebevoller, detaillierter gearbeitet.

Das hat Sogwirkung. Trotz der wenigen Farben. Und ja, der Name ist kein Zufall: Ulli Lust erzählt hier ihre eigene Geschichte, als sie mit 17 Jahren in den Süden reiste, Freiheit suchte und sexuelle Gewalt erlebte.

Ulli Lust: "Ich erzähle meistens über andere Menschen, aber immer unter dem Aspekt, dass diese Menschen tatsächlich existieren, und dann hatte ich diese Geschichte von mir selbst im Kopf und ich wollte eine längere Arbeit machen und ich ... hätte es eigenartig gefunden, wenn ich bei meiner eigenen Geschichte plötzlich das verfremde oder fiktionalisiere ... das wäre ja leicht gewesen. Dann ... würde ich mir peinliche Fragen ersparen. Aber ich denk, da muss man dann drüber stehen."

Sicher auch eine Art mit dem eigenen Geschehen umzugehen, es künstlerisch zu verarbeiten. In einem anderen Interview hat die Zeichnerin einmal gesagt, die Geburt ihres Sohnes habe ihr geholfen, das Geschehen zu überwinden. Männerhass als Mutter eines heute 24-jährigen Sohnes, eines Mannes also, das geht nicht. Was auch nicht geht für Ulli Lust: ein Opfer sein, das will sie definitiv nicht.

Ulli Lust: "Klar ist das 'ne dramatische Story und man denkt sich immer, dieses arme Mädel. Aber letzten Endes hat die sich das ja selber ausgesucht und daraus schöpft man auch eine gewisse Kraft. Es ist traurig, dass ich jetzt so wie so ein Opfer rüberkomme in der Erzählung. Aber eigentlich ging es mir ja damals darum, die Welt völlig neu anzuschauen und total neugierig und offen und vorurteilsfrei zu sein, also so eine radikale Offenheit war das Programm."

Fast fünf Jahre hat Ulli Lust an "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" gearbeitet. Pro Seite hat sie zwei bis drei Tage gebraucht.

Dabei sah es anfangs gar nicht so aus, als ob die heute 43-Jährige eine der erfolgreichsten Comiczeichnerinnen Deutschlands werden würde: Zunächst begann sie in Wien eine Lehre als Design- und Modezeichnerin, brach die Ausbildung dann aber ab und begann einige Kinderbücher zu illustrieren. Mit Ende zwanzig kam sie nach Berlin.

Geplant war ein halbes Jahr, heute lebt sie noch immer hier, in einer Altbauwohnung am Prenzlauer Berg. An der Kunsthochschule Weißensee hat sie Grafik studiert, und schon da zeichnete sich ihre Leidenschaft für Comics ab. Comicreportagen nennt sie die von ihr gezeichneten, kurzen und oft skurrilen Begebenheiten, die ganz nah am wirklichen Leben sind.

Ulli Lust: "Ich hab' immer meinen Notizblock dabei, ich schreib immer mit, wenn ich irgendwo was Interessantes seh, also das Aufnahmegerät läuft ständig. Also ich mag Geschichten finden, so, und dann verdichten, diese Dinge."

Wenn die dunkelhaarige Frau mit den wachen, braunen Augen über ihre Arbeit spricht, spürt man ihre Begeisterung. 2001 veröffentlicht sie gemeinsam mit anderen Berliner Zeichnern, alles Kollegen aus Weißensee, den Sammelband "Alltagsspionage. Comicreportagen aus Berlin" und wird damit auf einen Schlag bekannt.

Ulli Lust: "Ich finde Alltagsbeobachtungen auch ganz interessant, weil Alltag eigentlich erstmal für Langeweile steht oder Gleichförmigkeit, und das ist ja nicht wirklich richtig, also, es kommt ja immer nur auf den Blickwinkel an, auf die Perspektive. Als guter Erzähler kann man aus jedem Stoff was machen und das ist dann ’ne Herausforderung."

Sie bekommt eine eigene Bildkolumne in der Berliner Stadtzeitung "Steinschlag". Veröffentlicht erste Bücher: "Operation Läckerli" etwa. "Pomme d'Amour. Sieben Geschichten von der Liebe" oder den Band "Fashionvictims, Trendverächter, Minireportagen & Bildkolumnen aus Berlin". Im Juni 2005 startet sie ihren mittlerweile preisgekrönten Online-Verlag "electrocomics" und publiziert selbst Comic-Strips von anderen Zeichnern.

Ulli Lust ist gut vernetzt in der Comicszene und viel unterwegs, auf Festivals und Buchmessen. In ein paar Tagen reist sie nach Neapel, dort zeigt das Goethe-Institut Originalzeichnungen aus "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens". Den Stift und ein Notizheft hat sie auch hier immer dabei.

Ulli Lust: "Ich hab' natürlich Vorlieben ... Menschen sind mir wichtig, dass die sehr differenziert sind, und ich finde das menschliche Gesicht ist einfach eine wahnsinnig spannende Charaktermaske. Es gibt ganz viele Comics, wo die Köpfe immer gleich ausschauen und das irritiert mich immer beim Lesen, das versteh ich nicht, warum das so ist, wo doch Menschen so wahnsinnig wunderbar unterschiedlich sind."

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