29. Mai 2017

 

Lesart / Archiv 30.07.2015

Bukarest-Roman von Dana Grigorcea"Mich empört die politische Untätigkeit der Nachwendekinder"Dana Grigorcea im Gespräch mit Joachim Scholl

Die rumänisch-schweizerische Autorin Dana Grigorcea beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2015 (picture alliance/APA/ Gerd Eggenberger)Dana Grigorcea beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. (picture alliance/APA/ Gerd Eggenberger)

Vor einigen Wochen wurde Dana Grigorcea beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. In ihrem neuen Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit" beschreibt sie das Bukarest ihrer Kindheit - und ihre Enttäuschung über die Nachwende-Generation.

Kürzlich hat Dana Grigorcea beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb aus ihrem neuen Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit" gelesen, der jetzt erschienen ist. In Klagenfurt wurde sie dafür mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Thema des Romans ist das Bukarest ihrer Kindheit – und natürlich wird die 1979 in der rumänischen Hauptstadt geborene Autorin immer wieder gefragt, wie autobiografisch ihre Geschichte der Bankerin Victoria sei.

Autobiografische Züge

Die junge Frau sei, wie sie, ein Wendekind, das den Sturz des Diktators Ceaucescu als Zehnjährige erlebt habe und nun so manches mal "an der Arroganz der Nachwende-Kinder", also jener, die nach 1989 geboren worden seien, verzweifle. Und natürlich sei sie auch ein Pioniermädchen gewesen, habe aber, anders als ihre Heldin, dem Ehepaar Ceaucescu niemals Blumen überreichen müssen – "das ging zum Glück an mir vorbei".

Authentisch ist dagegen die Beschreibung eines Michael-Jackson-Konzerts, das Grigorcea als glühender Fan 1992 in Bukarest miterlebte. Der "King of Pop" durfte vom Balkon des monströsen, noch von Ceaucescu geplanten Parlamentspalastes zu seinen Fans sprechen. Und bekundete prompt, er freue sich "in Budapest" zu sein. Die Bukarester haben es ihm verziehen.

Rasante Veränderungen

Den Roman habe sie "aus der Perspektive einer Rückkehrerin" geschrieben. Ein- bis zweimal im Jahr ist sie heute in ihrer Geburtsstadt – "und ich bin immer wieder verwundert, wie schnell diese Stadt sich verändert". Jedes Mal, wenn sie zurückkehre, habe sich etwas Grundsätzliches verändert. Vor allem aber sei sie "empört über die politische Untätigkeit der Nachwendekinder". Es sei genau die Generation, die es in der Hand habe, in Rumänien eine funktionierende Zivilgesellschaft zu bilden.

Dana Grigorcea, "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit", Dörlemann-Verlag, Zürich, 2015, 263 Seiten, 22 Euro

 

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