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Buchkritik | Beitrag vom 24.01.2018

Buch zum "Museum der zerbrochenen Beziehungen"Wie ein Einblick in fremde Tagebücher

Von Eva Hepper

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"Das Museum der zerbrochenen Beziehungen" zeigt Relikte von Lieben, die gescheitert sind.  (Rowohlt, Pana Vasquez/ Unsplash)
"Das Museum der zerbrochenen Beziehungen" zeigt Relikte von Lieben, die gescheitert sind. (Rowohlt, Pana Vasquez/ Unsplash)

Ein Scheckheft, eine Intimwaschlotion, eine Axt - Olinka Višticas und Dražen Grubišićs "Museum der zerbrochenen Beziehungen" umfasst eine denkwürdige Sammlung von Relikten. Alle erzählen sie von verflossenen Lieben. Das Buch dazu ist ebenfalls faszinierend.

Es war ein ganz besonderes Beziehungsritual, das das britische Paar immer in den Ferien zelebrierte: Abwechselnd lasen sich die Zwei Proust vor; über zehn Jahre hinweg an diversen südeuropäischen Stränden gingen sie auf die "Suche nach der verlorenen Zeit". Die mehrbändige Taschenbuchausgabe des Monumentalwerkes wurde dafür portionsgerecht zerschnitten. Doch dann, 200 Seiten vor dem Ende der Lektüre, zerbrach die Beziehung und das letzte Päckchen Seiten blieb ungelesen.

Die zerlesenen Bücher wanderten nicht wieder ins Regal und auch nicht in den Müll. Als Relikt einer verflossenen Liebe fanden sie vielmehr Eingang in das "Museum der zerbrochenen Beziehungen". Olinka Vištica und Dražen Grubišić hatten die Institution nach dem Ende ihrer eigenen Liebesgeschichte 2006 im Rahmen eines Kunstfestivals präsentiert - mit 40 Objekten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis. Die Idee der beiden kroatischen Künstler schlug ein: Nach mehreren Jahren als Wanderausstellung mit mittlerweile über 10.000 "Hinterlassenschaften" aus aller Welt, hat die Institution seit 2010 eine feste Niederlassung in Zagreb und eine Zweigstelle in Los Angeles.

75 Relikte aus der Trümmerlandschaft ehemaligen Glücks

Nun erscheint das Buch zum Museum. 75 Relikte aus der Trümmerlandschaft ehemaligen Glücks haben Olinka Vištica und Dražen Grubišić für ihre Publikation ausgewählt. Wie in der Ausstellung werden sie gemeinsam mit den Eckdaten der Beziehung - die Personen bleiben anonym - und den dazugehörenden Geschichten präsentiert. Diese handeln von hetero- oder homosexuellen Liebespaaren, manche auch von Eltern-Kind-Beziehungen; viele erstrecken sich über eine ganze Seite, wenige kulminieren in einem einzigen Satz.

Ein Scheckheft bezeugt zum Beispiel den Aufbau und Niedergang einer über 20 Jahre währenden großen Liebe. Es steht, so die Erzählung der Verlassenen, für Familiengründung und diverse Anschaffungen aus guten Zeiten wie auch für Psychiater- und Rechtsanwaltskosten während des Rosenkriegs. Eine Dose mit Liebesräucherduft wird flankiert von der saloppen Bemerkung "Funktioniert nicht". Zwei Brustimplantate unterstreichen eine besondere Enttäuschung, eine Axt illustriert einen Wutausbruch, ein voller Aschenbecher das Scheitern einer Liebe mit dazugehöriger Schlaflosigkeit und nächtlichem Rauchen auf dem Balkon.

Von den Objekten geht ein unwiderstehlicher Reiz aus

Schmerzhafte, traurige, tragische, schöne und auch unglaubliche Erinnerungen haben sich in den gesammelten Gegenständen abgelagert. Man betrachtet sie bisweilen amüsiert (eine Intimwaschlotion), manchmal entsetzt (die Axt!), fast immer fasziniert (eine Postkarte aus dem Jahr 1919 von Heidelberg in die USA) und nicht selten voller Mitgefühl (etwa die Jeans eines verunglückten Motorradfahrers). Tatsächlich geht von den Objekten ein unwiderstehlicher Reiz aus. Als würde der Betrachter Einblick bekommen in fremde Tagebücher, die zwar sehr persönliche, aber eben auch universelle Geschichten erzählen. Es geht um Hoffnungen und Träume, um Höhenflüge und Abstürze, um Verletzungen und Heilwerden; kurz um das Wagnis der Liebe. Ein herrliches Buch!

Olinka Vištica/Dražen Grubišić: Das Museum der zerbrochenen Beziehungen. Was von der Liebe übrig bleibt - Geschichten und Bilder
Aus dem Englischen von Marcus Gärtner
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
264 Seiten, 15,00 Euro

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