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Lesart | Beitrag vom 18.05.2017

Bücher zum Vater-Sohn-VerhältnisDer Vater – das unbekannte Wesen

Jörg Magenau im Gespräch mit Andrea Gerk

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Vater und Sohn: Oftmals ist das Verhältnis nicht ganz einfach (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Vater und Sohn: Oftmals ist das Verhältnis nicht ganz einfach (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Neue Bücher zum Vater-Sohn-Verhältnis: Schwierige und konfliktbeladene Beziehungen werden hier von den Söhnen beschrieben, sie vermissen Zuwendung und Interesse. Zu der Generation davor gibt es eine erstaunliche Konstante: Es wird weiter geschwiegen.

Es gibt in diesem Frühjahr eine ganze Reihe von Büchern, in denen es um Väter geht. Drei lagen durch Zufall plötzlich in der Literaturredaktion auf dem Schreibtisch. Sie sind von Männern geschrieben worden, die zwischen 35 und 50 Jahre alt sind. Interessant: Es sind Väterbücher, die keine Täterbücher sind – also nicht die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Vater beschreiben. Trotzdem geht es um extrem schwierige und konfliktbelastete Beziehungen, um Sprachlosigkeit und einen Mangel an Zuwendung und Interesse.

"Das Schweigen der Vater" – ein Stereotyp?

Für die Nachkriegsgeneration, die 68er und vielleicht auch noch die Jugend der 70er-Jahre ging es in der Auseinandersetzung mit den Vätern immer auch und vor allem um die NS-Vergangenheit, um das Durchbrechen des großen Schweigens, mit dem diese Väter aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Jetzt spielt dieses Thema keine Rolle mehr, oder vielmehr: Es ist nicht mehr so leicht greifbar. Denn das Schweigen der Väter scheint sich zu vererben, auch dann, wenn ihm der historische Gegenstand (das Beschwiegene) verlorengegangen ist. Der Anlass (die NS-Zeit) ist weg, das Schweigen aber bleibt.

Wie ist das zu erklären?

Es gibt von Generation zu Generation ein (unbewusstes) Muster der Wiederholung: Die Söhne tun, was die Väter taten. Die drei Autoren schreiben gegen das Vaterschweigen an, ohne so genau zu wissen, wogegen sie anschreiben. Sie versuchen also, etwas ans Licht zu bringen, tragen darin aber selbst eine dunkle, unbegriffene Seite weiter. Verloren gegangen ist dabei ein Verhältnis zur Geschichte und zum Weiterwirken der Vergangenheit.

Keiner der Autoren fragt, von welchem historischen Standpunkt aus er beobachtet, schreibt, reflektiert. Deshalb fehlt auch das Bewusstsein für Wiederholung und Wiederkehr. Ein Gegenbeispiel, dass es auch anders geht, wäre der aktuelle Roman von Natascha Wodin über ihre Mutter (und ihren Vater): Sie rekonstruiert tatsächlich die Geschichte und zeigt auch, wie sich im Schweigen ihrer Eltern all deren Traumata auf sie selbst übertragen haben, auch wenn sie nichts davon wusste. Dagegen wirkt es etwas schlicht, wenn Martin Osterberg sagt: "Mein Vater ist ein Arschloch."

Was war eigentlich so schlimm an der Kindheit?

Beschrieben wird ein Leiden an der Normalität, an der Problemlosigkeit: Die Wohlstandsgesellschaft als etwas, gegen das sich schwer eine eigene Kontur gewinnen lässt. Wenn kein Widerstand erforderlich ist, wird die Normalität zum Vorwurf, so wie es bei Osterberg im Untertitel heißt: "unglücklich" in einer "normalen Familie". Er schreibt unter Pseudonym, ein Journalist, hat Angst davor, der Vater könnte etwas davon mitkriegen. Das gibt der Abrechnung von vornherein etwas Verdruckstes. Wenn schon, warum dann nicht mit offenen Karten spielen?

