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Tonart | Beitrag vom 03.01.2018

Clubleben und Clubsterben"Wir sind laut, wir sind dreckig und wir stören Leute"

Wolf von Waldenfels im Gespräch mit Vivian Perkovic

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Menschen feiern am auf dem RAW-Gelände in Berlin im Club Cassiopeia (picture alliance / dpa)
Menschen feiern auf dem RAW-Gelände in Berlin im Club Cassiopeia. (picture alliance / dpa)

Clubs sollten nicht subventioniert werden, könnten aber trotzdem kommunale Unterstützung gebrauchen - zum Beispiel durch Open-Air-Tanzflächen. Das findet der Clubbetreiber Wolf von Waldenfels, der gerade das "Golem" am Hamburger Fischmarkt schließen musste.

Wie sehen Perspektiven für eine alternative Clubkultur aus? Wenn es einer wissen muss, dann Wolf von Waldenfels. Waldenfels gehört in Hamburg seit Jahrzehnten zu den Pionieren der Clubbetreiber. Der Reiz, Clubs als Kultureinrichtungen zu betreiben, hat bis heute nicht nachgelassen.
 
"Worum es mir immer in erster Linie geht, ist der Subkultur Raum und Bühne zu verschaffen. Clubs sind Gegenwelten, in denen sich die Leute von den Konventionen ihres Büro- Alltags, bei Beats und Bässen und Tanz befreien", so Waldenfels im Deutschlandfunk Kultur.

"Als junger Hippie-Punk wollte ich einen geilen Ort machen, in dem das passiert, was wir toll und wichtig fanden, wo unsere Regeln sind und das unsere Welt ist."

"Ich möchte, dass die Welt sich verbrüdert und verschwestert" 

So einen Ort gab es in der Jugendzeit von Waldenfels nicht, also hieß es "selber machen". Waldenfels wollte Befreiung und Spaß, der nicht auf Klassen beschränkt ist. Seinen Antrieb findet er nach wie vor in der Vision eines solchen Ortes:

"Ich möchte gerne, dass die Welt sich verbrüdert und verschwestert und sehe, dass das total möglich ist. Wenn ich nachts auf die Tanzfläche gucke, dann sehe ich: Da geht noch viel mehr."

Waldenfels war Betreiber des Hamburger Clubs "Golem", der Ende des Jahres schließen musste. Im "Golem" ging es nicht nur ums Tanzen, insbesondere sollte der lebendige Diskurs gefördert, geredet und diskutiert werden. Neben der typischen Club-Musik gab es regelmäßig Free Jazz, Lesungen und Podiumsdiskussionen. Ein Club mit angeschlossenem Salon, ganz ohne Profitdenken.

Auf Dauer konnte sich das "Golem" nicht halten. Der Grund: Die Kosten überstiegen die Einnahmen. Teuer seien vor allem die Künstler und das Personal gewesen, doch beides sei unverzichtbar, räumt Waldenfels ein. Kultur und Marktwirtschaft seien nun mal zwei unterschiedliche Dinge. 
 
Dennoch sollten Clubs nicht wie andere Kultureinrichtungen, Theater oder Opernhäuser, subventioniert werden, findet der Clubbetreiber. So würde die Unabhängigkeit verloren gehen. Es müsse um Musik gehen, das Geldverdienen sei nebensächlich, betont Waldenfels. Ein endgültiges Clubsterben befürchtet er nicht.

"Wenn die Rahmenbedingungen in einer Stadt zu schlecht werden, dann machen die Leute Wohnzimmerkonzerte oder treffen sich zu Hauspartys."

"Clubs sind eben erst mal Leute und dann Orte"

Ein "Clubkonzept" gebe es aber dennoch nicht. Club sei kein Geschäft, auch wenn man es so führen müsse.

"Clubs sind eben erst mal Leute und dann Orte. Diese Leute bilden eine Art Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Club. Die ist nicht auf Gewinnmaximierung, sondern rein auf Club-Erhaltung ausgelegt." 

Genau das mache aus Sicht von Waldenfels den Unterschied zwischen Wirtschaftsbetrieb und Kulturbetrieb aus. Clubs seien im Kern Menschen, die sich treffen und Musik machen wollen.

"Solange es solche Menschen gibt, ist das auch das Konzept, und dann kann man nur hoffen, dass es immer neue Menschen gibt, die das auch weiter treiben wollen", sagt Waldenfels.

Doch es gibt Dinge, die Städte leisten könnten, um das Überleben der Clubkultur zu sichern.

"Einfach wäre eine Anerkennung von Musik-Clubs als Kulturbetriebe. Und dann eine Erleichterung für Kulturbetriebe, wenn öffentliche Räume vermietet werden oder zwischengenutzt werden müssen". 

Musik-Clubs sollten diese Räume der öffentlichen Hand zu vergünstigten Konditionen nutzen können. Denn besonders zur Sommerzeit hätten es Indoor-Clubs schwer. Den Clubs Open-Air-Flächen anzubieten, wäre eine deutliche Erleichterung. Außerdem wäre ein anderer Dialog mit der Politik wichtig, der den Clubs mehr freie Bahn einräumen würde. Denn nicht zuletzt seien es die Clubs, die eine Stadt attraktiv machen.

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