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Dienstag, 16.01.2018

Profil / Archiv | Beitrag vom 23.05.2014

Chor der Woche Von Hamburg nach New York

Für einen Schülerchor erfüllt sich der Traum vom Auftritt in der Carnegie Hall

Von Petra Marchewka

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Hier wird der große Auftritt stattfinden: in der berühmten Carnegie Hall in New York. (picture alliance / dpa)
Carnegie Hall in New York (picture alliance / dpa)

Es war, als beginne ein Märchen: Ein Veranstalter aus den USA entdeckt im Internet das Video des Chors des Hamburger Goethe-Gymnasiums. Prompt folgt die Einladung in die berühmte Carnegie Hall. Lange bleibt unklar, ob sich die jungen Sänger die Reise leisten können.

Der viel zu kleine Musikraum ist voll an diesem Nachmittag. Rund 60 Chormädchen und -jungen konzentrieren sich auf einen Ausschnitt aus "Bohemian Rhapsody" von Queen. Das Stück ist Teil einer Musikrevue, die die Schüler vom 26. Mai an drei Tage lang aufführen wollen.

Die Chormitglieder haben alle schon einen anstrengenden Schultag hinter sich. Da fällt es manchmal schwer, bei der Sache zu sein.

"Nein! Das gibt's doch nicht! Nochmal!"

Aber Chorleiterin Astrid Demattia ist beharrlich, sie führt ihre Schüler mit liebevoller Strenge durch die Probe.

"Das Wichtigste ist mir eigentlich, dass jeder, jede, die gerne mitsingen möchte, dabei sein darf. Es gibt kein Vorsingen, es gibt gewaltige Brummer, jedes Jahr am Anfang des Schuljahres, und alle, die gerne dabei bleiben wollen, werden dann sehr gestützt."

Angefangen mit gerade 20 Schülern

Vor fast schon 30 Jahren hat Astrid Demattia den Chor gegründet, mit gerade mal 20 Schülern. Heute leitet die 59-Jährige um die 100, und sogar einige Ehemalige singen nach wie vor mit, wie die 19-jährige Sopranistin Sonja Lübeck.

"Man kriegt halt eben von dem Publikum auch das Feedback, dass die Arbeit, die wir machen, sehr, sehr gut ist, und ist tatsächlich wie eine Droge, dass man das halt immer nochmal erleben möchte."

So geht es auch Joel Gransow. Der 12-jährige singt im Tenor und ist seit einem Jahr dabei.

"Es ist einerseits anstrengend von den Proben her, man hängt da halt viel Freizeit rein uns so, aber wenn man einmal ein Weihnachtskonzert oder eine Revue miterlebt hat, dann weiß man, was für einen Spaß das hinterher ist, was für einen Spaß auch die Proben machen und dass hinterher ein so tolles Ereignis dabei rauskommt, das man niemals vergisst."

"Also ich könnte gar nicht mehr ohne den Chor leben sozusagen."

Manche müssen ihre Begeisterung verteidigen

Die 14-jährige Julia Backhaus müsse ihre Chorbegeisterung manchmal den Eltern gegenüber verteidigen, erzählt die Neuntklässlerin, die wie Joel im Tenor singt.

"Und es hilft echt weiter. Ich habe seit meiner ersten Revue von vielen Lehrern gehört, dass ich wesentlich selbstbewusster geworden bin und auch offen meine Meinung sage, also ich finde schon, dass es einen sichtlichen Effekt hat."

Seit sechs Jahren beteiligt sich der Große Chor des Goethe-Gymnasiums an den Weihnachtskonzerten in der berühmten Hamburger Michaelis-Kirche. Im vergangenen Dezember sangen die Schülerinnen und Schüler dort Ausschnitte einer Messe von Karl Jenkins.

Und dann das: Ein Konzertveranstalter aus New-York hört den Chor auf der Schul-Homepage. Und schickt Astrid Demattia eine Einladung in die Carnegie-Hall.

"Ich wollte sie als erstes gleich in den Papierkorb tun und dachte, da will mich jemand auf den Arm nehmen, ich fühlte mich nicht wirklich so angesprochen."

Spenden für die große Reise

Lange bleibt unklar, ob die Schülerinnen und Schüler die Einladung annehmen, sich so eine Chorreise überhaupt leisten können. Spenden werden gesammelt.

Atmo: "So. Jetzt möchte ich euch gerne noch was mitteilen, es ist seit heute Mittag definitiv: Die Reise nach New York findet statt."

Lauter Jubel und Geschrei. Vor der New York-Reise im Januar hat der Chor ein volles Programm: Aufführung der Jenkins-Messe mit der Kantorei St. Michaelis im Oktober, und in wenigen Tagen die diesjährige Revue.

Atmo: "Gerade sitzen, Füße auseinanderknoten, okay, und ganz deutlich bitte artikulieren."

Die Revue markiert für einige Sängerinnen und Sänger das Ende der Schulzeit – für Chorleiterin Astrid Demattia wieder ein Abschied.

"Und dann gibt es ganz viele Tränen nach der letzten Revue und dann kommen die Sommerferien und dann kommen plötzlich, so wie letztes Jahr, 30 neue Siebtklässler, und die wissen nicht, was ein vierstimmiger Chorsatz ist und die wissen nicht, was ein Bassschlüssel ist, also man braucht schon Geduld, aber es macht eine unglaubliche Freude."

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