Der Vater von Dominik Schottner ist tot, er hat sich zu Tode gesoffen, so dass nun die ganze Kindheit und Jugend des Autors posthum unter dieser Perspektive (dem Verheimlichen des Trinkens, der emotionalen Verkümmerung etc.) abgehandelt wird – eine Perspektive, die aber dem Erleben in der Kindheit nicht entsprach (Erst später wurde klar, dass und wieviel der Vater trank). Arno Frank geht mit seiner Familiengeschichte unbekümmert um. Sie mutiert in der Erzählung zum Abenteuerroman.

Was ist daran erzählenswert?

Wenn "Normalität" zum Thema wird, ergibt sich die Frage, warum man das eigentlich lesen soll. Die beschriebenen Väter sind nicht außergewöhnlich, weder alte Nazis noch besondere Scheusale. Was erhebt die individuelle Auseinandersetzung der Söhne mit ihnen ins Allgemeine? Diese Frage bleibt bei Osterberg offen. Er arbeitet sich am Vater ab wie in der Psychoanalyse, doch der Auftakt (dass Vater und Sohn sich gegenseitig als "Arschloch" bezeichnen) war auch schon der Höhepunkt.

Schottner versucht den Alkoholismus zum gesellschaftlichen Thema aufzupusten und so über den eigenen Vater hinaus ein größeres Thema zu finden - und wird dabei zum Moral-Apostel, sein Buch gewinnt ratgeberhafte Züge: Wir konnten es nicht verhindern, wie kann man es besser machen? Arno Frank hat Glück: Sein Vater war ein Hochstapler, sein Kindheit bietet außergewöhnlichen Stoff.

Von welcher Position aus wird geschrieben?

Die Söhne sind inzwischen selbst Väter, also gewissermaßen Fachleute (Schottner, Osterberg). Sie inszenieren sich als die besseren Väter und gewinnen daraus ihre Legitimation zur Kritik. Sie sind längst erwachsen und beobachten ihre Väter als alte Männer im Zustand zunehmender Verkarstung. Das gibt der Auseinandersetzung aber auch etwas unangenehm Besserwisserisches. Arno Frank macht es anders. Das liegt womöglich daran, dass er einen Roman geschrieben hat. Der Stoff (der Vater als Hochstapler) erlaubt ihm, tatsächlich zu erzählen.

Alle drei schreiben "autobiografisch", Schottner und Osterberg eher als "Sachbuch", während Arno Frank einen "Roman" vorlegt.

Worin besteht der Unterschied?

Alles autobiografische Schreiben erschafft eine "Fiktion". Es gibt im Verhältnis zu einem anderen Menschen oder in Bezug auf die Familiengeschichte keine "sachliche" Wahrheit, sondern nur Versionen der Geschichte. Jeder stellt seine eigene Lebens-Fiktion her. Das geschieht in den "Sachbüchern" von Schottner und Osterberg wohl noch stärker als bei Arno Frank. Der Unterschied liegt nicht im Grad der Fiktion, sondern in der Erzählweise.

Franks Geschichte lässt sich tatsächlich als Roman lesen. Dabei ist es völlig unerheblich, was und wieviel daran erfunden wurde. Womöglich gar nichts. Trotzdem ist dieses Buch glaubwürdiger als die beiden anderen.

(Online-Bearbeitung: ahe)

Martin Osterberg: Das kalte Haus. Meine unglückliche Kindheit in einer heilen Familie
Piper Verlag, München 2017
304 Seiten, 20,00 Euro

Dominik Schottner: Dunkelblau. Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor
Piper, München 2017
256 Seiten, 15,00 Euro

Arno Frank: So, und jetzt kommst du
Tropen, Stuttgart 2017
352 Seiten, 22,00 Euro

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Rowohlt, Hamburg 2017
368 Seiten, 19,95 Euro

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