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Sonntag, 19.11.2017

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.12.2016

Chinas hippe neue ArbeitsweltStartup statt Fließband

Von Steffen Wurzel

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Shenzhen bei Nacht: Das neue China glänzt in den unterschiedlichsten Farben (picture alliance / dpa / Liang Jiahe)
Shenzhen bei Nacht: Das neue China glänzt in den unterschiedlichsten Farben (picture alliance / dpa / Liang Jiahe)

Die chinesische Arbeitswelt ändert sich rasant: Computer-Hipster und Start-up-Gründer gibt es in Shanghai oder Peking mindestens genauso viele wie in Berlin oder London. Der Staat stattet die jungen Firmengründer mit reichlich Geld aus.

Eine Nebenstraße im Zentrum von Shanghai. Straßenhändler verkaufen Frühstückspfannkuchen und Fleisch-Spieße für ein paar Cent. Ein Müllsammler fährt langsam mit einem klapprigen Dreirad vorbei und sammelt alte Elektrogeräte ein.

Nur wenige Meter weiter, im dritten Stock eines modernen, verglasten Bürogebäudes, trifft man auf eine völlig andere Shanghaier Realität. Sie nennt sich "Sandbox", so der Name eines so genannten Co-Working-Büros. Wildfremde Menschen treffen sich dort zum Austauschen, zum Kaffee-Trinken, zum Abhängen – und vor allem zum Arbeiten. 

"Viele fähige Leute, die ich kenne, haben keine Lust mehr auf einen Standard-Job, auf ein klassisches Angestelltenverhältnis. Sie wollen lieber als Freiberufler arbeiten. In China ist es zur Zeit für junge Leute total üblich, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben - und mehrere Job-Bezeichnungen zu tragen! Sie arbeiten in einem Café oder in einem Co-Working-Büro wie diesem."

Im Büro taucht Wang Yihao nur noch selten auf

Wang Yihao, 26 Jahre alt. Er ist angestellt bei einer mittelständischen Shanghaier Video-Produktionsfirma. Auch seine Freundin Zhang Yizhi arbeitet dort. Im eigentlichen Büro ihrer Firma tauchen die beiden aber nur selten auf.

"In unserer Firma ist es immer so voll, deswegen treffen wir uns mit unseren Kunden und Geschäftspartnern meistens auswärts. Und diese Treffen müssen wir in Ruhe vorbereiten - das machen wir hier. Eine sehr angenehme Location!"

Für Zhang Yizhi, ihren Freund Wang Yihao und viele andere junge Menschen in Shanghai bedeutet "arbeiten" inzwischen: Wo und wann man etwas für seinen Arbeitgeber erledigt, ist dem im Grunde egal. Vor allem Mitarbeiter kleiner Unternehmen zieht es deswegen immer häufiger in eines der zahlreichen Co-Working-Büros, und natürlich viele Selbständige. Sandbox-Mitarbeiterin Nathalie Zhang erklärt das Prinzip: 

"Unsere Büroflächen sind für alle kostenlos. Man braucht nur diese schwarze Einlass-Karte. Mit der Karte kann man alle unsere Dienstleistungen nutzen. Wir bieten eine perfekte Atmosphäre für die Start-Up-Szene."

Rund 50 Leute verteilen sich über das hell eingerichtete Großraumbüro, sie sitzen an modernen Möbeln und können mit ihrer Mitgliedskarte kostenlos Strom und Internet nutzen. Es gibt auch eine kleine Bar: Mit einer speziellen Sandbox-Smartphone-App lassen sich dort günstige Getränke und kleine Snacks bestellen.

Kostenlose Büroflächen, günstige Snacks

Geld verdienen die Sandbox-Macher nach eigenen Angaben durch das Vermieten von Extra-Räumen, für Konferenzen und größere Projektgruppen zum Beispiel. Es ist ein offenes Geheimnis, dass zusätzlich auch die Shanghaier Stadtregierung Projekte wie diese finanziell unterstützt.

