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Buchkritik | Beitrag vom 16.04.2018

Christopher de Bellaigue: "Die islamische Aufklärung"Notwendiges Hintergrundwissen über den heutigen Islam

Von Sieglinde Geisel

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(Verlag S. Fischer / dpa picture alliance / Frank Baumgart)
Buchcover: Christopher de Bellaigue: "Die islamische Aufklärung" und Blaue Moschee in Istanbul (Verlag S. Fischer / dpa picture alliance / Frank Baumgart)

Die islamische Aufklärung hat schon stattgefunden. In seiner Erzählung demontiert Christopher de Bellaigue die westliche Sicht auf die Arabische Welt und vermittelt Hintergrundwissen über die Entstehung der heutigen muslimischen Gesellschaften.

In einer Zeit, wo jeder eine Meinung zum Islam hat, kommt ein Buch mit dem Titel "Die islamische Aufklärung" wie gerufen. Dem britischen Journalisten Christopher de Bellaigue geht es dabei weniger um die Aufklärung im philosophischen Sinn als um die Auseinandersetzung der islamischen Gesellschaften mit der westlichen Moderne. Die Welt, in die Napoleon 1798 mit seinem Ägyptenfeldzug einmarschierte, sollte sich in den nächsten 200 Jahren in Folge dieser Begegnung grundlegend verändern. Kairo, Istanbul und Teheran stehen im Zentrum von Christopher de Bellaigues enorm detailreicher Darstellung, denn sie gelten als "Katalysatoren" der Modernisierung.

De Bellaigue, der als Korrespondent jahrelang im Nahen Osten gelebt hat, schildert die Transformation der islamischen Gesellschaften aus der Perspektive jener, die den Wandel herbeigeführt und miterlebt haben. Damit verfolgt er auch selbst ein aufklärerisches Anliegen: Es habe durchaus eine islamische Aufklärung gegeben, "die unter dem Einfluss des Westens stand, aber zu einer eigenen Form fand", doch im westlichen Geschichtsbild sei die Modernisierung der islamischen Welt ein blinder Fleck geblieben.

Im 19. Jahrhundert übernahmen die muslimischen Länder sozusagen im Zeitraffer westliche Errungenschaften in allen Lebensbereichen: Man baute Eisenbahnen, gründete Zeitungen und modernisierte das Militär. Überraschend vielfältig sind die feministischen Bewegungen, nicht wenige Frauen bezahlten den Kampf für ihre Rechte mit ihrem Leben. "Simone de Beauvoir trifft Jeanne d'Arc", schreibt de Bellaigue etwa über die hochgebildete Iranerin Fatima Barraghani, die ihre Reden ohne Schleier hielt und als Anhängerin des Babismus 1852 hingerichtet wurde.

Wissen über die Entstehung der muslimischen Gesellschaften

De Bellaigue streut solche lebendigen, oft dramatischen Porträts in seine manchmal überdichte Darstellung. Diese Porträts dienen nicht nur der Lesbarkeit, sie machen auch die Widersprüche der Modernisierungsprozesse greifbar. So hatte etwa der ägyptische Vordenker und Übersetzer Rifaa al-Tahtawi von 1825 bis 1831 in Paris gelebt, um den Beweis zu erbringen, dass eine moderne Lebensweise zum muslimischen Glauben nicht im Widerspruch stehe. Gut hundert Jahre später kam Sayyid Qutb nach einem Amerika-Aufenthalt zum gegenteiligen Schluss: Als er 1951 nach Ägypten zurückkehrte, radikalisierte er die 1928 gegründete Muslimbrüderschaft, 1966 wurde er unter Sadat hingerichtet.

Der Erste Weltkrieg war eine "Wasserscheide" in der Modernisierung des Islam: Nach der Zerschlagung des osmanischen Reichs sei der Westen bei der Aufteilung des Nahen Osten entschlossen gewesen, "auf den islamischen Ländern herumzutrampeln". Diese Krise des Islam dauert bis heute an. De Bellaigue erkennt ein Muster: "Zwang und Opportunismus seitens des Westens – eine Reihe schlecht geplanter und unentschlossen durchgeführter Reformen aufseiten der Muslime". Fast immer kam die islamische Aufklärung von oben: Modernisierungswillige Despoten überfuhren mit ihren Reformen eine traditionsverhaftete, ungebildete Bevölkerung – das ist ein weiteres Muster, das zur Gegenaufklärung geführt hat.

Christopher de Bellaigues historische Darstellung endet in den 1980er-Jahren. Die Entwicklungen, die uns heute zu schaffen machen, streift er nur am Rand. Sein Buch liefert letztlich keine Erklärung für die fundamentalistischen Strömungen des politischen Islam der Gegenwart. Dafür vermittelt die Lektüre dringend notwendiges Hintergrundwissen über die Entstehung der heutigen muslimischen Gesellschaften.

Christopher de Bellaigue: "Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft"
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018
544 Seiten, 25 Euro.

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