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Lesart | Beitrag vom 25.05.2018

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro lasDamit glückliche Leser nicht aussterben

Von Manuela Reichart

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Buchcover "Das Mädchen, das in der Metro las" von Christine Féret-Fleury, im Hintergrund ein historisches Metro-Schild in Paris  (Dumont Verlag / imago / Kraft)
Buchcover "Das Mädchen, das in der Metro las" von Christine Féret-Fleury, im Hintergrund ein historisches Metro-Schild in Paris (Dumont Verlag / imago / Kraft)

Juliette sitzt in der Metro auf dem Weg zur Arbeit und taucht in die Welten ihrer Romane - so beginnt das Buch von Christine Fèret-Fleury. Die Bücher verleihen Juliettes Leben Farbe und haben plötzlich einen realen Einfluss auf ihr Leben.

Bücher riechen und Bücher lesen verändern das Leben: Dieser charmante Roman ist ein entschiedenes Plädoyer fürs Lesen – und fürs "Bookcrossing".

Die Heldin ist eine glückliche Leserin: "Sie hatte schon immer gerne an Büchern gerochen und sie beschnuppert, besonders an den aus zweiter Hand erworbenen – auch neue Bücher rochen nicht alle gleich, es hing davon ab, welche Art von Papier und Klebstoff man ver­wen­det hatte, aber sie erzählten noch nichts über Hände, die sie gehalten, über Häuser, die sie be­herbergt hatten. Sie hatten noch keine Geschichte, und zwar nicht die Geschichte, die in ihnen geschrieben stand, sondern eine zweite Geschichte, die wie ein Schatten und unbekannt war."

Geschichten hinter den Geschichten im Roman

Um diese Geschichten hinter den Geschichten geht es in diesem unterhaltsam melancho­li­schen Roman. Juliette fährt jeden Tag mit der Metro zu ihrer langweiligen Arbeit in einem Maklerbüro, dabei liest sie nicht nur selber, vor allem beobachtet sie die Mitfahrenden bei deren Lektüren.

Sie denkt sich Geschichten über sie aus, vermutet Vorlieben und Leiden­schaf­ten - etwa bei dem Mann, der jeden Tag in einer "Fibel der für den Menschen, die Tier­welt und Künste nützlichen Insekten" liest, der alten Dame, die immer im gleichen Kochbuch blät­tert, der Frau, die stets auf Seite 247 ihrer dicken Liebesromane zu weinen beginnt. Wa­rum nur immer auf Seite 247 fragt sich Juliette, die ein regelmäßiges Leben, manchmal mit, mei­stens jedoch ohne Liebhaber inmitten all ihrer vielen Bücher führt.

Braucht dieser Leser "Krieg und Frieden"?

Und dann bricht sie aus dem alltäglichen Trott aus, steigt an der falschen Haltestelle aus und gerät in eine Büchergeschichte, die ihr Leben verändert. Sie erfährt alles über Bookcrossing, das 2001 von einem Amerikaner gegründet wurde, der sich die Welt als Bibliothek vorstellte: Man legt ein Buch irgendwo ab, dort nimmt es jemand mit, liest es und hinterlässt es danach irgendwo anders. Um den Büchern auf der Spur zu bleiben, wird im Internet über ihre Wege Buch geführt.

Die Romanheldin gerät jedoch in eine spezielle Bookcrossing-Agentur: deren Kuriere sollen für die Bücher den Richtigen oder die Richtige finden, eine Person erst beschatten, sich einfühlen, bis sie sicher sind, dieser Leser braucht "Krieg und Frieden", jene Leserin Daphne du Mauriers "Rebecca".

Kein simpler "Veränderungsratgeber"

Die kenntnisreiche französische Autorin, die lange Lektorin war, erzählt in diesem genau instrumentierten Unterhaltungsroman, dass und wie sich durch die Lektüren das Leben ver­än­dern kann, auch für die Heldin, die ihren langweiligen Job kündigt und am Ende in einem al­ten Bus mit vielen Büchern über die Dörfer fährt.

Das mag nach einem der simplen Verände­rungs­ratgeber klingen, ist aber viel mehr: Ein charmantes und schönes (auch schön gemachtes) Märchenbuch für alle die, die sich dem Lesen hingeben. Und dass diese Menschen nicht aussterben, daran glaubt man mit Christine Féret-Fleury und ihrer jungen Heldin allzu gerne.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las
Aus dem Französischen von Sylvia Spatz, Dumont Verlag, Köln 2018
176 Seiten, 18 Euro

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