Menschen sitzen im Co-Working-Büro "Sandbox" in Shanghai (Steffen Wurzel)Co-Working-Büro "Sandbox" in Shanghai (Steffen Wurzel)

Chinas Wachstumsmodell der vergangenen 30 Jahre funktioniere heute nicht mehr, sagt Shaun Rein. Der US-Amerikaner leitet die Beratungsfirma China Market Research und beschäftigt sich außerdem als Buchautor mit den massiven gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Land gerade durchmacht.

Es genüge nicht mehr, nur mit Billigproduktion und Investitionen in den Infrastrukturausbau für Wirtschaftsleistung zu sorgen, betont Rein. Tatsächlich hat die chinesische Staatsführung dem Land einen massiven Strukturwandel verordnet. Das bisherige Wirtschaftsmodell, das fast vollständig auf Produktion und Export billiger Waren beruhte, soll abgelöst werden durch Dienstleistung, Technologie und Innovation.

Entsprechend viel Geld investiert der chinesische Staat in diese Bereiche und entsprechend verändert sich auch die Struktur der chinesischen Arbeitswelt. Hipster, die beruflich "irgendwas mit Computern" machen, gibt es in Shanghai, Peking, Shenzhen und Chengdu inzwischen vermutlich mehr, als in Berlin, Kopenhagen und London zusammen. 

"Unter Arbeitnehmern in China stellt man sich normalerweise hart arbeitende Leute vor, die für Hungerlöhne am Fließband stehen. Das ist das gängige Stereotyp in Deutschland. Die Realität sieht anders aus: Junge Chinesen bauen keine iPhones mehr zusammen, sie wollen iPhones kaufen."

Apple expandiert massiv nach China

Und selber entwickeln. Apple hat angekündigt, in China gleich zwei neue Forschungs- und Entwicklungszentren zu eröffnen, eines in Peking und eines in Shenzhen im Süden Chinas. Und das US-Softwareunternehmen kann dafür inzwischen auf gut ausgebildete Leute zurückgreifen.

Fachkräftemangel wird zwar auch in China mehr und mehr zu einem ernsten Problem, in Sachen Technologie und Internet aber haben die Universitäten des Landes inzwischen aufgeholt und werfen viele gute Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Viele machen sich selbständig und versuchen ihr eigenes Ding.

Zum Beispiel in Chengdu. Die Zehn-Millionen-Einwohnerstadt ist die Hauptstadt der westchinesischen Provinz Sichuan. Während Chengdu früher nur für Panda-Bären und scharfes Essen berühmt war, hat sich die Stadt inzwischen als Innovations- und Technologie-Zentrum profiliert. Eines der zahlreichen Startup-Zentren am Südrand von Chendgu wird von Wang Yujia gemanagt.

"Es tut diesen Firmengründern gut, wenn sie hier gemeinsam an einem Ort zusammen kommen. Das ist doch viel besser, als käsefüßig und einsam in irgendeinem Büro zu sitzen und von dort zu arbeiten und Fertigsuppe zu essen. Das ist kein zielgerichtetes Arbeiten und an fähige Mitarbeiter kommt man so auch nicht." 

Wang Yujia steht vor einer Wand mit einem Logo (Steffen Wurzel)Wang Yujia leitet ein Start-up-Zentrum am Südrand von Chendgu (Steffen Wurzel)

Lässige Sportjacke, knallbunte Sneaker

Wang Yujia weiß, wovon er spricht. Der 34-Jährige hat als Computer-Spezialist selbst jahrelang in klassischen Unternehmen gearbeitet, zum Beispiel bei China Telecom. Seit drei Jahren nun betreut er in seinem Start-Up-Zentrum ein paar Dutzend junge Firmengründer aus der Region Chengdu. Wang Yujia trägt eine lässige Sportjacke, knallbunte Sneaker eines deutschen Herstellers, und während er durch das Gründerzentrum führt, erklärt er:

"Die Behörden fördern jedes innovative Startup hier mit Beträgen zwischen 6.800 und 41.000 Euro, das gibt es als Startkapital. In der ersten Phase beraten einen die Behörden außerdem in Bürokratie-Fragen, von der Stadtverwaltung bis zur Zentralregierung in Peking."

