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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.02.2013

Bundesanstalt für Geowissenschaften plädiert für Fracking in Deutschland

Schiefergaspotential liegt beim Zehnfachen der konventionellen Erdgasressourcen

Volker Steinbach im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Fracking-Anlage in Pennsylvania, USA (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Fracking-Anlage in Pennsylvania, USA (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

Der Leiter der Rohstoffabteilung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Volker Steinbach, hat sich für den Einsatz der umstrittenen Fracking-Methode zur Gewinnung von Schiefergas in Deutschland ausgesprochen. Aus geowissenschaftlicher Sicht sei es möglich, diese Technologie umweltverträglich einzusetzen, sagte Steinbach.

Marietta Schwarz: In den USA wird die Förderung von Schiefergas durch das sogenannte Fracking-Verfahren schon seit einigen Jahren praktiziert und es hat dort zu einem regelrechten Boom geführt. Im rohstoffarmen Deutschland hingegen wird Fracking noch nicht praktiziert, weil es ökologische Bedenken gibt. Bei dem Verfahren wird mit einem Gemisch aus giftigen Chemikalien, Wasser und Sand Gas aus sehr tiefen Gesteinsschichten herausgepresst. Kritiker warnen vor der Gefahr der Grundwasserverseuchung, unter anderem.

Nichtsdestotrotz haben sich bei der Münchener Sicherheitskonferenz der Bundeswirtschaftsminister und Vertreter der Industrie explizit für eine ergebnisoffene Prüfung der Schiefergasnutzung ausgesprochen, anderenfalls müsse mit einer Abwanderung energieintensiver Unternehmen gerechnet werden. Am Telefon ist Volker Steinbach von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Guten Morgen, Herr Steinbach!

Volker Steinbach: Ja, guten Morgen nach Berlin!

Schwarz: Wird Deutschland ohne Fracking-Praxis im internationalen Wettbewerb abgehängt, wie das BDI-Präsident Ulrich Grillo formuliert hat?

Steinbach: Ja, das ist natürlich eine wichtige Frage: Welches Rohstoffpotenzial haben wir in Deutschland, machen wir uns zu 100 Prozent von Importen abhängig oder können wir auch das eigene Potenzial nutzen? Und wenn Sie das Thema Schiefergas oder Fracking ansprechen, dann ist natürlich die Frage, wie viel Potenzial gibt es dazu in Deutschland? Unser Haus, also die BGR, hat im letzten Jahr eine entsprechende Studie vorgelegt mit einer vorläufigen Abschätzung, da kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir in Deutschland Ressourcen in der Größenordnung von 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter haben, die nach heutigem Stand technisch gewinnbar sind. Das ist …

Schwarz: Ist das viel oder wenig?

Steinbach: Wenn man jetzt das Mittel nimmt von 1,3 Billionen Kubikmetern, entspricht das ungefähr dem Zehnfachen unserer bisherigen konventionellen Erdgasressourcen, oder anders gerechnet entspricht das ungefähr dem Hundertfachen unserer derzeitigen Erdgasproduktion. Da sieht man schon durchaus, dass Deutschland ein Potenzial hat, und es kommt natürlich darauf an, unter welchen Bedingungen man dieses Potenzial auch heben will, praktisch für die deutsche Wirtschaft und für unsere Gesellschaft verfügbar zu machen.

Schwarz: Die Bedingungen - teilen Sie denn die Bedenken der Umweltschützer am Fracking?

Steinbach: Also die Risiken müssen natürlich sehr ernst genommen werden, das ist ganz klar, und es muss das nutzbare Grundwasser und auch das Trinkwasser entsprechend geschützt werden. Hierfür sind natürlich im Vorfeld standortbezogene geologische Untersuchungen erforderlich, also es muss geklärt werden, ob über diesen Schiefergashorizonten – und diese befinden sich ungefähr in der Tiefe von 3.000, 4.000, 5.000 Metern, also sehr tief, und die Frage, gibt es darüber natürliche Abdichtungen, sogenannte geologische Barrieren. Das sind beispielsweise mächtige Tonhorizonte oder auch Salzschichten, beispielsweise in Norddeutschland – das kennen wir ja – gibt es sehr mächtige Tonhorizonte und auch entsprechende Salzvorkommen, die diese Schiefergashorizonte abdichten. Zum anderen ist es natürlich auch eine Frage des Sicherheitsabstandes zwischen dem nutzbaren Grundwasser oder dem Trinkwasser, bis zu dem Schiefergas, und das sind zirka 1.000 Meter und darüber hinaus. Und dann ist natürlich auch die Frage: Wie sicher sind die technischen Einrichtungen, wie wird an dem Bohrplatz mit den entsprechenden Chemikalien umgegangen, und wie ist auch der Bohrausbau?

Schwarz: Also ich halte fest: Es gibt noch viele offene Fragen, die zu klären sind.

