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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.02.2015

Comic-Künstler Aleksandar ZografEin Holocaust-Opfer als gezeichnete Heldin

Von Katrin Lechler

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Das Hauptgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Staro Sajmište in Belgrad.  ( imago/epd)
Das Hauptgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Staro Sajmište in Belgrad. Ab 1941 war die Jüdin Hilda Dajč in dem Lager. ( imago/epd)

Aleksandar Zografs Comic über den Holocaust basiert auf vier Briefen: Hilda Dajc hat sie aus dem KZ Sajmiste in Belgrad geschrieben, bevor sie in einem Gaswagen ermordet wurde. Der Zeichner will so an das traurige Schicksal der serbischen Juden erinnern.

Jeden Samstag seit über 20 Jahren kommen in Aleksandar Zografs Küche Comiczeichner zusammen – zum Plaudern, Zeichnen und Musikmachen. Der 51-Jährige ist Künstler, Kurator und Netzwerker zugleich, obwohl er sich selbst nicht gern in den Mittelpunkt stellt: leise, freundlich, um die Sache und nicht sich selbst bemüht. Schon in den 90er-Jahren zeichnete Zograf hier in Pančevo, 30 Kilometer von Belgrad entfernt, Comics vom Leben in Serbien unter Milosevic und den Sanktionen. Sie wurden unter anderem in den USA, Deutschland und Italien gedruckt, Länder, die zur gleichen Zeit als Nato-Alliierte seine Stadt bombardierten. Aleksandar Zograf baute damit eine Brücke in die Welt, die stirnrunzelnd die Geschehnisse in dem geschrumpften Balkanland verfolgte.

Heute ist es andersherum. Zograf erzählt seinen Landsleuten vom Holocaust in Serbien:

"Die Leute vergessen das. Wenn du zum ehemaligen KZ Sajmište gehst, gibt es vielleicht noch eine Gedenktafel, die daran erinnert. Die Stadt hat das Gelände an Künstler gegeben. Die Menschen sind sich nicht bewusst, wie stark der Widerstand gegen die Nazis war und wie rauh die Zeiten waren."

Details aus dem Lagerleben

Bekannt ist die Geiselmordpolitik der Nazis in Serbien – wonach für jeden von den Partisanen getöteten deutschen Soldaten erst zehn, später hundert Serben ermordet wurden. Weniger bekannt sind Details aus dem Lagerleben, wie sie die 19-jährige Hilda Dajč schildert. Ihre Briefe hat Aleksandar Zograf zu einem dokumentarischen Comic verarbeitet. Der Tenor ihres ersten Briefes vom Dezember 1941 ist fast euphorisch: Nachdem sie durch den Angriff der Deutschen auf Jugoslawien ihr Architekturstudium unterbrechen musste, verabschiedet sie sich von ihrer Freundin Nada, um freiwillig als Krankenschwester im Lager zu arbeiten.

"So viele Menschen brauchen Hilfe, dass mein Gewissen mich zwingt, jegliche sentimentalen Gründe, die mit meinem zu Hause und meiner Familie zusammenhängen, zu ignorieren und mich ganz dem Dienst anderer zu widmen. Ich bin ruhig und gefasst und überzeugt, dass alles gut enden wird, vielleicht sogar besser als in meinen optimistischsten Erwartungen."

Hilda Dajčs Eltern sind wohlhabend. Ihr Vater arbeitet als Vizepräsident der Vertretung der jüdischen Gemeinschaft, einer Selbstverwaltung, die die Nazis einführten. Innerhalb weniger Monate verwandelt sich die optimistische, aufopferungsvolle junge Frau in einen blassen, dünnen, von Selbstzweifeln zerfressenden Menschen. Aleksandar Zografs Zeichnungen bieten einen Blick ins Innere seiner jungen Protagonistin.

Zwölf Stunden Arbeit täglich – fast ohne Essen

Auf Stroh liegend sieht sie abgemagerte Gesichter wie ein Todesfirmament über sich hängen. Zickzack-Striche über den Köpfen geben die unerträgliche Lautstärke von 5000 Menschen in einem Raum wieder. Hilda Dajč arbeitet zwölf Stunden täglich, bei minimalen Essensrationen. Ihr mentaler und körperlicher Zustand verschlechtert sich in wenigen Monaten. Im Februar 1942, nach zwei Monaten im Lager, schreibt sie in ihrem vierten und letzten Brief an ihre Freundin Mirjana:

"Ich lese deinen und Nadas Brief und dies ist der einzige Moment, wenn ich nicht nur ein Lagerinsasse bin. Wir werden alle böse, weil wir verhungern – wir sind alle zynisch und gönnen niemandem eine Handvoll Essen – jeder ist verzweifelt. Trotzdem tötet niemanden einen anderen, denn wir sind nur ein Haufen von Tieren, die ich verachte. Ich hasse jeden Einzelnen von uns, denn wir sind so tief wie es nur irgend geht gefallen."

Selbsthass und Verachtung für die anderen Insassen statt Hass auf die deutschen Mörder. Die Aufseher sollen die Tausenden von Menschen zusätzlich erniedrigt haben, indem sie sie auf den beiden einzigen Toiletten fotografierten.

Im Gaswagen ermordet

Bis Ende 1941 hatten die Nazis die meisten jüdischen Männer umgebracht. In der zweiten Phase, von Dezember 1941 bis Mai 1942 wurden diejenigen Frauen und Kinder, die nicht im strengen Winter verhungert waren, in Gaswagen ermordet. Eine primitive Konstruktion, bei der die Abgase in das Wageninnere geleitet wurden, während der Gaswagen durch Belgrad fuhr. Auch Hilda Dajč wurde auf diese Weise umgebracht. Auf der letzten Seite des Comics werden Leichen aus der hinteren Wagenöffnung in ein Massengrab bei Jajinci gestoßen.

"Comics rücken Dinge näher, auch jüngere Leser nehmen eher einen Comic als ein Buch zur Hand. Ich wollte zeigen, dass du, auch wenn du Comics machst, nicht unbedingt ein Clown bist und verrückte Dinge in deinen Geschichten passieren lässt. Du kannst auch über schwierige Themen wie den Holocaust im Comic sprechen."

Dabei begann Zografs Weg als Cartoonist durchaus harmlos: In den 80er-Jahren suchte er nach neuen Wegen, um seine Träume zu erzählen. Hauptfigur seiner Zeichnungen war er selbst:

"Es war die Zeit, in der nichts in Jugoslawien passierte. Dann begann der Krieg und mir wurde klar, dass es unmoralisch ist, über Träume, Humor und Witz zu zeichnen, wenn um einen herum das Land zusammenbricht."

Lange serbische Comic-Tradition

Eine Einschränkung, die nur den Inhalt, nicht die Form betrifft. Denn Comics haben eine lange Tradition in Serbien, die schon im 19. Jahrhundert im gerade gegründeten Königreich Serbien begann, sagt Zograf:

"Das Land war noch dabei, sich selbst zu suchen, es hatte keine großen Traditionen und Institutionen. Deshalb war es offener dafür, mit neuen Ausdrucksformen zu experimentieren."

In den 70er-Jahren gab es im kommunistischen Jugoslawien US-amerikanische, französische, spanische und italienische Comics in den Geschäften, erinnert sich Zograf. Sogar chinesische Produktionen waren darunter. Manche Comics wie zum Beispiel "Alan Ford" waren nur in Jugoslawien erfolgreich. Aleksandar Zograf hofft, dass diese tief verwurzelte Comicbegeisterung auch dazu beiträgt, die Geschichte von Hilda Dajč und dem Holocaust bekannter zu machen. 

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