Am wichtigsten aber: Die Chengduer Stadtregierung lässt die jungen Firmengründer die Büroflächen drei Jahre lang mietfrei nutzen. Zwar prüft die Regierung auch, was genau die Tüftler so machen, aber die Innovations-Schwelle ist bewusst niedrig gehalten. Man muss noch kein fertiges Produkt haben, um hier an den Start gehen zu können, ein Konzept genügt.

"Dieses Team hier ...  die forschen im Bereich Künstliche Intelligenz .... und das Team dort drüben arbeitet an einer Erfindung mit einem Windelsensor." 

Wang Yujia deutet auf einen langezogenen Schreibtisch, an dem zwei Frauen und zwei Männer sitzen. Sie haben iDiaper entwickelt, der Name leitet sich ab vom englischen Begriff Diaper, also Windel. Der 25-jährige Zhang Shiqiang erklärt die Erfindung:

"Man muss den Sensor von außen auf die Windel draufkleben und dann die App öffnen ..." 

Eine seiner Kolleginnen reicht Zhang Shiqiang eine große Spielzeug-Puppe mit Windel. Er klebt einen blau-weißen Plastik-Chip mit einer Art Klettverschluss von außen auf die Windel. 

Der Sensor misst die Feuchtigkeit der Windel

Der Sensor und die zugehörige App messen die Feuchtigkeit und die Temperatur der Windel - und wenn sie gefüllt ist, bekommen der Vater oder die Mutter des Babys das auf ihrem Handy angezeigt. 

"Die App hat auch eine Funktion, die den Zeitpunkt der nächsten vollen Hose voraussagen kann. Bei regelmäßiger Benutzung sammelt sie die Daten und schlägt fünf Minuten vor dem nächsten Geschäft des Babys Alarm. User können anhand der Daten nachvollziehen, wie die Verdauung des Kindes funktioniert."

Den Windel-Sensor gibt es bereits zu kaufen, er kostet umgerechnet rund 25 Euro, inklusive App. Auf die Idee gebracht habe ihn das Baby seiner Schwester, sagt der junge Firmengründer. Hier im Chengduer Start-Up-Zentrum hat er aus der Idee ein Geschäftsmodell entwickelt.

Eine Puppe trägt eine Windel mit einem iDiaper (Steffen Wurzel)Eine Puppe trägt eine Windel mit einem iDiaper (Steffen Wurzel)

Wenn es genau so läuft, geht der Plan der chinesischen Politik auf: Innovation durch Subvention. Der Shanghaier Unternehmensberater Shaun Rein ist allerdings skeptisch. 

"Die Regierung ist schlau und fördert die unternehmerische Initiative. Aber: Ich finde, dass sie es den jungen Leuten zu einfach macht, an Gründungskapital zu kommen. Es gibt sehr viele Uni-Absolventen, die eine Firma gründen, ohne wirklich eine Idee oder einen Business-Plan zu haben. Sie haben nur das staatliche Förder-Geld. Die Frage ist: Wie nachhaltig ist das? Ich fürchte, es wird eine Menge Pleiten geben." 

Innovation lässt sich nicht anordnen

Auch andere Experten warnen: Innovation, das kann man als Ziel vorgeben, aber einfach anordnen lässt sich innovativer Unternehmergeist nicht. Freies Denken ist in der chinesischen Wirtschaft zwar inzwischen durchaus erwünscht – doch darüber hinaus verhindern Zensur, politische Repression und hierarchische Gesellschaftsstrukturen echten Unternehmergeist nach westlichem Standard.

Die Gedanken sind frei? Davon ist China noch weit entfernt. Berater Shaun Rein ist trotzdem optimistisch, dass es mit dem Umbau der chinesischen Wirtschaft klappen könnte. 

"Chinesische Startups kommen noch schneller voran als die in Europa und sie haben noch mehr diese Wir schaffen das!-Einstellung. Jeder in China kennt jemanden, der vor zehn/fünfzehn Jahren noch ein Schweinezüchter war und heute steinreich ist. Ich habe ein Dutzend Freunde, die es vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft haben. Und eine Menge Chinesen sind überzeugt: Wir schaffen einfach alles."

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