Steinbach: Ja, und wir sind auch der Meinung, dass nach den gesetzlichen Regelungen, und wenn die entsprechenden technischen Maßnahmen auch getroffen werden und standortsbezogene Voruntersuchungen durchgeführt werden, dass aus geowissenschaftlicher Sicht möglich ist, dass diese Technologie umweltverträglich, also auch mit Schutz des Grundwassers und des Trinkwassers, eingesetzt werden kann.

Schwarz: Herr Steinbach, viele Energiemarktexperten sagen, momentan würde sich Fracking in Europa bei den derzeitigen Energiepreisen noch überhaupt nicht rechnen. Die müssten noch viel mehr steigen.

Steinbach: Ja, das ist sicherlich eine komplizierte Frage, die man im Vorfeld schwierig beantworten kann. Sicherlich ist es interessant, in die USA zu gucken, wo ja wirklich die Erdgas-Preise deutlich gesunken sind. Die Erdgaspreise in den USA sind ein Drittel so hoch wie die Erdgaspreise in Deutschland. Natürlich wird Fracking und die Schiefergasförderung in den USA im großen Stil angewendet, dadurch kommt es natürlich zur Kostensparung.

Man kann das sicherlich nicht ganz vergleichen, trotzdem sollte man den Blick dorthin nicht verschließen, und man kann sich schon vorstellen, dass, wen diese Technologie hier in Deutschland entsprechend genutzt wird, dass dann zu gegebenem Zeitpunkt – das würde ja nicht heute und morgen passieren – auch die Technologie-Preise sinken würden.

Schwarz: Nun neigen Unternehmen und die Industrie natürlich bei solchen Veranstaltungen wie der Sicherheitskonferenz dazu, den Teufel an die Wand zu malen. Aber was meinen Sie denn, wie wichtig ist Rohstoffförderung innerhalb der Landesgrenzen für den Technologiestandort wirklich?

Steinbach: Wir sind natürlich – und da haben wir, glaube ich, in Deutschland Konsens, dass wir Technologiestandort sind und bleiben wollen, auch über die nächsten Jahrzehnte, und da sind wir auf eine sichere Rohstoffversorgung angewiesen. Das bezieht sich sowohl auf die Metallrohstoffe als auch auf die Energierohstoffe. Und bei den Metall- und Energierohstoffen sind wir zum großen Teil eben auch importabhängig, und wenn wir jetzt auf das Thema Gas wieder kommen: Deutschland produziert derzeit ungefähr 13 Prozent des Erdgases, welches wir verbrauchen, selbst. Das ist in den letzten Jahren zurückgegangen, und es wäre natürlich schon interessant, dass wir diesen Anteil zumindest halten können, oder dass er nicht drastisch noch zurückgeht, dass er vielleicht eher wieder aufgebaut werden kann.

Und wenn wir sehen, die politischen Unruhen im Nahen Osten oder in Afrika jetzt oder Abhängigkeiten, Exportquoten beispielsweise bei dem Thema seltene Erden, dann ist es sicherlich sinnvoll, wenn Deutschland, wenn wir auch unsere eigenen Rohstoffe nutzen – selbstverständlich umweltgerecht …

Schwarz: … von denen wir ja nicht viele haben.

Steinbach: Ja, das ist differenziert zu sehen, Deutschland ist auch ein Rohstoffland, bezogen auf Stein und Erden, Steinsalz, Kalisalz – wir sind der viertgrößte Kalisalzproduzent der Welt, wir sind auch der größte Braunkohleproduzent –, und alle unsere Steine und Erden, also Sand und Kies, die Baurohstoffe, produzieren wir in Deutschland.

Aber richtig, bei den Metallrohstoffen und bei den Energierohstoffen sind wir in hohem Maße auf Importe angewiesen. Letztendlich heißt das, wir müssen auch in Deutschland unsere Rohstoffe heben, hierfür natürlich entsprechende Technologien weiterentwickeln mit hohen Umweltstandards, und wenn wir uns mit anderen Ländern vergleichen, dann hat Deutschland schon sehr hohe Umweltstandards, und das ist ja auch sinnvoll dann, dass wir diese Technologien auch in die Länder der Dritten Welt exportieren, und auch da leisten wir letztendlich einen Beitrag mit zum Umweltschutz in diesen Ländern.

Es kann ja nicht sein, dass es uns egal ist, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe beispielsweise in Afrika oder in Südostasien abgebaut werden. Auch da haben wir eine Verantwortung, und wir können sicherlich damit punkten, wenn wir unsere Technologien, die einen sehr hohen Standard haben müssen, wenn wir diese in diese Länder auch exportieren und denen zur Verfügung stellen.

Schwarz: Volker Steinbach von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Vielen Dank für das Gespräch!

Steinbach: Ja, ich danke auch, auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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